Vanessa Stern - La Derni├Ęre Crise. Frauen am Rande der Komik - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kultur
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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.11.2011

Vanessa Stern - La Derni├Ęre Crise. Frauen am Rande der Komik
Lisa Scheibner

Vanessa Stern, Schauspielerin, hat sich die Krise zur Freundin gemacht. Seit sie das "Krisenzentrum f├╝r weibliche Komik" gegr├╝ndet hat, l├Ądt sie regelm├Ą├čig Frauen in ihre Abendshow in die ...



... Sophiensaele ein, um "Komik" live aus geschlechtsspezifischer Sicht zu untersuchen.

Das Publikum ist von Anfang an bester Laune, die Kantine der Sophiensaele bis auf einen Platz gef├╝llt. Doch selbst dieser k├Ânnte bei Vanessa Stern eine Krise hervorrufen: "Da. Leerer Platz." Sie blickt die ZuschauerInnen wissend an, das Scheitern lauert hinter jedem Stuhlbein. Das Motto des Abends: "Sch├Âne Schei├če".

Ausbeutung und Geld waren einige der vorherigen Themen von Vanessa Sterns Performancereihe "La Derni├Ęre Crise", eine Richtung zeichnet sich ab: Die private Krise hat politische Dimensionen und umgekehrt. 2010 hat die Schauspielerin das "Krisenzentrum f├╝r weibliche Komik" gegr├╝ndet, das in interdisziplin├Ąren Workshops "Werkzeuge des Komischen und der Krise" untersucht, wie die "(Nerven)s├Ąge", oder die "Wachstumsschraube". Mit der Gender AG des globalisierungskritischen Netzwerks attac veranstaltet Stern au├čerdem "kom├Âdiantische Interventionen".
Herzst├╝ck des Zentrums ist jedoch die Abendshow, in die Vanessa Stern alle zwei Monate unterschiedlichste Frauen einl├Ądt, um gemeinsam an der Komik zu forschen die jeder Krise innewohnt und die nur darauf wartet, als weibliches "kulturelles Kapital" entdeckt zu werden.

"Heulen kann schlie├člich jede."

Heute vorsichtshalber mit hohen Gummistiefeln ausger├╝stet, f├╝hrt Vanessa Stern durch den Abend, schl├╝pft f├╝r die Moderation in verschiedene Rollen und steuert selbst die eine oder andere Performance bei.
Die kleine B├╝hne vor provisorisch mit wei├čer Plane abgeh├Ąngter Wand zeugt vom Understatement der ganzen Veranstaltung, Perfektion ist ausdr├╝cklich unerw├╝nscht. Schon der Schriftzug mit dem Motto des Abends, den Vanessa Stern mit dunkler Farbe pinselt, passt nicht auf die vorgesehene Fl├Ąche. Ohne Improvisation l├Ąuft hier gar nichts, soviel ist sicher.

Die "Sch├Âne Schei├če" ist Teil der Krise, das wird dem Publikum bald klar. Sie ist das, was daneben geht oder zu Gold gemacht wird. Diese ganz spezielle Selbsterfahrung ist unvermeidlich, es geht um Momente, die frau oft lieber vergessen w├╝rde. Aber nur solange, bis sie die ungenutzten M├Âglichkeiten darin erkennt!
Erster gro├čer H├Âhepunkt des Abends ist Lioudmila Voropais wissenschaftlicher Vortrag "Zur Semiologie der Schei├če als ├Ąsthetische Kategorie", der anhaltende Heiterkeit erzeugt. Lacan hatte mal wieder Recht und gro├če "Gesch├Ąfte" auf dem Kunstmarkt, so Voropai, werden mit ganz ├Ąhnlichen Motivationen gemacht wie kindliche ur-kreative (Ver-)├äu├čerungen auf dem T├Âpfchen. Wie man aus Schei├če Gold macht, wusste schlie├člich auch Piero Manzoni, als er 1961 seine Ausscheidungen in Dosen verpackte und mit Gold aufwiegen lie├č.

Artist┬┤s Shit revisited

Nach so viel Theorie gibt es dann Musik vom Trio "Le Sorelle Blu", das ├╝ber den Abend verteilt "Seemannslieder der schr├Ągeren Sorte" spielt. Melancholie liegt in der Luft. Steht der Schiffsuntergang kurz bevor oder liegt es daran, dass Lieder vom Meer immer etwas d├╝sterer sind? Die Jungs, die so bald nicht wiederkommen, die drei Mann auf des Totenmanns Kiste - was haben die Frauen im Friesennerz mit all den Kerlen vor? Schw├Ąrmerische M├Ądchen am Hafen von Pir├Ąus sind sie keinesfalls. Auf Trompete, Baritonsaxofon, an der Percussion und singend vermischen die eigenwilligen Seefrauen munter altbekannte Songs, die sie mit einer guten Portion Ironie performen. Die Genres flie├čen ineinander, der Humor blitzt durch und am Ende gibt es nat├╝rlich eine Zugabe.

