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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.08.2012

dOCUMENTA 13: So viel Kunst, so wenig Zeit
Katarina Wagner

Die d13 bricht schon zur Halbzeit BesucherInnenrekorde und h├╝llt ganz Kassel in einen Kunstrausch. Unter den teilnehmenden K├╝nstlerInnen aus aller Welt waren noch nie so viele Frauen. Und diese...



... liefern dazu einige Highlights der d13.

Die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev bezeichnet sich selbst als Feministin und dazu Post-Humanistin. Sie fordert "das Wahlrecht f├╝r Hunde und Erdbeeren" und pl├Ądiert f├╝r eine Gesellschaft, die nicht mehr nur den Menschen ins alleinige Zentrum stellt.
Hinter ihrem Konzept verbergen sich Fragen nach dem Verh├Ąltnis von Ding und Mensch, wobei die Natur wieder in der Vordergrund ger├╝ckt werden soll. Ein gro├čer Teil der ausgestellten Werke besch├Ąftigt sich mit der Zerst├Ârung ÔÇô von Monumenten, Menschen und Umwelt ÔÇô andere beschreiben Neuanf├Ąnge und fragen nach Alternativen. Die Kuratorin wollte einen "Raum m├Âglicher Heilung" bilden.

Eins ist allerdings klar: die dOCUMENTA 13 wird die Kunstwelt nicht revolutionieren, nicht `endlich wachr├╝tteln` ÔÇô sie tritt eher ruhig und sehr zug├Ąnglich an die Besuchenden heran, zeichnet ein authentisches Bild der heutigen Lebensrealit├Ąten und besch├Ąftigen sich mit kleinen und gro├čen Fragen.

Das kann ganz unterschiedlich aussehen und sehr interaktiv passieren. Im Auepark hat der kanadische K├╝nstler Brian Jungen einen Hundeparkour aufgebaut, wo die Tiere unter anderem auf Nachbildungen von Mies van der Rohes Barcelona-Sessel herumtollen k├Ânnen und so dem Bauhaus-Klassiker, der in keinem edlen Foyer fehlen darf, wieder ein bisschen verspielte Wildheit einzuhauchen.

Das japanische K├╝nstlerInnenpaar Moon Kyungwon & Jeon Joonho interessiert eher, wie sich die Menschen weiter von der Natur-Abh├Ąngigkeit l├Âsen k├Ânnen. In der Documenta-Halle stellt ihr Designb├╝ro takram den modifizierten Menschen von Morgen vor ÔÇô durch umgebaute Organe braucht dieser weniger Wasser zum ├ťberleben. Ein klarer Vorteil in der Klimawandel-Dystopie.

Neben der klassischen Bildenden Kunst gibt es Performances, Musik und Filme zu sehen und sogar physikalische Experimente und psychologische Workshops bietet die Ausstellung. Da kann schon mal die Frage aufkommen, was ist denn jetzt ├╝berhaupt Kunst? Alles, was als Kunst deklariert wird? Alles, was als Kunst verkauft wird? Alles, was die Manifestation eines kreativen Geistes darstellt?

Die Antwort zu finden, bleibt jeder und jedem selbst ├╝berlassen, sie eindeutig zu beantworten ist nicht nur unm├Âglich, sondern w├╝rde so ziemlich das Gegenteil von Kunst bedeuten ÔÇô oder?

Wer sich damit nicht zufrieden geben m├Âchte und schon immer mal wissen wollte, was KunstkritikerInnen von den eigenen Werken halten, kann sich drei mal die Woche an Lori Waxman wenden. In ihrem Performance-Projekt 60 wrd/min art critic bietet die US-Amerikanerin einen Einblick in ihren Arbeitsprozess. 25 Minuten lang betrachtet sie die Werke und verfasst dann am Laptop eine Rezension von 100 bis 200 W├Ârtern ÔÇô BesucherInnen k├Ânnen alles an einem zweiten Bildschirm mitverfolgen.
Sie verspricht wohl├╝berlegte Bewertungen, kann allerdings negative Urteile nicht ausschlie├čen. Gut, im schlimmsten Fall kann immer noch nach Rilke behauptet werden, dass Kunstwerke mit nichts so wenig erreichbar seien, als mit Kritik. Nur die Liebe k├Ânne sie erfassen und halten und gerecht gegen sie sein.

