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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.12.2011

Heimatkunde. 30 K├╝nstler blicken auf Deutschland. Ausstellung und Katalog
Meital Lior

Das J├╝dische Museum Berlin zeigt noch bis 29. Januar 2012 Arbeiten von 30 internationalen K├╝nstlerInnen, die sich mit der Frage nach nationaler Identit├Ąt besch├Ąftigen. In ihrem Werk stellen sie...



... zentrale Aspekte ihrer Wahrnehmung in und von Deutschland zur Debatte.

Was ist eigentlich Heimatkunde? Sie bezeichnet die Geschichte, Geografie und Biologie einer engeren Nachbarschaft. Heimat ist ein emotionaler Begriff, der viel bedeuten kann: Geburtsort, Herkunftsland, Nation, Sprache und Religion. Mit der Ausstellung begibt sich das J├╝dische Museum Berlin, welches im Jahr 2011 sein zehnj├Ąhriges Jubil├Ąum feiert, auf eine Reise der Erkundung von Ph├Ąnomenen, die zwischen Nationalbewusstsein, Heimatgef├╝hl, Zugeh├Ârigkeit und Ausgrenzung angesiedelt sind. F├╝r diese Erschlie├čung des Heimatbegriffs hat das Museum den subjektiven Zugang durch Arbeiten von zeitgen├Âssischen K├╝nstlerInnen gew├Ąhlt.

Die KuratorInnen Inka Bertz, Denis Gr├╝nemeier, Margret Kampmeyer, Cilly Kugelmann, Martina L├╝dicke und Mirjam Wenzel wollten herausfinden, wie ethnische und eingeb├╝rgerte Staatsb├╝rgerInnen, MigrantInnen, J├╝dinnen und Juden, MuslimInnen, ChristInnen und religi├Âs Indifferente heute in Deutschland leben, wie sie sich auf diesen Staat und diese Gesellschaft beziehen, welche Vorstellungen sie von sich selbst als Deutsche haben: das alte Thema des Fremden und Anderen, der Ausgrenzung und Zugeh├Ârigkeit, wird unter den Pr├Ąmissen der aktuellen Verh├Ąltnisse neu diskutiert.

F├╝r die Ausstellung wurden K├╝nstlerInnen eingeladen, die in Deutschland leben oder gelebt haben und die in ihren Werken auf das heutige Deutschland Bezug nehmen. Sie stellen darin zentrale Aspekte ihrer Wahrnehmung in den Vordergrund. Die Arbeiten thematisieren Familienerinnerungen und das kollektive Ged├Ąchtnis, nationale Mythen, die Erfahrung der Migration und schlie├člich Sprache und Religion. Die ausgestellten Installationen, Video- und Filmarbeiten, Foto-Serien, Gem├Ąlde und Druckgrafiken sind in den letzten zehn Jahren entstanden. Zur Ausstellung erschien im Hirmer Verlag, M├╝nchen, herausgegeben vom J├╝dischen Museum Berlin, ein umfangreicher Katalog mit Abbildungen aller ausgestellten Werke sowie vier Essays der Kuratorinnen, Texten zu den Kunstwerken und einem kompletten Werkverzeichnis.

Mehrere der Arbeiten umkreisen das Thema der Familienerinnerung und des kollektiven Ged├Ąchtnisses. Eine davon ist die Installation "Living Room" der israelischen K├╝nstlerin Maya Zack, die mensch mit einer 3D-Brille betrachten sollte. Sie zeigt das Zuhause der j├╝dischen Familie Nomburg im Berlin der 1930er Jahre aus allen vier Richtungen. Mit Hilfe des Computerprogramms hat sie die Erinnerungen der ehemaligen Wohnung visualisiert. "Das konkrete Bild eines Bruchs in einer Wand und einer darin sichtbaren Reparatur durch Klempnerei kam nicht in meinen Gespr├Ąchen (...) vor, ich habe dieses Bild hinzugef├╝gt, und es steht f├╝r das Wesen meiner T├Ątigkeit: einen Zugang zum Ged├Ąchtnis eines Menschen zu ├Âffnen, zu seiner Erinnerungsklempnerei, diese in Gang zu bringen und Blockaden im Informationsfluss zu reparieren", so wird Maya Zack im Katalog zitiert.

