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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.02.2008

58. Berlinale ‚Äď Die Preistr√§gerInnen
Tatjana Zilg

Sally Hawkins, die in der Kom√∂die "Happy Go Lucky" eine √§u√üert sympathische 30j√§hrige Londonerin spielt, wurde mit dem Silbernen B√§ren f√ľr die beste Darstellerin ausgezeichnet. Die Hauptpreise ...



... gingen an Filme mit politischen Themen.

Den Goldenen Bären nahm der brasilianische Regisseur José Padhila in Empfang. In seinem Thriller "Tropa De Elite" lässt er den Chef einer Polizei-Sondereinheit, die in Rio De Janeiro gegen Drogendealer in der Favela kämpft, von einem Alltag erzählen, in dem das gezielte Erschießen von Tatverdächtigen Normalität ist. Die Realität zu spiegeln und damit zu verändern war das Arbeitsziel des diesjährigen Berlinale-Gewinners. Der Film ist als Mischung von Doku-Fiction und Action-Thriller nicht unumstritten, aber er gibt dem ernsten Thema auch eine hohe internationale Aufmerksamkeit, die bisher durch Reportagen und andere Medienberichte nicht erreicht werden konnte. Leider werden die Frauencharaktere im Film nicht sehr differenziert dargestellt. Eher wenig erfährt man von der Ehefrau des Polizeichefs, der Sozialarbeiterin in der Favela und der Freundin des Großdealers.
Eine Neuerung der diesjährigen Berlinale war es, im Wettbewerb einen Dokumentarfilm vorzustellen, nachdem sich dieses Genre in den anderen Sektionen einen immer größeren Raum eroberte und vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.
F√ľr den Wettbewerb 2008 wurde "Standard Operating Procedure" von Errol Morris ausgew√§hlt, der die Folterungen im US-amerikanischen Gef√§ngnis Abu Ghuraib im Irak thematisiert. Anhand der schockierenden Fotoaufnahmen, die 2003 an die √Ėffentlichkeit drangen, rekonstruiert der Oscar-pr√§mierte Regisseur den Skandal um die US-Army und die irakischen Inhaftierten nach. Der Dokumentarfilm wurde mit dem Silbernen B√§ren ausgezeichnet.

Die Jury-Entscheidung steht im leichten Kontrast zu der Ank√ľndigung von Dieter Kosslick, dass es keine politische Berlinale werden sollte.
Die Mehrzahl der Filme im Wettbewerb erz√§hlte von den kleinen und gro√üen Dramen, die sich weltweit im Mikrokosmos Familie abspielen. Im Mittelpunkt standen oft Kinder und Jugendliche, die sich in schwierigen Situationen zurechtfinden m√ľssen. In "Restless" ist es der gerade erwachsen gewordene Sohn (Ran Denker als Tzach), der nach einem Fehlschuss auf ein arabisches Kind w√§hrend seines Milit√§rdienstes und dem Krebstod der Mutter in eine Identit√§tskrise ger√§t. Von Tel Aviv reist er nach New York, wo er seinen Vater (Moshe Ivgy als Moshe) aufsucht, der Israel vor Jahrzehnten verlie√ü, um in der amerikanischen Metropole seine Vergangenheit zu vergessen. Der Film erhielt den Preis der Gilde deutscher Filmkunsttheater.

Kurz vor dem Startschuss zum Run auf die begehrten Kino-Tickets ging die Schlagzeile "Die Berlinale der starken Frauen" durch die Medien. Das dr√ľckte sich aber nicht in allen Sektionen durch den Anteil der weiblichen Regisseurinnen aus. Im Wettbewerb waren es nur Zwei: Isabel Coixet ("Elegy") und Doris D√∂rrie ("Kirschbl√ľten - Hanami"). An vielen anderen Stellen aber fand sich doch ein wenig Wahrheit in der Schlagzeile.
Amos Kollek ("Sue", "Fiona", "Bridget") lässt in "Restless" seine weibliche Hauptrolle (Karen Young als Yolanda) ihren Alltag im Gegensatz zum männlichen Gegenpart mit Bravour meistern. Sie arbeitet als Barfrau und es gelingt ihr, dem 8jährigen Sohn ein stabiles und liebevolles Zuhause zu geben.