Bei aller Liebe ist es trotzdem ratsam, sich im Vorfeld ein wenig in das Konzept und die Liste der K├╝nstlerInnen der Ausstellung einzulesen, um den roten Faden zu erkennen, der sich hier und da durch die d13 schl├Ąngelt ÔÇô und um bei so viel Kunst und so wenig Zeit seine Favoriten nicht zu verpassen. Alles zu sehen wird den wenigsten gelingen, Nicht-KasselerInnen sollten es wahrscheinlich gar nicht erst versuchen. Denn Kunst braucht Zeit sich zu entfalten und sollte nicht auf der To-do-Liste abgehakt werden.

Deswegen hier ein kurzer Einblick in die K├╝nstlerInnenliste:

Nalini Malani ÔÇô In Search of Vanished Blood

In der Documenta-Halle hat die indische K├╝nstlerin ihre beeindruckende Video-Schattenspiel-Installation aufgebaut. In der Mitte des Raumes rotieren wie buddhistische Gebetsm├╝hlen f├╝nf durchsichtige, mit Abbildungen von Hindu-G├ÂttInnen bemalte Zylinder. An die umliegenden W├Ąnde werden Videos projiziert, die mit den bewegten Bildern der Hinterglasmalerei verschmelzen und wieder auseinander gehen. Der Raum ist in bunte Farben geh├╝llt, untermalt mit atmosph├Ąrischer Musik. Alles wirkt sehr magisch, wie ein romantisierter Meditationsraum. Dann entfaltet sich das Werk langsam und zeigt seinen Kern: es geht um Gewalt.


Nach der Teilung British Indias musste die K├╝nstlerin von dem muslimisch dominierten Pakistan in das benachbarte Indien fliehen, ein sehr pr├Ąsentes Thema in ihrem Werk. Im Fokus der Installation f├╝r die dOCUMENTA steht die Gewalt die Frauen bei den Grenzkonflikten angetan wurde. Pl├Âtzlich wird die Stimmung sehr bedr├╝ckend. Klagende Frauenstimmen werden von zerschmetternden Ger├Ąuschen unterbrochen. In verzerrter Stimme rezitiert eine Frau Elektras Fluch aus Heiner M├╝llers Hamletmaschine "...Down with the happiness of submission. Long live hate, rebellion and death."
Au├čerdem enth├Ąlt das Werk Verweise auf Christa Wolfs Kassandra, Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laudris Brigge und es sind Ausschnitte aus der Kurzgeschichte Draupadi der indischen Schriftstellerin und Aktivistin Mahasweta Devi zu h├Âren.

Charlotte Salomon ÔÇô Leben? Oder Theater? Ein Singspiel

Im ersten Stock des Fridericianums sind in Schauk├Ąsten einige Malereien aus dem umfangreichen Werk der j├╝dischen K├╝nstlerin zu sehen. 1943 wurde sie im Alter von 26 Jahren, im f├╝nften Monat schwanger, in Auschwitz ermordet. In den Jahren 1941-1942 verfasste sie in insgesamt beeindruckenden 769 Gouachen-Malereien ihre `Memoiren`.
Charlottes Leben war nicht nur von der st├Ąndigen Bedrohung und Verfolgung durch die Nazis gepr├Ągt, sondern auch von einem" Hang zur Verzweiflung", der in ihrer Familiengeschichte begr├╝ndet lag. Die Mutter beging Selbstmord, als Charlotte neun Jahre alt war. 1939 floh die Berlinerin vor den Nazis nach S├╝dfrankreich zu den Gro├čeltern. Dort erfuhr sie, dass auch ihre Tante sich umgebracht hatte. "Mein Leben fing an, als meine Gro├čmutter sich das Leben nehmen wollte ÔÇô als ich zu wissen bekam, da├č ich selbst die einzige ├ťberlebende bin und tief im Innern dieselbe Veranlagung, den Hang zur Verzweiflung und zum Sterben, in mir sp├╝rte."