Auch der New Yorker Musiker und K├╝nstler Arnold Dreyblatt besch├Ąftigt sich mit dem Thema Familienerinnerung. Er hat mit seiner ersten autobiografischen Arbeit "My Baggage" eine Installation geschaffen, in der er 150 Dokumente seiner Familiengeschichte aus Osteuropa, USA und Berlin in einem wild zusammengesteckten Feld auf Fiberglasplatten montiert hat, als h├Ątten die Erinnerungen ihre Wurzeln in die Platten geschlagen. Das Gef├╝hl des Fremdseins und der Migration steht im Zentrum der Fotoserie "Ich werde deutsch" des im Iran geborenen K├╝nstlers Maziar Moradi. Hier inszeniert er biografische Schl├╝sselmomente von Menschen, die nach Deutschland eingewandert oder in einer anderen Kultur verwurzelt sind. Die Verbindungen zwischen den Menschen und den Objekten im Bild verwirren den Blick und werfen Fragen auf. Warum h├Ąlt der Chirurg, der neben dem leeren Operationstisch sitzt, einen Reisepass der Bundesrepublik Deutschland in der Hand? Warum liegt vor der Frau, die am K├╝chentisch sitzt, ein nacktes, bratfertiges H├Ąhnchen? Was bedeutet Erinnerung f├╝r einen Menschen?

Benyamin Reich wiederum nimmt die BesucherInnen mit auf eine Reise in seine Kindheit. Er wurde 1976 in Bnej Brak, bei Tel Aviv, geboren, er lebt und arbeitet seit 2008 in Berlin. Er stammt aus einer orthodoxen Familie, hat sich aber aus dem religi├Âsen Leben zur├╝ckgezogen. Reich besch├Ąftigt sich mit religi├Âsen Gegenst├Ąnden des Judentums. Sein Bild "Tefillin Schel Jad" portraitiert einen j├╝disch-orthodoxen jungen Mann, der mit dem R├╝cken zu den Betrachtenden steht, bekleidet nur mit Tefillin, einer Kippa und einem "Kittel", ein wei├čer ├ťbermantel, der von M├Ąnnern an hohen Feiertagen, wie Jom Kippur, und auch als Totenhemd getragen wird. Ein junger Mann, der zwischen den Welten von Spiritualit├Ąt und S├Ąkularit├Ąt steht - von au├čen er sieht religi├Âs aus, aber zugleich bricht und hinterfragt er die Regeln. "Die Kamera hat mir dabei geholfen, mich von meiner elterlichen Welt zu trennen. Sie verhilft mir dazu, mir aus der Entfernung ein Bild von dem zu machen, was ich eigentlich gut kenne. Andererseits sorgt der Blick durch die Kamera auch daf├╝r, mir die eigentlich immer fremd gebliebene Welt der Orthodoxie nahe zu bringen Fotografieren ist f├╝r mich ein Blick in einen Spiegel, der sowohl eine innere als auch eine ├Ąu├čere Welt reflektiert", kommentiert Benyamin Reich seine Arbeitsweise.

