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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.03.2012

Goodnight Nobody. Ein Film von Jacqueline ZĂŒnd. Ab 15. MĂ€rz 2012 im Kino
Annika HĂŒttmann

Wer nicht schlÀft hat mehr Zeit. Scheinbar unendlich viel Zeit. Fluch oder Segen? Die vier ProtagonistInnen begegnen ihrer Schlaflosigkeit auf sehr unterschiedliche Weise - manche kÀmpfen mit ihr..



..., andere haben sich lÀngst damit abgefunden.

Am meisten leidet wohl die junge Chinesin Lin Yao, eine Krankenschwester und Medizinstudentin. Vor lauter Lernen kann sie nicht schlafen und aufgrund dieser Schlaflosigkeit kann sie nicht mehr lernen. Schon als Kind hatte sie Schlafprobleme, weil ihre Eltern sich nachts stritten und sie sich verpflichtet fĂŒhlte, auf ihre Mutter aufzupassen. Gleichzeitig wollte sie immer Klassenbeste sein um ihre Eltern stolz zu machen und dadurch vielleicht deren Beziehung zu retten. Wenn sie ausdruckslos in die Kamera schaut und von dem stĂ€ndigen LĂ€rm um sie herum berichtet, merkt mensch, dass viel Druck auf ihr lastet. Sie scheint vollkommen verloren zu sein - sowohl in der Stadt Shanghai als auch in dem Teufelskreis aus Verpflichtungen und Erschöpfung, in dem sie sich befindet.

Mila Dean aus Arizona klagt vor allem ĂŒber die Langeweile, der sie sich stĂ€ndig stellen muss - sowohl tagsĂŒber, da sie nicht arbeitet, als auch nachts, wenn sie wach und rastlos ist. Um ein wenig abzuschalten, beschallt sie sich mit Horrorfilmen, fĂ€hrt ziellos im Auto durch die Gegend oder schreibt lange Listen. Von der Gesellschaft scheint sie fast völlig abgetrennt zu sein. Doch es ist weniger die Einsamkeit, die sie stört als die Auswirkungen, die die Schlaflosigkeit auf sie hat - nach drei bis vier durchwachten NĂ€chten fĂ€llt es ihr sogar schwer, mit der Fernbedienung umzugehen.

Der Ukrainer Fedir Nesterchuk ist als "der Mann, der seit 20 Jahren nicht schlĂ€ft" berĂŒhmt geworden. Auch wenn er sich beschwert, wie lĂ€stig er das öffentliche Interesse an seiner Person findet, scheint ein gewisser Stolz mitzuschwingen, wenn er die LĂ€nder aufzĂ€hlt, aus denen bereits JournalistInnen zu ihm kamen. Seine Frau und er haben sich lĂ€ngst damit abgefunden, dass er nicht schlĂ€ft - mensch sieht ihn ruhig bei einem Glas Vodka am KĂŒchentisch auf den nĂ€chsten Tag warten.

Der NachtwĂ€chter JĂ©rĂ©mie Kafando aus Burkina Faso liebt die Nacht, wenn er allein an seinem Arbeitsplatz, einem Theater, ist. Er wird selbst zum Regisseur, seine MitarbeiterInnen sind streunende Katzen und er berichtet von Geistern, die sich nur nachts, das heißt nur ihm, zeigen. Die Nacht ist fĂŒr JĂ©rĂ©mie etwas Mythisches, sie gehört ihm. Er klagt dagegen ĂŒber den Tag, in dem er sich nicht zurecht findet, da zu viel um ihn herum geschieht.

"Goodnight Nobody" funktioniert vor allem ĂŒber Bilder, die leicht surreal und verschwommen anmuten. Die Zone zwischen Traumwelt und RealitĂ€t wird perfekt eingefangen, mensch scheint die Welt direkt durch die Augen der ProtagonistInnen zu sehen und bekommt das GefĂŒhl selbst schlaflos in einer halb magischen, halb bedrĂ€ngenden Welt herum zu irren. Gefilmt wurde nachts, das schummrige Dunkel, die Filmmusik von Marcel Vaid und die Stimmen aus dem Off lassen die ZuschauerInnen tief in die scheinbar zeitlose Nacht eintauchen.

Abgesehen von einigen Fragmenten aus der Erfahrungswelt der gezeigten Schlaflosen erfĂ€hrt mensch allerdings nichts ĂŒber Insomnie. Es wird außerdem nicht die Geschichte der ProtagonistInnen erzĂ€hlt, vielmehr liegt der Fokus darauf, wie sie ihr stĂ€ndiges Wachsein wahrnehmen, wie sie die Welt um sich herum sehen, was sie denken, wenn sie nicht schlafen können. Der Dokumentarfilm der Schweizerin Jacqueline ZĂŒnd, die zeitweise selbst unter Schlafstörungen litt, gleicht einer hypnotischen Reise, die allerdings anfangs fesselnder ist als zum Ende hin, da der Film gĂ€nzlich ohne Spannung, Steigerung oder Wendungen auskommt.

AVIVA-Tipp: Dem mehrfach preisgekrönten, wunderschön gefilmten Dokumentarfilm gelingt es zu vermitteln, wie es sich anfĂŒhlt, nicht schlafen zu können. Trotz einiger LĂ€ngen ist er eine beeindruckende Reise in ein nĂ€chtliches Zwischenreich voller Einsamkeit und Magie.

Zur Regisseurin und Autorin: Jacqueline ZĂŒnd wurde 1971 in ZĂŒrich geboren, studierte Journalismus in der Schweiz und Film in London. Seit 1998 ist sie Regisseurin und Drehbuchautorin fĂŒr Dokumentar-, Spiel-, Experimental- und Werbefilme. "Goodnight Nobody" wurde unter anderem mit dem Grand Jury Prize des Sebastopol Documentary Film Festivals, als bester Dokumentarfilm auf dem Festival International de Film de Femmes und dem Dokumentarfilmpreis des FĂŒnf-Seen-Filmfestivals ausgezeichnet.


Goodnight Nobody
CH/D 2010
Regie: Jacqueline ZĂŒnd
Drehbuch: Jacqueline ZĂŒnd
Produktion: mixtvision Mediengesellschaft
Musik: Marcel Vaid
Kamera: Nikolai von Graevenitz, Lorenz Merz
Mit: Mila Dean, Jérémie Kafando, Lin Yao, Fedir Nesterchuk
LĂ€nge: 77 Minuten
Kinostart: 15. MĂ€rz 2012

Weitere Informationen unter:

www.goodnightnobody.de

goodnight nobody auf Facebook


Kultur Beitrag vom 16.03.2012 Annika HĂŒttmann 





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