Um nicht in der Depression zu versinken, begann sie auf Anraten ihres Arztes wieder zu malen. Das Singspiel ist im Rahmen von insgesamt 1325 Gouachen entstanden, beginnt im Jahr 1913 mit dem Selbstmord ihrer Tante Charlotte und verarbeitet in konkreten und abstrakten Bildern traumatische Erlebnisse ihres kurzen Lebens. Salomons Biografin Mary Felstiner beschreibt Leben? Oder Theater als eine Arbeit, die "die L├╝gen ├╝berwindet, um zu den Tatsachen zu gelangen, und dann die Tatsachen als Schauspiel inszeniert"

Das Werk ist nicht nur als Zeitdokument interessant, sondern zeichnet Charlotte als bemerkentswerte K├╝nstlerin aus. Sie bewegt sich zwischen expressionistischer Malerei, die nur Prim├Ąrfarben benutzt, comicartiger Bildgestaltung und Verweisen auf Musikst├╝cke.

Vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in Berlin-Charlottenburg erinnert ein Stolperstein an Charlotte Salomon.

Amy Balkin ÔÇô Public Smog

Die US-Amerikanische Konzept-K├╝nstlerin hat im ersten Stock des Fridericianums eine Wand mit eingerahmten Briefen bedeckt. Sie stammen aus den Korrespondenzen mit 186 UNESCO-L├Ąndern in sechs verschiedenen Sprachen. 2004 startete Amy Balkin ihre umfangreiche Aktion Public Smog indem sie auf einem Treibhausgasemissionsmarkt die Rechte f├╝r den Aussto├č von elf Kilogramm Stickoxide kaufte - diese aber nicht wahrnahm und damit einen Park sauberer Luft schaffte. F├╝r dessen Erhalt m├Âchte sie die Atmosph├Ąre als Weltkulturerbe eintragen lassen.


Im Rahmen ihres Langzeit-Projekts Public Smog bittet die Konzeptaktivistin um Unterst├╝tzung f├╝r die Eintragung der Erdatmosph├Ąre als UNESCO-Welterbe. Im Auftrag des ehemaligen Umweltministers Norbert R├Âttgen hei├čt es:
"Nach ausf├╝hrlicher Pr├╝fung und Beratung mit dem f├╝r die Welterbekonvention zust├Ąndigen Ausw├Ąrtigen Amt muss ich Ihnen aber leider mitteilen, dass eine Unterst├╝tzung seitens des Bundesumweltministeriums nicht m├Âglich ist."

Zanele Muholi ÔÇô Fotos aus der Serie Faces and Phases

Die s├╝dafrikanische Fotografin, Performance- und Videok├╝nstlerin stellt in der Neuen Galerie Schwarz-Wei├č-Portraits von queeren Identit├Ąten aus ihrem Heimatland aus. Dort begegnen Homosexuelle und Transgender-Menschen st├Ąndig Diskriminierung und werden Opfer von Hass-Verbrechen. So m├Âchte Muholi sie jedoch nicht darstellen, vielmehr zeigt sie Fotos von selbstbewussten Menschen, vor allem schwarze Lesben und Transgender-Individuen, die keine homogene Gruppe bilden, sondern der vielseitigen Gemeinde unterschiedliche Gesichter geben.



"Ich machte mich auf die Reise als bildende Aktivistin, um sicherzustellen, dass schwarze Lesben und Transmenschen sichtbar sein w├╝rde, um auszustellen, dass es uns gibt und dass wir in dieser demokratischen Gesellschaft Widerstand leisten, um positive Bilder von schwarzen Lesben zu zeigen." - Zanele Muholi

Ida Applebroog:

Die US-Amerikanische Malerin hat f├╝r die d(13) pers├Ânliche Unterlagen aus ihrem eigenen Archiv herausgeholt. Es sind Skizzen, handschriftliche Gedichte und Notizen, die nicht nur an den W├Ąnden ausgestellt werden, sondern auch zum Mitnehmen in Posterform ausliegen. Zusammen bieten sie eher zusammenhanglos, aber sehr spannend und oft tragikomisch einen Einblick in ihr Leben.



