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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 20.12.2011

Ich hiess Sabina Spielrein - Ein Film von Elisabeth M√°rton
Susann S. Reck

Lange vor David Cronenbergs Spielfilm "Eine dunkle Begierde" und Sabine Richebächers wegweisender Biografie "Sabina Spielrein. Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft", porträtierte die ...



... schwedische Regisseurin Elisabeth M√°rton in ihrem Dokumentarfilm die russisch-j√ľdische √Ąrztin und Analytikerin Sabina Spielrein.

Perspektiven
In Elisabeth M√°rtons Dokumentarfilm geht es um die pers√∂nliche Entwicklung von Sabina Spielrein, eine Frau, die willensstark genug war, ihre psychische Krankheit zu √ľberwinden, Medizin zu studieren und als √Ąrztin im damaligen Orchideenfach der Psychoanalyse zu promovieren. Der Film zeigt auf bewegende Art und Weise, dass Spielrein ihrer Zeit voraus war und √ľberall an Grenzen stie√ü. Privat, beruflich, als J√ľdin.
Bei Cronenberg dagegen bleibt Sabina Spielrein eine blasse Figur. Sein Film erz√§hlt das Dreiecksverh√§ltnis zwischen C.G. Jung, Sigmund Freud und Spielrein aus der Perspektive von Jung, der sich in seine erste Analyse-Patientin Sabina verliebt und es nicht fertig bringt, seine reiche Frau f√ľr sie zu verlassen. Diese Perspektive der Ereignisse ist mehr als konventionell, weil sie das Neue, Zukunftsweisende jener Zeit nicht thematisiert, eben die immer st√§rker werdende Bedeutung von Frauen im √∂ffentlichen Leben und ihren damit verbundenen Kampf um Autonomie.

Wer war Sabina Spielrein?
Sabina Spielrein, geboren 1885 in Rostow am Don und von einem SS-Sonderkommando 1942 in ihrer Heimatstadt ermordet, wurde im Jahr 1905 wegen Hysterie (so der damalige Begriff f√ľr ihr Krankheitsbild) in die Psychiatrische Klinik Burgh√∂lzli bei Z√ľrich eingeliefert, wo Jung sie behandelte. Spielreins Leben nach der Entlassung war von der Aff√§re mit ihrem Analytiker C.G. Jung und den daraus resultierenden Schwierigkeiten zwar gepr√§gt. So setzte sich Freud, der zun√§chst f√ľr Jung Partei ergriffen hatte, sp√§ter f√ľr Spielrein ein. Spielreins Umgang mit finanziellen Katastrophen, pers√∂nlichen Entt√§uschungen, sowie ihre sp√§te Karriere als Pionierin der Kinderpsychologie und Traumdeutung in der Sowjetunion, zeigen sie jedoch vor allem anderen als eine unabh√§ngig denkende, der psychoanalytischen Forschung verfallenen, hochintelligente, schillernde Figur, die bis zur zuf√§lligen Entdeckung ihrer wissenschaftlichen Schriften, Tageb√ľcher und Briefe im Jahr 1977 zu Unrecht eine Randfigur des psychoanalytischen Milieus blieb, nicht mehr als eine Fu√ünote in den Arbeiten anderer.

Briefe, Stimmen, Fiktion
Es ist nicht einfach, einen Dokumentarfilm √ľber eine zu drehen, die bereits tot ist und von der es nicht mehr als zwei, drei Fotos gibt - wie im Fall von Sabina Spielrein. Auf Super 8 gedrehte S/W- Kurzfilme ohne Ton von Stra√üenz√ľgen in Berlin, Moskau oder Z√ľrich lassen zudem bestenfalls erahnen, wie es in einer Zeit aussah, die dem heutigen, visuellen Overkill noch nicht ausgesetzt war. Von unsch√§tzbarem Wert f√ľr Elisabeth M√°rtons Dokumentarfilm sind in diesem Sinne C.G. Jungs Aufzeichnungen √ľber die an Hysterie erkrankte, 18 j√§hrige Sabina Spielrein sowie der sp√§tere Briefwechsel zwischen ihr, ihm und Sigmund Freud.
Die schriftlastige Materiallage legt den Schwerpunkt des Films "Ich hiess Sabina Spielrein" auf die Tonebene. Drei SprecherInnen geben den ProtagonistInnen Spielrein, Jung und Freud ihre Stimmen und machen Jungs Beobachtungen an Spielrein sowie Teile des Briefwechsels lebendig. Auch Sabinas Tagebucheintragungen als Kind, ihre Gedanken und √Ąngste finden so Geh√∂r. Zudem gibt es eine Erz√§hlerinnenstimme, die √ľber Spielreins Lebensetappen informiert.
Auf der visuellen Ebene wird dieses Geflecht der Stimmen durch Spielszenen untermauert, die den Handlungsverlauf weitgehend tragen. Die beiden SchauspielerInnen, die Spielrein und Jung verk√∂rpern, deuten allerdings mehr an als dass sie spielen, √ľberhaupt liegt die Qualit√§t dieser Schwarz-Wei√ü-Szenen im Atmosph√§rischen.