Tilda Swinton zeigte sich in "Julia" (Regie: Erick Zonca) in einer f√ľr sie sehr ungew√∂hnlichen Rolle: Sie spielt eine labile und impulsive Alkoholikerin, die eine Kindesentf√ľhrung als scheinbaren Ausweg aus ihrer finanziellen Misere ansieht. Leider schw√§chelt das Drehbuch und der √ľber zweist√ľndige Film geriet schnell in die negative Kritik. Die dunklen Charakterseiten von Julia durch mexikanische B√∂sewichte zu √ľbertrumpfen, war sicherlich angesichts der realen Grenzkonflikte keine besonders gute Idee. Im Panorama fand sich ein Thriller, der dieses Thema differenzierter angeht: "Sleep Dealer" von Alex Rivera, der mit dem Amnesty International Filmpreis ausgezeichnet wurde.
Das Schwergewicht von "Julia" lag auf der sich langsam entwickelnden Beziehung zwischen dem 10j√§hrigen Tom und seiner Entf√ľhrerin Julia, die durch die hohen schauspielerischen F√§higkeiten von Tilda Swinton Glaubhaftigkeit bekam, auch wenn der dramaturgische Kontrastbogen zwischen den Gewaltszenen und den Momenten, in denen Julia im Kontakt mit dem Jungen zu ihrer Sensibilit√§t zur√ľckfindet, sehr weit gespannt war.

Zwei Frauen, die eigentlich genau wissen, was sie vom Leben wollen, begegnen sich in "Black Ice" ("Musta J√§√§") von Petri Kotwica. Eine √Ąrztin und eine Taekwondo‚ÄďTrainerin geraten in eine Lebenskrise, als der Ehemann der Einen zum Geliebten der Anderen wird. Ohne es zu wissen, wird die Geliebte zur Freundin der Ehefrau. Fast vergisst die √Ąrztin ihr Ziel, die J√ľngere nur auszuspionieren, so sehr f√ľhlt sie sich intuitiv hingezogen zum Lebensstil der Anderen.

Eine Frau, die Publikum wie Presse vom ersten Moment ihres Erscheinen auf der Berlinale-Palast-Leinwand verzauberte, ist Sally Hawkins. Als Poppy, eine 30j√§hrige britische Lehrerin, beh√§lt sie in jeder Situation ihren Humor und reagiert dennoch im richtigen Moment ernst und lebensklug. Die Kom√∂die von Mike Leigh setzt ganz auf das Charisma des lebenslustigen Hauptcharakters. Poppy¬īs Abenteuer ereignen sich in einem Alltag, der aus ganz normalen Dingen besteht: Party mit Freundinnen, Unterricht mit den Kindern, die Betreuung eines Problemsch√ľlers, die Beendigung des Single-Daseins. Anders als Bridget Jones t√§nzelt Poppy mit einer ansteckenden Leichtigkeit und Fr√∂hlichkeit durch die H√∂hen und Tiefen eines jeden Tages und begeistert ihre Umgebung durch ihren ideenreichen Wortwitz. Bis auf den Fahrlehrer, der mit seiner pessimistischen Weltsicht Poppy fast aus dem Takt bringt, aber auch hier findet sie letztlich die richtigen Worte.
Der diesj√§hrige B√§ren-Favorit von einigen PressevertreterInnen gelangte zwar nicht ganz an die Spitze, aber ein Silberner B√§ren f√ľr die beste Darstellerin lie√ü Sally Hawkins zur Freude aller noch einmal die B√ľhne des Berlinale-Palast betreten.