AVIVA-Tipp: Die dreizehnte documenta erschl├Ągt eineN fast mit ihrem ├ťberangebot an Kunst, bleibt aber im Einzelnen eher brav und ruhig. Empfehlenswert ist es, sich vor dem Besuch einen groben ├ťberblick zu verschaffen, damit mensch die Ausstellung dann auch wirklich genie├čen kann ÔÇô die ausgestellten Werke sind n├Ąmlich ├╝beraus sehenswert.

Zur Geschichte der documenta:

Die documenta in Kassel geh├Ârt zu den weltweit wichtigsten Ausstellungen f├╝r Gegenwarts-Kunst. Alle f├╝nf Jahre findet sie f├╝r 100 Tage statt. 1955 wurde die erste documenta, damals noch als Erg├Ąnzung zur Bundesgartenschau, er├Âffnet. Der Initiator war der Kunstprofessor und Designer Arnold Bode. Nach zw├Âlf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft sollte die Moderne Kunst wieder nach Deutschland zur├╝ck kehren. Bode legte den Fokus auf diejenigen K├╝nstlerInnen, deren Werke unter den Nazis als "Entartete" verfolgt wurden, vor allem die abstrakte Malerei und Kunst Zwanziger und Drei├čiger stellte er aus. Der Name "documenta" bezieht sich also auf den dokumentarischen Ansatz der ersten Ausstellung und hat sich bis heute gehalten.
1959 setzte Bode den Schwerpunkt der documenta 2 auf die zeitgen├Âssische Kunst. Das Museum of Modern Art schickte etwa 100 Werke nach Kassel, wo nun auch Grafiken gezeigt wurden und sich Bode als innovativer Kurator etablierte.
Als wegweisend gilt die documenta 5 (1972), die erstmal auch massenmediale Kunst (Werbung, Comics, Science-Fiction) einbezog. Die folgende documenta 6 (1977) sorgte f├╝r Aufregung, weil erstmals zeitgen├Âssische K├╝nstlerInnen aus der DDR ausgestellt wurden.
1982 startete der `Dauergast` der documenta, Joseph Beuys, bei der siebten Ausstellung sein langzeit Projekt 7000 Eichen, bei dem in den n├Ąchsten f├╝nf Jahren in Kassel 7000 B├Ąume gepflanzt werden sollten.
Mit fast jeder documenta hat die Stadt Kassel st├Ąndige Au├čenkunstwerke dazugewonnen. Die BesucherInnenzahlen steigen best├Ąndig. Die d13 konnte schon zur Halbzeit mit mehr als 10.000 verkauften Dauerkarten einen neuen Rekord melden.

dOCUMENTA (13)
9. Juni bis 16. September 2012
├ľffnungszeiten: t├Ąglich 10-20 Uhr
1-Tageskarte: 20 Euro, erm├Ą├čigt 14 Euro
2-Tageskarte: 35 Euro, erm├Ą├čigt 25 Euro
Abendkarte ab 17 Uhr: 10 Euro, erm├Ą├čigt 7 Euro
Dauerkarte: 100 Euro, erm├Ą├čigt 70 Euro

Weitere Infos unter:

d13.documenta.de

Informationen zur Barrierefreiheit finden Sie auf den Seiten der BesucherInnen-Information

Interview mit der Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev in der S├╝ddeutschen Zeitung

Nalini Malani:

Interview des art-Magazins mit Nalini Malani zu "In Search of Vanished BloodÔÇŁ

www.nalinimalani.com

Nalini Malani, d13

Charlotte Salomon:

Charlotte Salomon bei FemBio mit Bildern

Begleittext zur Sonderausstellung "Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?" 2007 im J├╝dischen Museum Berlin

Charlotte Salomon, d13

Amy Balkin:

www.publicsmog.org

www.thisisthepublicdomain.org

Amy Balkin, d13

Zanele Muholi:

Zanele Muholi, d13

www.zanelemuholi.com

Ida Applebroog:

Ida Applebroog, d13

idaapplebroog.com


┬ę Photos: Katarina Wagner

Kultur Beitrag vom 03.08.2012 Katarina Wagner 





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