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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.01.2003

Interview mit der Obdachlosen├Ąrztin Dr. Jenny De la Torre
Silke Nenzel

Die engagierte Ärztin aus Peru behandelt seit 9 Jahren Obdachlose kostenlos in einer Praxis im Berliner Ostbahnhof




1954 wurde Jenny De la Torre in Nazca, Peru geboren. Seit 1976 lebt sie in Deutschland. Nach ihrem Medizinstudium ging sie 1982 von Leipzig nach Berlin. Hier absolvierte sie ihre Ausbildung zur Kinderchirurgin. Ihre Promotion machte Jenny De la Torre im Klinikum Berlin Buch und arbeitete anschlie├čend als ├ärztin in einem Projekt f├╝r Schwangere und M├╝tter in Not.

Heute ist sie Leiterin der Arztpraxis für Obdachlose im Ostbahnhof - ein Projekt der MUT-Gesellschaft, einer Tochter der Ärztekammer Berlin. 1997 wurde ihre Arbeit mit dem Verdienstorden gewürdigt.

AVIVA-BERLIN traf die engagierte Jenny De la Torre in ihrer Praxis.

AVIVA-BERLIN Sie sind 1976 von Peru nach Deutschland gekommen, um Medizin zu studieren. Warum wollten Sie sich speziell um Obdachlose k├╝mmern? Gab es ein Schl├╝sselerlebnis?

Jenny De la Torre: Um Ärztin zu werden bin ich von Peru nach Deutschland gekommen. Ich hatte in Peru mit dem Medizinstudium schon begonnen und wurde dann auf ein Stipendium in der DDR aufmerksam. Das war für mich natürlich ein Anreiz.
Deutschland ist ja quasi die Wiege der Wissenschaft.
Ich habe schon als Kind Ärztin werden wollen. Es war der Traum meines Lebens. Und Gott sei Dank bin ich auch Ärztin geworden. Ich wollte damals ganz gezielt in die DDR aufgrund des Stipendiums. Ich dachte, dass in der DDR Geld keine Rolle spiele, sondern die Hilfe an erster Stelle stehe.
Als Kind wurde ich schon sehr mit Armut konfrontiert.
In Peru gibt es ├ärztemangel. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, wo sehr gro├če Not unter den Menschen herrschte. Ich wollte diesen Menschen helfen.

AVIVA-BERLIN: Sto├čen Sie manchmal an Ihre Grenzen und wie ├╝berwinden Sie seelische Tiefpunkte?

Jenny De la Torre: Schlimm ist vor allem die eigene Ohnmacht, nicht so helfen zu k├Ânnen, wie ich gerne m├Âchte.
Ich sp├╝re schon ├Âfters meine Grenze. Aber ich sage mir immer wieder, man sollte versuchen, aus sich selbst das Maximale f├╝r den Patienten herauszuholen, ohne ihn zu ├╝berrumpeln.

AVIVA-BERLIN: Kommen mehr obdachlose M├Ąnner oder Frauen? Kommen die Obdachlosen auch von au├čerhalb?

Jenny De la Torre: Es kommen mehr M├Ąnner. 80% sind auf jeden Fall M├Ąnner. Und 80% sind nicht krankenversichert. 50% meiner Patienten sind Berliner. Und die andere H├Ąlfte kommt aus allen m├Âglichen Bundesl├Ąndern. Das sind nicht Menschen, die extra herkommen, sondern Menschen, die sich eben auch in Berlin aufhalten.

AVIVA-BERLIN: Vermissen Sie Ihre Heimat? K├Ânnen Sie sich vorstellen, den Menschen in Peru zu helfen?

Jenny De la Torre: Mein oberstes Ziel war nach meinem Studium in der DDR so schnell wie m├Âglich zur├╝ckzugehen, um in Peru zu arbeiten. Das war schon ein Traum. Aber der ist so leider nicht in Erf├╝llung gegangen. Mein Traum war es, armen Menschen zu helfen. Das ist schon sch├Ân, sonst w├Ąre ich wahrscheinlich nicht hier.

AVIVA-BERLIN: Hat Sie die Arbeit mit Obdachlosen nicht abgeschreckt? Wie gehen Sie mit alkoholisierten oder randalierenden Obdachlosen um?

