Nach der Revolution. Ein Film von Yousry Nasrallah. Kinostart: 30. Mai 2013 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kultur
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Frauensommer 2018 - Mythos 68 WOHNE LIEBER UNGEW√ĖHNLICH
AVIVA-Berlin > Kultur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Kultur live
   Kino
   DVDs
   Veranstaltungen in Berlin
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.04.2013

Nach der Revolution. Ein Film von Yousry Nasrallah. Kinostart: 30. Mai 2013
Lou Zucker

Ein Geflecht aus dokumentarischem Material und fiktivem Gesellschaftsdrama er√∂ffnet einen Einblick in die sozialen Gegens√§tze und unterschiedlichen K√§mpfe von Frauen im postrevolution√§ren √Ągypten.



Am 2. Februar 2011 werden Demonstrant_innen auf dem Tharir-Platz von Mubarak-treuen Reitern angegriffen. Die Reiter stammen aus Nazlet El-Samman, einer verarmten Beduinen-Gemeinde am Fuße der Pyramiden, die davon leben, Tourist_innen auf ihren Pferden und Kamelen reiten zu lassen. Urlauber_innen halten sich seit Beginn der Revolution jedoch fern und die Bewohner_innen der Gemeinde haben Schwierigkeiten, ihre Familien und ihre Tiere zu ernähren.

Die Revolutionärin und der regimetreue Reiter

Reem (Menna Shalabi), eine junge Revolution√§rin und Frauenrechtsaktivistin mit einem gut bezahlten Job in der Werbebranche, ist mit tiefen Vorurteilen behaftet als sie das erste Mal eine Freundin vom Tierschutz nach Nazlet El-Samman begleitet. Dort begegnet sie Mahmoud (Bassem Samra), einem der Reiter vom Tharir-Platz, der dort von Demonstrant_innen vom Pferd gerissen und verpr√ľgelt wurde und daf√ľr nun in seinem Umfeld ausgeschlossen und gedem√ľtigt wird. Die Lebensweisen, sozialen Lagen und politischen Vorstellungen der Zwei k√∂nnten unterschiedlicher nicht sein ‚Äď dennoch, oder vielleicht deswegen, entsteht zwischen beiden eine ebenso m√§chtige wie aussichtslose Anziehungskraft.

Eine Mischung aus Neugier und Mitgef√ľhl zieht Reem immer wieder in das arme Viertel, wo sie sich bald mit Mahmouds Frau Fatma (Nahed El Seba√Į) und ihren beiden Kindern anfreundet. Sie nimmt sich pers√∂nlich dem Schicksal der Familie an und versucht ihnen, wo sie kann, zu helfen. Damit eckt sie nicht nur bei ihren revolution√§ren Mitstreiter_innen an, sondern bringt auch den m√§chtigsten Mann Nazlet El-Sammans gegen sich auf. Mit unb√§ndigem Ver√§nderungswillen mach sie sich dennoch daran, die Bewohner_innen der Gemeinde zu politisieren, sie von der Revolution zu √ľberzeugen und die Frauen dazu anzustiften, sich gemeinsam f√ľr ihre Rechte einzusetzen.

Eine Mauer durch die Gesellschaft

Yousry Nasrallah gelingt es, ein Bild der postrevolution√§ren Gesellschaft seines Heimatlandes zu zeichnen, welches in dieser Differenziertheit in keinem Nachrichtensender √ľbertragen wird. Die St√§rke des Films besteht darin, dass er gerade nicht die Revolution an sich in ihren Einzelheiten in den Vordergrund stellt, sondern unterschiedliche Perspektiven auf selbige zu Wort kommen l√§sst. Kritisch beleuchtet der Regisseur Vorurteile unter intellektuellen Gro√üstadtrevolution√§ren gegen√ľber anderen Teilen der Bev√∂lkerung und soziale Benachteiligungen und Ausgrenzungen, die auch nach dem Umbruch fortbestehen.

Die Mauer, die unter Mubarak zwischen Nazlet El-Samman und den Pyramiden errichtet wurde, um die Bewohner_innen von ihrer Haupteinnahmequelle abzuschneiden und so von dem wertvollen Boden zu vertreiben, wird zum Symbol: Der Film zeigt eine gespaltene Gesellschaft, in der sich nicht alle Bev√∂lkerungsgruppen gleicherma√üen von der Revolution repr√§sentiert f√ľhlen und in der die H√ľrden einer Ann√§herung zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft oft nahezu un√ľberwindbar erscheinen.

Diese Problematik spiegelt sich vor allem in der Figur der Reem: Bis zum Schluss ist einem_r nicht v√∂llig klar, ob mensch sie f√ľr ihren Mut und ihre Beharrlichkeit bewundern m√∂chte, mit der sie versucht, Klassengrenzen zu √ľberschreiten, oder ob sie als privilegierte Bildungsb√ľrgerin, die sich in ihr v√∂llig unbekannte Lebenswelten einmischt und dort die gute Fee spielen m√∂chte, eher zu kritisieren ist. Auch ihr Verh√§ltnis zu Mahmoud und seiner Frau bleibt schwierig einzuordnen zwischen wahrer Freundschaft und Abh√§ngigkeit. Regisseur Yousry Nasrallha zeigt jedoch auch, wo ihre Gemeinsamkeiten liegen: Den Rufen nach Brot, Freiheit und W√ľrde, k√∂nnen sich letztlich alle Charaktere anschlie√üen.