Selbstbeobachtung und Diktatoren
M√°rtons Auswahl der Aufzeichnungen und Briefe ist gelungen. Sie zeigt, wie pr√§zise und detailreich Jung die an Hysterie erkrankte Sabina erforschte. Insgesamt ist der Briefwechsel trotz der Intrige, die Jung schlie√ülich spinnt - er leugnet vor Freud die Aff√§re mit Spielrein und verleumdet sie sogar - von gegenseitigem Respekt getragen. Es fasziniert, wie genau alle Schreibenden ihren Gef√ľhlen, Zust√§nden und Beobachtungen Ausdruck verleihen k√∂nnen. Der Film er√∂ffnet Einblicke in eine Welt, in der es fast lebenswichtig zu sein schien, sich √ľber Jahre schriftlich auszutauschen - aus einem intellektuellen Bed√ľrfnis heraus, aus Zuneigung und Einsamkeit. Vor allem aber wird deutlich, wie entscheidend Selbstbeobachtung und -reflexion f√ľr die Anf√§nge der Psychoanalyse waren, das Forschungsinteresse an sich selbst, am Individuum.

Gerade Sabina Spielreins Mut und F√§higkeit zur Selbstanalyse wird, in einer Zeit, in der Frauen sexuelle Bed√ľrfnisse generell abgesprochen wurden, auf faszinierende Art und Weise offensichtlich, die Offenheit, Intimstes zu denken, auszusprechen und konsequent zu deuten. Auch wird vor diesem dokumentarischen Kammerspiel das Ausma√ü des Psychoanalyseverbots in der Sowjetunion durch Stalin 1936 und 1938 in Deutschland durch Hitler besonders deutlich: es zeigt die Angst der Diktatoren vor der Stellung des Individuums und der Unberechenbarkeit seiner Entwicklungen. Vor allem aber ist der Film ein eindrucksvolles Dokument √ľber Sabina Spielreins hartes und ereignisreiches Leben.

Zur Regisseurin: Elisabeth M√°rton, geboren 1952 in Stuttgart, lebt seit 1973 in Schweden. Sie studierte Psychologie, Film und Theater und arbeitete als Kritikerin. 1990 beendete sie ihr Studium an der Filmakademie in Budapest. Ich hiess Sabina Spielrein ist Elisabeth M√°rtons erster abendf√ľllender Dokumentarfilm.

Ich hiess Sabina Spielrein
Originaltitel: Mitt nam var Sabina Spielrein
Schweden 2002
Regie: Elisabeth M√°rton
Drehbuch: Elisabeth Márton, Signe Mähler, Yolande Knobel
Originalscript: Kristina Hjertén von Gedda
Produktion: Idefilm Felixson AB
Kamera: Robert Nordström, Sergej Jurisdizki, Imre Becsi, Gunnar Källström, Schnitt: Yolande Knobel
Musik: Vladimir Dikanski
Länge: 90 Minuten

Cast: Sabina Spielrein - Eva √Ėsterberg, Carl Gustav Jung - Lasse Almeb√§ck, Sabina as a child - Mercedez Csampai
Stimmen: Sabina Spielrein - Maria Thorgevsky, Carl Gustav Jung - Dan Wiener, Sigmund Freud - Helmut Vogel

Weitere Informationen:

www.sabinaspielrein.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sabina Spielrein. Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft von Sabine Richebächer

Kultur Beitrag vom 20.12.2011 Susann S. Reck 





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