Neben den Filmen, die oft in nachdenklicher Stimmung die ZuschauerInnen ins Treiben rund um den Potsdamer Platz entlassen, begleiteten viele gro√üe Namen die 58. Berlinale. F√ľr Glamour und Fan-Aufl√§ufe war reichlich gesorgt. Dieses Jahr r√ľckten die Sektionen neben den Wettbewerb dadurch mehr in die Schlagzeilen: Madonna lief √ľber den Roten Teppich, der zum ZooPalast ‚Äď Kino f√ľhrte, denn ihr Regiedeb√ľt wurde im Panorama gezeigt. Wie erwartet werden konnte, war kaum jemand vom Film an sich begeistert, auch wenn die Kom√∂die um eine 3-er WG in London einige bissige Pointen enth√§lt. Doch bietet sie kaum unerwartete Wendepunkte und es fehlt an manchen Stellen an dramaturgischer Tiefe. Madonna als Pers√∂nlichkeit und weltgr√∂√üter Popstar war aber Magnet genug, um f√ľr Riesengerangel um Kinos, Roten Teppich und Pressekonferenzsaal zu sorgen.

Wundervolle Schauspielerinnen und Musikerinnen sorgten f√ľr viele sch√∂ne Momente, die nicht nur den Fans lange in Erinnerung bleiben werden. Patti Smith bewies ihren nie vergehenden Rock-Esprit. Penelope Cruz beeindruckte mit ihrem Charme, der im Zusammenspiel mit Ben Kingsley ganz besonders wirkte. Kurz vor dem gro√üen Finale √ľbertrafen sich Natalie Portman und Scarlett Johansson gegenseitig bei ihren Live-Demonstrationen von Good Girl ‚Äď Bad Girl ‚Äď Polarit√§ten. Auf der Leinwand spielen sie zwei Schwestern, die in "The Other Boleyn Girl" ("Die Schwester der K√∂nigin") um die Gunst von Heinrich dem VIII. rangeln. Eher leichte Kinokost, aber gut umgesetzt und sehenswert allein wegen der Idee, das Historien-Melodram aus der Perspektive der Frauencharaktere zu erz√§hlen. Der Film lief au√üer Konkurrenz im Wettbewerb.
Im mittelalterlichen Setting verk√∂rpert Scarlett Johansson das Good Girl. In der Realit√§t zeigte sie sich wie gewohnt mit einer bestechenden Mischung aus Cleverness und Sex-Appeal. Ein Trip in den Musik-Business ist geplant: Mit der Ver√∂ffentlichung ihrer CD mit Tom Waits‚ÄďCoverversionen ist in naher Zukunft zu rechnen.

In den Sektionen Panorama und Generation war der Anteil der Regisseurinnen wesentlich höher.
Die j√ľngste Regisseurin der Berlinale, die 19j√§hrige Hana Makhmalbaf, bewies nicht nur durch ihr Alter ihr au√üergew√∂hnliches Talent. Ihr Film "Budha Collapsed Out Of Shame" ("Buddah zerfiel vor Scham") lief in der Generation Kplus. An einem historisch bedeutungsvollen Drehort setzte sie mit Kinder-LaiendarstellerInnen die Geschichte von dem sechsj√§hrigen M√§dchen Bakthay um, das unbedingt die Schule besuchen will, aber mit etlichen Hindernissen konfrontiert wird. Im Tal von Bamian in Afghanistan trifft sie auf kriegsspielende Jungen. Am selben Ort wurde 2001 eine Buddha Statue von den Taliban zerst√∂rt. Im grausamen Spiel der Kinder spiegelt sich die Sinnlosigkeit und H√§rte der Gewalt unter Erwachsenen.
Der Film wirkt tief nach. Gleich zwei Preise erhielt die Regisseurin: Den Gl√§sernen B√§ren der Generation-Kinder-Jury und den Friedensfilmpreis, der von der "Initiative Friedensfilmpreis" in Verbindung mit den "√Ąrzten zur Verh√ľtung des Atomkriegs" (IPPNW) und der Heinrich-B√∂ll-Stiftung gestiftet wird.
Die Jugend-Jury der Generation 14plus pr√§mierte "The Black Ballon" von Elissa Down. Die Australierin erz√§hlt eine fiktive Geschichte √ľber eine Familie mit zwei S√∂hnen im Teenager-Alter, von denen einer vom Autismus und Tourette-Syndrom betroffen ist.