Jenny De la Torre: Abgeschreckt nicht. Erschrocken schon. Diese Menschen in so einem Zustand zu sehen ist schon ein Alptraum. In der ersten Zeit bin ich von Alptr├Ąumen verfolgt worden. Ich konnte mir das nicht so vorstellen.
Ich ging immer davon aus, dass ein armer Mensch sich freut, wenn man helfen will.
Normalerweise wird ein Patient ins Krankenhaus eingewiesen und dort geheilt. Aber hier ist das nicht so.
Randalierende Obdachlose haben wir sehr wenige. Das ist in acht Jahren zwei-, dreimal vorgekommen. Mit denen muss man sehr ruhig umgehen und warten, bis derjenige sich ausgetobt hat. Ich w├╝rde als Obdachlose wahrscheinlich auch verr├╝ckt werden. Und wenn ich mich in diese Menschen hineinversetzte, verstehe ich sie auch mehr. Es ist noch keine Gewalt passiert. Keine von uns hat irgendwas abgekriegt.
Ich muss akzeptieren, dass die Menschen einfach krank sind. Dass man nicht zaubern kann. Wenn die Alkoholkranken eine Entzugstherapie machen, sind sie nach einer Woche wieder drau├čen. Und das gleiche Problem ist wieder da.

AVIVA-BERLIN: Hat es sich unter den Obdachlosen herumgesprochen, dass Sie hier arbeiten? Nehmen die Obdachlosen Ihre Hilfe gerne an?

Jenny De la Torre: Ja, zum Gl├╝ck hat es sich herumgesprochen. Die Obdachlosen nehmen meine Hilfe gerne an. Wenn einer nicht will, muss man ihm Zeit lassen.

AVIVA-BERLIN: Geht Ihr Engagement ├╝ber die normale Arztpraxis hinaus? Wie wird Ihre Arbeit finanziert, wenn die Obdachlosen nichts bezahlen?

Jenny De la Torre: Durch Spenden. Die Arbeit wird nur durch Spenden geleistet. Wir sind unterwegs, um Spenden zu sammeln und Vortr├Ąge zu halten.
Den Menschen, die unsere Arbeit unterst├╝tzen wollen, auch zu erkl├Ąren, warum sie spenden sollen. Worum es ├╝berhaupt geht. Die meisten wollen nicht nur spenden, sondern auch wissen, welche Menschen sich hinter dieser Fassade verstecken?

AVIVA-BERLIN: Wie viele Patienten kommen am Tag zu Ihnen? Kommen im Winter mehr als im Sommer?

Jenny De la Torre: Eigentlich nicht. Im Sommer kommen auch viele. Im Januar und Februar kommen die meisten. Es gibt nat├╝rlich Zeiten, in denen es weniger sind. Aber so 30 Leute am Tag kommen schon. Der Obdachlose besitzt zum Teil ja nicht einmal einen Ausweis.

AVIVA-BERLIN: Sehen Sie Ihre Arbeit als Tropfen auf den hei├čen Stein? Wo k├Ânnte der Senat/ das Land Berlin mehr Engagement zeigen?

Jenny De la Torre: Das ist bestimmt kein Tropfen auf den hei├čen Stein. W├Ąre ich jetzt an der Stelle eines Obdachlosen und mein Leben w├╝rde gerettet, dann w├Ąre ich doch sehr dankbar und froh. Wenn ich mit meiner Arbeit auch nur ein Menschenleben rette, so ist meine Arbeit doch dieses eine Menschenleben wert. Wir haben es uns als Ziel gesetzt, nicht nur dem Menschen als Mediziner zu helfen, sondern sie auch von der Stra├če zu holen. Das ist das, was sie brauchen. Die Krankheiten werden sich immer wiederholen. Die meisten Erkrankungen haben mit dem Leben auf der Stra├če zu tun.

AVIVA-BERLIN: Was sind das f├╝r Erkrankungen? Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr? Besteht f├╝r Sie eine Ansteckungsgefahr?

Jenny De la Torre: Das sind haupts├Ąchlich nat├╝rlich Hauterkrankungen, auch ansteckende Hauterkrankungen. Geschwollene Beine, offene Beine, Lungenerkrankungen.
Es besteht keine Ansteckungsgefahr. Mit den entsprechenden Ma├čnahmen passiert ├╝berhaupt nichts. In den acht Jahren, die ich hier arbeite, ist noch nichts passiert.

AVIVA-BERLIN: Was war Ihr sch├Ânstes Erlebnis mit einem Obdachlosen?