Eine Reihe von Kunstwerken spielt mit nationalen Mythen. Julian Rosefeldt, 1965 in M├╝nchen geboren, wendet sich in einer 4-Kanal-Filminstallation dem deutschen Wald zu: der Plot von "Meine Heimat ist ein d├╝steres wolkenverhangenes Land" f├╝hrt die BetrachterInnen bewusst in die Irre und entfaltet in einer zentralen Szene eine groteske Wald-Auff├╝hrung mit singenden GermanInnen, demonstrierenden Natursch├╝tzerInnen und einem Bl├ĄserInnenensemble. "Nach der Einladung zur Heimatkunde-Ausstellung hat mich vor allem die Frage interessiert, inwieweit ich mein eigenes ambivalentes Heimatgef├╝hl mit heimischen Landschaften verbinde und inwieweit dieses mit Deutschland assoziierte Landschaftsbild m├Âglicherweise mitverantwortlich ist f├╝r das typisch Deutsche, das uns im Guten wie im Schlechten nachgesagt wird: das Flei├čige, Pedantische und Ordentliche, das Engstirnige und Unflexible, die Melancholie und der Selbsthass", so Rosefeld zu seinem Werk.

Im Vergleich zu Rosenfeld zeigt der israelische K├╝nstler Eldar Farber in seinen Gem├Ąlde W├Ąlder und Parks als einladende und angenehme Orte. Eldar lebt und arbeitet in Tel Aviv und Berlin und dies zeigt sich auch in seinem Werk: "Einfacher ausgedr├╝ckt: Faber malt Tel Aviv und Berlin als Diptychon. Es zeigt sich pl├Âtzlich, dass diese Gem├Ąlde selbst in Tel Aviv die deutsche Landschaft imaginieren. Einander gleich, doch gegens├Ątzlich, koexistieren auf ihnen der Yarkon-Park und der Tiergarten", so beschrieben im Katalog zur Heimatkunde-Ausstellung. Auch Margret Kampfmeyer sinniert in ihrem Aufsatz "Wir sind der Wald!" dar├╝ber, worin der Mythos vom deutschen Wald sich eigentlich begr├╝ndet, ob und unter welchen Umst├Ąnden es ihn noch oder wieder gibt und wie Baumbepflanzungen als politische Aktionsform die Legende am Leben erhalten.




AVIVA-Tipp: "Heimatkunde" zeigt eine gro├če Auswahl von Werken, die mit verschiedenen Identit├Ąten in unterschiedlichen Medien besch├Ąftigt sind. Jede Arbeit ist eine faszinierende Reise durch die Welten der einzelnen K├╝nstlerInnen. Die ausgestellten Installationen, Video- und Filmarbeiten, Foto-Serien, Gem├Ąlde und Druckgrafiken stellen neue Ideen und Gedanken der EinwandererInnen dar. Der Besuch hinterl├Ąsst einen angenehmen Eindruck bei den BeobachterInnen und regt dazu an, ├╝ber Migration, MigrantInnen und Deutschland zu reflektieren.

Die Ausstellung l├Ąuft vom 16. September 2011 bis 29. Januar 2012.

Veranstaltungsort: J├╝disches Museum Berlin
Altbau, 1. OG
Lindenstr. 9-14
10969 Berlin

Eintritt: 4,- Euro, erm. 2,- Euro
├ľffnungszeiten: t├Ąglich 10 bis 20 Uhr, montags 10 bis 22 Uhr
Weitere Information finden Sie unter:
J├╝disches Museum Berlin - Heimatkunde-Ausstellung



Der Ausstellungskatalog:
Heimatkunde. 30 K├╝nstler blicken auf Deutschland

Herausgegeben vom J├╝dischen Museum Berlin
Beitr├Ąge von Inka Bertz, Margret Kampmeyer-K├Ąding, Cilly Kugelmann, Martina L├╝dicke und Mirjam Wenzel
Hirmer Verlag, M├╝nchen, erschienen Herbst 2011
Klappenbroschur, 21 x 28 cm
200 Seiten, 93 Farbtafeln und 42 Abbildungen in Farbe
24,90,- Euro (Museumsausgabe), 34,90 im Buchhandel
ISBN: 978-3-7774-5021-6
Weitere Informationen finden Sie unter: www.hirmerverlag.com



(Quellen: J├╝disches Museum Berlin, Hirmer Verlag, M├╝nchen)

Kultur Beitrag vom 14.12.2011 AVIVA-Redaktion 





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