Krisen "komisch zu bearbeiten" ist einer der Grundpfeiler von Vanessa Sterns Projekt: Der hochgewachsenen Amerikanerin Manon Kahle etwa ist w├Ąhrend eines gar nicht romantischen Austauschsemesters in "Oh lala Paris" das Lachen vergangen. Im eiskalten K├Ąmmerlein unterm Dachgiebel hat auch der malerische Blick aus dem Fenster nur begrenzt geholfen. "I`m fine!" kreischt sie verzweifelt ihren Eltern am Telefon entgegen und verflucht die obligatorische amerikanische gute Laune.
Dann hat Vanessa Stern selbst ihren Auftritt als leibhaftiger Schiss, in ausgestopfte Strumpfhosen eingezw├Ąngt, mit graubraunem Schleim im Gesicht. Sie kommt, schaut, und geht wieder, charmant feuchte Fu├čspuren hinterlassend. Der Schiss bleibt stumm, es h├Ątte schlimmer kommen k├Ânnen.
Zum Schluss wird es noch einmal gruselig: Valerie Oberhof, angetan mit einer Per├╝cke, die wie Amy Winehouse` gel├Âster Beehive aussieht, versucht fiesen Trennungsschmerz mit Telefonstreichen bei der Polizei zu bek├Ąmpfen und tr├Ąumt als Ornithologin davon, ein Fink zu sein. Das Lachen nimmt gef├Ąhrliche Dimensionen an, wer wei├č, wozu diese Frau f├Ąhig ist!

Butterbrot mit Schnittlauch

Zwei bezopfte Damen haben schon seit Beginn der Show Butterbrote geschmiert (auch vegan erh├Ąltlich!), der Reinerl├Âs dessen ist alles, was die K├╝nstlerinnen heute Abend verdienen. "Da k├Ânnen die sich dann ein Snickers kaufen oder so", kommentiert Stern. Willkommen in der vielgelobten freien Berliner Kulturszene, Ausbeutung de Luxe.

Vanessa Stern hat es sich zur Aufgabe gemacht, "geschlechtsspezifische Zug├Ąnge zur Komik" zu erforschen, denn die Krise der weiblichen Komik ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, so viel steht fest. Doch das Sch├Âne an der Schei├če ist, dass Komik dort beginnt, wo es nicht mehr weitergeht und frau dann richtig auf die Kacke hauen kann. Vanessa Stern und ihre G├Ąstinnen wagen das Unvollkommene, das konsequenterweise das Risiko des Scheiterns birgt: Nicht alle Performances machen auf die gleiche Weise Spa├č. Und genau das ist das Interessante daran, denn hier wird der Entstehungsprozess der Komik selbst untersucht, und den kann frau auch dann besonders gut beobachten, wenn diese mal nicht z├╝ndet. Das Publikum jedenfalls umarmt die unterhaltsamen Katastrophen bereitwillig, rumgeheult wird woanders. Jetzt gibt es erstmal Butterbrot.

Zur K├╝nstlerin: Vanessa Stern, geboren 1976 in Graz, ├ľsterreich, schloss 2001 ihr Schauspielstudium an der Universit├Ąt der K├╝nste in Berlin ab. Sie war einige Jahre am K├Âlner Schauspielhaus engagiert und wurde 2005 als Beste Nachwuchsschauspielerin Nordrhein-Westfalens ausgezeichnet. Seit 2007 arbeitet sie als freischaffende Theater- und Filmschauspielerin in Berlin, engagiert sich unter anderem beim globalisierungskritischen Netzwerk attac und gr├╝ndete als Stipendiatin der Graduiertenschule der Universit├Ąt der K├╝nste Berlin das "Krisenzentrum f├╝r weibliche Komik", das die Basis ihrer Performance-Reihe "La derni├Ęre Crise" ist, die sie seit April 2011 im Theaterdiscounter und nun in den Sophiensaelen veranstaltet.
Mehr Infos unter: www.heulenkannjede.de

AVIVA-Tipp: Vanessa Stern pr├Ąsentiert in ihrer Sp├Ątabendshow alle zwei Monate Performerinnen, die zu einem bestimmten Thema auf ganz unterschiedliche Art mit Krise und Komik spielen. "La Derni├Ęre Crise" ist eine Plattform f├╝r konstruktive Katastrophenforschung, denn die Krise ist voll ungenutzter Potentiale, und das Private hat durchaus politische Dimensionen. Vanessa Stern experimentiert auf radikal-ehrliche Art mit der Darstellung von Komik, das Publikum wird zur Komplizin, es wird durch H├Âhen und Tiefen der Performances mitgeschleift und am├╝siert sich ausgiebig. Das Lachen am Rande des Nervenzusammenbruchs verhandelt Wahrheiten, die ans Licht geholt werden wollen und die die verschiedenen Krisenspezialistinnen live analysieren. Dabei entsteht ein selbstbewusst unperfekter Abend, der jedes Mal ganz anders ist.

Vanessa Stern - "La Derni├Ęre Crise. Frauen am Rande der Komik"
N├Ąchster Auff├╝hrungstermin: 19. Januar 2012, 21 Uhr
Veranstaltungsort:
Sophiensaele, Kantine
Sophienstra├če 18
10178 Berlin
Eintritt: 10/5 Euro
Karten unter: Tel.: 030 ÔÇô 283 52 66 oder online: www.sophiensaele.com/karten
Weitere Infos:
www.sophiensaele.com

Trailer "La Derni├Ęre Crise"


Kultur Beitrag vom 22.11.2011 AVIVA-Redaktion 





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