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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.05.2007

Das F-Wort. Feminismus ist Sexy - Mirja Stöcker im Interview
Stefanie Denkert

Die Herausgeberin Mirja St√∂cker spricht mit AVIVA √ľber die neue Feminismusdebatte, das Aufbrechen von Klischees rund um das F-Wort und warum Frauen und M√§nner dadurch sexy werden.



AVIVA-Berlin: Gratulation zu dem von Ihnen im Ulrike Helmer Verlag herausgegebenen Buch "Das F-Wort. Feminismus ist sexy". Die TAZ hat ihr Buch gelobt, und einige Beiträge sind sogar bei Spiegel Online vorab veröffentlicht wurden. Haben Sie mit so einer starken Resonanz gerechnet?
Mirja St√∂cker: Dankesch√∂n! Das Buch steht f√ľr eine neue, zeitgem√§√üe Herangehensweise an Feminismus, es bringt frischen Wind in die Debatte. Ich bin tats√§chlich davon ausgegangen, dass dieses neue "F-Wort" Geh√∂r finden w√ľrde. Dass es bislang ausschlie√ülich positive Reaktionen gab, hat mich dann aber doch √ľberrascht.

AVIVA-Berlin: Wir befinden uns in einer widerspr√ľchlichen Zeit, was den Feminismus angeht - zum einen gibt es den biologistischen Backlash -ganz medienwirksam von Eva Herman angef√ľhrt, auf der anderen Seite haben wir die erste deutsche Kanzlerin -zwar konservativ, aber mittlerweile frauenbewusst und dazu noch eine konservative Familienministerin, die sich f√ľr alte feministische Ziele, wie ausreichende Kinderbetreuung, einsetzt. Mit welcher Intention also haben Sie gerade jetzt "Das F-Wort" herauszugeben? Gab es einen "Ausl√∂ser" daf√ľr oder haben Sie das Thema schon lange mit sich herumgetragen?
Mirja St√∂cker: Die Zeit war schon lange reif f√ľr eine neue Feminismusdebatte. Viele Errungenschaften der zweiten Feminismuswelle hatten die gesamte Gesellschaft durchdrungen. Das hatte aber auch eine gewisse Bequemlichkeit zur Folge. Und nat√ľrlich gab es Gegenbewegungen, w√§hrend so manches Ziel noch lange nicht erreicht war. Die sich wandelnden wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen verlangen indes neue Antworten und vor allem einen neuen Stil feministischen Argumentierens und Handelns. Nach der Eva Herman-Debatte war das √∂ffentliche Interesse so gro√ü wie lange nicht mehr. Das war also der richtige Zeitpunkt. Daneben hadere ich aber schon seit langem damit, dass √ľber Feminismus und √ľber Frauen und M√§nner auch heute noch haupts√§chlich Klischees √† la "Warum M√§nner nicht zuh√∂ren und Frauen nicht einparken k√∂nnen" im Umlauf sind. Dazu geh√∂rt auch der typisch deutsche Mythos von der Rabenmutter. In den Medien werden diese Klischees gern reproduziert, und so mangelt es vielerorts immer noch an Wissen √ľber die Geschlechter und √ľber Feminismus. "Das F-Wort" r√§umt mit diesen Klischees auf und zeigt Frauen und M√§nnern, welche Freir√§ume ihnen Feminismus erst erm√∂glicht und dass sie sich mit Klischeeglauben vor allem selbst im Wege stehen.

AVIVA-Berlin: Deutschland hinkt in Sachen Feminismus und Geschlechterfragen anderen L√§ndern hinterher. In den USA, zum Beispiel, gibt es schon seit Anfang der 1990er eine dritte Welle der Frauenbewegung. Haben Sie w√§hrend Ihres Studiums oder f√ľr Ihr Buch einen Blick ins Ausland geworfen, sich wom√∂glich an anderen feministischen Theoretikerinnen orientiert? Falls ja, an welchen? Alternativ, falls das nicht zutrifft, wer sind Ihre Vorbilder?
Mirja St√∂cker: Sicher wurde ich stark gepr√§gt u.a. von Judith Butlers "Unbehagen der Geschlechter". Aber "Das F-Wort" ist ja kein theoretisches Buch f√ľr die akademische Diskussion. Hier geht es den AutorInnen und mir darum - unter der Bedingung der hierzulande vorhandenen Ber√ľhrungs√§ngste in Sachen Feminismus - Frauen und M√§nnern das Freiheits- und Gestaltungspotential zu zeigen, dass das b√∂se F-Wort mit sich bringt.