Jenny De la Torre: Es gibt schon sch├Âne Erlebnisse. Eines der Sch├Ânsten war, dass ein Patient von mir pl├Âtzlich mit seinem Sohn vor unserer T├╝r stand - sie hatten vorher lange keinen Kontakt zueinander gehabt. Er hatte es durch seinen Sohn geschafft, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen.

AVIVA-BERLIN: Was sagen Sie dazu, dass die Station schon einmal geschlossen werden sollte?

Jenny De la Torre: Das w├Ąre nicht gut, denn die Menschen brauchen ja diese Hilfe.
Man muss vor Ort f├╝r sie da sein. Man kann sie nicht einfach verdr├Ąngen. Sie sind ein Teil dieser Gesellschaft. Wir m├╝ssen Farbe bekennen. Wir m├╝ssen ihnen helfen. Wir k├Ânnen nicht einfach sagen, dass sie hier nicht hergeh├Âren. Und der Ort, wo sich diese Menschen aufhalten, ist immer der Bahnhof. Es ist ein Ort, wo man sich treffen kann, wo es warm ist.
Es gibt sonst keinen anderen Ort. Besonders im Winter. Wo sollen sie denn hin? Unter der Br├╝cke ist es kalt. In die Kaufh├Ąuser kann man nicht rein. Ob wir das wollen oder nicht ist der Bahnhof der Treffpunkt.
Man muss sich selbst verantwortlich f├╝hlen. Ich f├╝hle mich selbst verantwortlich gegen├╝ber dieser Gesellschaft. Ich habe eine Menge von der Gesellschaft bekommen. Ich m├Âchte auch etwas zur├╝ckgeben.

AVIVA-BERLIN: Wieviel Prozent haben es geschafft, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen?

Jenny De la Torre: Leider kann man so eine absolute Statistik nicht f├╝hren.
Einige verschwinden wieder aus der Stadt. Und man wei├č nicht, ob der Obdachlose woanders ist, im Gef├Ąngnis ist oder eine Wohnung hat. Wir bekommen keine hundertprozentige R├╝ckmeldung. 15-20% haben den Weg meines Erachtens aus der Obdachlosigkeit geschafft. Es ist nat├╝rlich so eine Art Langzeittherapie. Man kann den Leuten nicht von heute auf morgen eine Wohnung oder eine Arbeit besorgen. Wenn sie schon lange auf der Stra├če sind, ist es nicht einfach.

AVIVA-BERLIN: Wie alt sind die Obdachlosen? Sind auch ├Ąltere dabei? Sind auch Frauen mit Kindern auf der Stra├če?

Jenny De la Torre: 2% sind Rentner. 33% sind im besten Alter zwischen 30 und 50 Jahren und der Rest ist j├╝nger. Etwa 5% sind Jugendliche.
Es gibt auch Frauen, die innerhalb der Obdachlosigkeit schwanger geworden sind.
Dann bekommen sie eine Wohnung. Ob sie dann in der Lage sind, das Kind zu pflegen, ist die andere Frage. Meistens landet das Kind bei Pflegeeltern.

AVIVA-BERLIN: K├Ânnten Sie sich eine andere Arbeit vorstellen?

Jenny De la Torre: Ich h├Ątte nicht anders handeln k├Ânnen. Irgendwie h├Ątte mir etwas gefehlt. Ich wollte ├ärztin werden und das war es. Ich sah keine andere Alternative f├╝r mich. Gott sei Dank hat es geklappt. Mein Beruf ist mein Leben.



Weitere Informationen ├╝ber die Jenny-De-la-Torre-Stiftung unter www.delatorre-stiftung.de



Ausgestiegen...Seit dem 01. Oktober 2003 arbeitet Jenny De la Torre nicht mehr in der Obdachlosenpraxis im Ostbahnhof. Wegen r├╝ckl├Ąufiger Finanzierungsm├Âglichkeiten sah sich der Tr├Ąger der Praxen, die MUT gGmbH gezwungen, den Arbeitsvertrag mit der ├ärztin auf 25 Stunden zu reduzieren. Das wurde von Jenny De la Torre nicht akzeptiert. " W├╝rde ich das mitmachen, so ├Âffne ich damit die T├╝r f├╝r noch weitere K├╝rzungen", sagte die selbstbewusste ├ärztin und entschied sich f├╝r den Ausstieg.




Kultur Beitrag vom 10.01.2003 AVIVA-Redaktion 





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