Die Beteiligung am Panorama-Publikumspreis, der vom Stadtmagazin tip und Radio Eins vergeben wird, war dieses Jahr wieder enorm. Mehr als 20.000 Stimmen erhielt der Gewinner-Film "Lemon Tree". Der israelische Regisseur Eran Riklis, der schon mit "Die syrische Braut" die Grenzkonflikte zu einem bewegenden Spielfilm verarbeitete, lie√ü einen gro√üen Garten mit uralten Zitronenb√§umen zum Ausgangspunkt f√ľr einen Streitfall zwischen einer j√ľdischen und einer pal√§stinensischen Familie werden. Als der israelische Verteidigungsminister eine Villa am Gaza-Streifen bezieht, wird der Zitronenhain der Witwe Salma (Hiam Abass) zum Sicherheitsrisiko. Die stolze Frau setzt sich gegen die Anordnung, ihre B√§ume zu f√§llen, zur Wehr. Unterst√ľtzt von einem jungen Anwalt leitet sie ein Gerichtsverfahren ein. Gleichzeitig entwickelt sich eine fast wortlose Beziehung zwischen der pal√§stinensischen Frau und ihrer israelischen Nachbarin. Die Ehefrau des Ministers bekommt allm√§hlich einen ganz neuen Blick auf die Bewohnerin des Gaza-Streifen und setzt sich zum √Ąrgernis ihres Ehemannes f√ľr sie ein.

Der TEDDY wird auch dieses Jahr eventuell bis auf die Philippinen reisen, denn pr√§miert wurde der au√üergew√∂hnliche Spielfilm "The Amazing Truth About Queen Raquela" von Olaf de Fleur Johannesson. Der Isl√§nder konstruierte eine Mischung aus Fiktion und Doku √ľber eine philippinische Transsexuelle, die davon tr√§umt, nach Europa zu fliegen. Da sie extrem charmant und eloquent ist, gelingt ihr dies auch, aber nicht alles dort entspricht ihren Vorstellungen.
Die Jury begr√ľndete die Entscheidung mit der F√§higkeit des Regisseur "Ethnizit√§t, Gender und Armut auf unterhaltsame Weise anzusprechen und gleichzeitig mit den Zuschauererwartungen an die filmische Form zu spielen".
Als bester Dokumentarfilm wurde "Football Under Cover" gek√ľrt, der sich nicht direkt mit schwul-lesbischen Themen besch√§ftigt, sondern die Reise einer Kreuzberger Frauen-Fu√üballmannschaft zu einer Freundschaftsspiel-Begegnung mit der iranischen National-Frauenmannschaft begleitet.
"Die diesjährigen Dokumentationen haben die Herzen der TEDDY Jury im Sturm erobert. Viele der Dokumentarfilme verpacken schwierige Themen, die zum Nachdenken anregen, auf wirkungsvolle und zugängliche Art. Dem Gewinnerfilm gelingt es sehr filmisch und unglaublich fesselnd, auf subtile und humorvolle Weise die Geschlechterrollen im Sport in islamischen Gesellschaften zu zeigen."

Auch auf der Wohlt√§tigkeitsgala "Cinema for Peace", die jedes Jahr parallel zur Berlinale stattfindet, wurde ein Film √ľber den Iran ausgezeichnet. Der Preis ging an den Comicfilm "Persepolis".

Die Femina-Jury verlieh den Preis der deutschen Filmarbeiterinnen an Maria Gruber f√ľr die Ausstattung in "Revanche" (Regie: G√∂tz Spielmann).
"Die Genauigkeit der Ausstattung von Maria Gruber hat die Jury √ľberzeugt. Ihre R√§ume machen in subtiler Weise den Charakter der Figuren sichtbar, dienen also der Geschichte und verschmelzen mit den Kost√ľmen zu einem Ganzen. Die Ausstattung ist besonders, ohne sich in den Vordergrund zu dr√§ngen. Sie ist gleichzeitig √ľberraschend und wahrhaftig und verzichtet auf Klischees. So entstehen Orte, die in Erinnerung bleiben."

Wir freuen uns auf die 59. Berlinale im Jahr 2009 und das vielseitige Spektrum an Filmen in allen Sektionen, besonders auch auf die TEDDY-Auswahl.

Mehr Infos finden Sie auf den Websites:

www.berlinale.de

www.teddyaward.org


Kultur Beitrag vom 19.02.2008 AVIVA-Redaktion 





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