AVIVA-Berlin: Wie sind Sie auf den Titel "Das F-Wort" gekommen, der ja auf sehr witzige Weise darauf anspielt, dass Feminismus ein Schimpfwort ist. Und: Warum finden Sie, wie ihr Untertitel besagt, dass Feminismus sexy ist? Sind Feministinnen entgegen des Klischees auch sexy?
Mirja St√∂cker: Das Buch "Das F-Wort" zu nennen, lag f√ľr mich nahe. Den Begriff Feminismus konnte man ja lange kaum in den Mund nehmen, ohne schr√§g angeguckt zu werden. Vom "F-Wort" zu reden, schafft eine ironische Distanz, ohne sich jedoch tats√§chlich abzugrenzen. So gewinnt man einen Raum, in dem man wieder mit Spa√ü √ľber Feminismus diskutieren kann. Denn das ist mir wichtig: Der neue Feminismus, der hier sichtbar wird, baut selbstverst√§ndlich auf vorhandenem feministischem Wissen auf. Und er legt den Akzent auf Freiheit und Freude - auch F-W√∂rter - jeder einzelnen Frau. Und die damit verbundene Sexyness ist f√ľr mich eigentlich eine Selbstverst√§ndlichkeit: Mehr Feminismus hei√üt mehr freie, selbstbewusste Frauen, und das wiederum hei√üt mehr Lust und Freude im Leben von Frauen -- und damit letztlich auch im Leben von M√§nnern.

AVIVA-Berlin: Die meisten Frauen erfahren in ihrem Leben fr√ľher oder sp√§ter Sexismus, und wenden sich dennoch nicht den Feminismus zu, um nach Erkl√§rungsmodellen zu suchen. Wie sind Sie zum Feminismus-Fan geworden und wie w√ľrden Sie in einem Satz versuchen, anderen das F-Wort schmackhaft zu machen?
Mirja St√∂cker: Ich bin tats√§chlich gar nicht √ľber ein konkretes Sexismus-Erlebnis zum Feminismus gekommen, obwohl ich strukturelle und konkrete Ungerechtigkeiten immer schon stark wahrgenommen habe. Die Erfahrung von Freiheit in Sachen Geschlecht m√∂chte ich vielmehr in den Vordergrund stellen: Lasst Euch nicht in geschlechtliche Zwangsjacken stecken, erweitert Eure Pers√∂nlichkeit und z.B. auch Eure Partnerschaften, indem Ihr Euch mit Feminismus besch√§ftigt. Mehr Feminismus = zufriedenere Frauen. Und in der Konsequenz, davon bin ich √ľberzeugt, auch zufriedenere M√§nner!

AVIVA-Berlin: Stellen Sie sich vor, morgen w√§re Ihr erster Tag als Bundeskanzlerin. Welches Gesetz w√ľrden Sie sofort erlassen oder abschaffen? Was w√ľrden Sie ver√§ndern?
Mirja St√∂cker: Oh da muss ich mich erst mal mit mir bekannten feministischen RechtstheoretikerInnen beraten (lacht) ... Mein Gebiet sind ja eher die Diskurse. Gesetze allein √§ndern die Vorstellungen in den K√∂pfen nicht. Aber Ansatzpunkte g√§be es wohl genug: Ehegattensplitting, gleicher Lohn f√ľr gleiche Arbeit - und vielleicht eine Nackte-M√§nner-Quote in der Werbung? (lacht wieder)

AVIVA-Berlin: D√ľrfen wir mit mehr Aufkl√§rungsarbeit von Ihnen rund um das F-Wort rechnen oder sind Sie mit ihrer Arbeit im Lektorart/PR beim Ulrike Helmer Verlag gen√ľgend ausgelastet? Was wird Ihr n√§chstes Projekt/Buch sein?
Was sind Ihre Ziele f√ľr die Zukunft?
Mirja Stöcker: Am F-Wort bleibe ich selbstverständlich dran, das lässt eine(n) eh nicht mehr los, wenn man erst mal damit angefangen hat! Wie das nächste Projekt aussehen wird und wann es kommt - da will ich mich jetzt nicht festlegen.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f√ľr das Interview und weiterhin alles Gute f√ľr die Zukunft!


Zu Mirja Stöcker:
Mirja St√∂cker studierte Germanistik, Philosophie und Psychologie in Marburg. Sie ist im Ulrike Helmer Verlag verantwortlich f√ľr die Presse- und √Ėffentlichkeitsarbeit, sowie f√ľr das Lektorat. Mirja St√∂cker ist zudem Mitglied bei den "B√ľcherFrauen" - Women in Publishing, einem beruflichen Netzwerk f√ľr Frauen aus Buchhandel, Verlagen, Agenturen und allen anderen Arbeitsbereichen rund ums Buch.

Lesen Sie auch unsere Rezension von "Das F-Wort. Feminismus ist Sexy" auf AVIVA.

Kultur Beitrag vom 29.05.2007 AVIVA-Redaktion 





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