Neben der sozialen Ungleichheit stellt er vor allem die Heterogenit√§t der Probleme in den Vordergrund, denen sich Frauen in seinem Land ausgesetzt sehen. W√§hrend Reems Frauenrechtsgruppe in Kairo √ľber Sexismus und sexualisierte √úbergriffe auf dem Tharir-Platz diskutiert, k√§mpft Fatma, Mahmouds Frau, nicht nur t√§glich ums √úberleben, sondern auch f√ľr ein St√ľck Autonomie gegen√ľber ihrem oft gewaltt√§tigen Ehemann.

√úberdosis tiefer Seufzer

Das Potential dieser spannenden Thematiken wird leider von einer gewissen Unglaubw√ľrdigkeit √ľberschattet, die vielen Szenen anhaftet. Teilweise wurzelt sie im Plot: wie realistisch ist es beispielsweise, dass eine Frau dem Mann, den sie eben noch als brutalen Verr√§ter ihrer politischen Ideale angesehen hat, im n√§chsten Augenblick ohne weitere Umst√§nde in den Armen liegt? Vor allem ist es aber wohl die schlechte Synchronisation, auf Grund derer die Geschichte oft wenig glaubhaft her√ľberkommt. Die gek√ľnstelten, affektierten Stimmen der deutschen Fassung verleihen dem Film zus√§tzlich ein gewisses Telenovela-Flair, das dem anspruchsvollen Thema unangemessen erscheint. Eine leichte √úberdosis an tiefen Seufzern und dramatischen Aussprachen zwischen den Charakteren unterst√ľtzen diesen Hang zur Soap, ebenso wie Reems naives Helfer_innensyndrom, dass einem_r in 122 Minuten schon einmal auf die Nerven gehen kann.

Was auch immer mensch √ľber die fiktive Handlung denken mag: sie bleibt stets hautnah an der Realit√§t: Wie Yousry Nasrallah in einem Interview erkl√§rt, ging er ohne festes Drehbuch in die Dreharbeiten, um flexibel auf die politischen Ereignisse reagieren zu k√∂nnen. In den Szenen in Nazlet El-Samman kommen au√üer den Hauptdarsterller_innen nur Einwohner_innen vor, welche in Workshops dazu beitrugen, der Darstellung ihres Ortes eine Richtung zu geben. Nicht zuletzt der Sexismus am Tharir-Platz ist alles andere als fiktiv: Einmal mussten die Dreharbeiten abgebrochen werden, weil die Hauptdarstellerin von unbekannten attackiert und als "Schlampe" beschimpft wurde.

AVIVA-Fazit: √Ąsthetische Bilder, Unterhaltung und eine spannende Auseinandersetzung mit den inneren Konflikten einer postrevolution√§ren Gesellschaft ist es, was dieser Film zu bieten hat. Auch aufmerksame Zeitungsleser_innen d√ľrften mit "Nach der Revolution" noch eine Reihe neuer Perspektiven auf √Ągypten und die Folgen des politischen Umbruchs gewinnen. Die Chance, durch das Einstreuen von dokumentarischem Video-Material eine besondere Authentizit√§t zu kreieren, wird allerdings vertan: Zu oft kratzt der Film die Schmerzgrenze der Revolutionsromantik und auch die deutsche Synchronisation tut ihm keinen Gefallen. Im arabischen Original, gegebenenfalls mit Untertiteln, ist er sicher dennoch sehenswert.

Zum Regisseur: Yousry Nasrallah 1952 in Kairo geboren, studierte nach dem Besuch der deutschen Schule zunächst Wirtschaft und Politische Wissenschaften, bevor er 1973 am Cairo Film Institute aufgenommen wurde. Nach einer Zeit als Journalist im Libanon betätigt er sich seit 1980 ausschließlich als Filmemacher. Mehreren gemeinsamen Projekten mit Youssef Chahine folgte 1987 Nasrallahs erster eigener Film "Summer Thefts", der zahlreiche Preise gewann und maßgeblich zur Erneuerung des ägyptischen Kinos beitrug.

Zu den Hauptdarsteller_innen:

Menna Shalabi
(Reem), 1982 als Tochter der ber√ľhmten Schauspielerin und T√§nzerin Zizi Mustafa geboren, begann ihre schauspielerische Karriere 2001 mit dem Film "The Magician" ("Al-saher"). Schnell entwickelte sie sich zu einer der vielversprechendsten Talente des √§gyptischen Kinos und wirkte bisher in 23 Filmen mit.
Bassem Samra (Mahmoud) steht seit 1991 vor der Kamera und geh√∂rt sp√§testens seit seiner Rolle in "The Yacoubian Building" ("Omaret yakobean") 2006 zu √Ągyptens Schauspielgr√∂√üen. Auch im Privatleben ist er Reiter und hat gute Kontakte zu Bewohnern Nazlet El-Sammans, was es erleicherte, diese f√ľr die Dreharbeiten zu gewinnen. Er war es auch, der Regisseur Nasrallah auf das Sterben der Pferde in der Gemeinde aufmerksam machte.

Nahed El Seba√Į, j√ľngste Tochter eines Schauspieler_innenpaares, kam 2004 zum Film. Mit Yousry Nasrallah arbeitete sie bereits 2009 in "Scheherazade, Tell Me a Story" ("Ehky ya Scheherazade") zusammen.

Nach der Revolution
Buch und Regie: Yousry Nasrallah
Originaltitel: Baad el Mawkeaa/ After the Battle
Frankreich, √Ągypten, 2012
Darsteller_innen: Menna Shalabi, Bassem Samra, Nahed El Sebai, Salah Abdallah, Pheadra, Abdallah Medhat, Momen Medhat
Produktionsfirma: Siècle Productions, Studio 37, New Century, Dollar Film, France 3 Cinéma
Lauflänge: 122 Minuten

Kinostart: 30.05.2013

Weitere Infos unter:
www.revolution-derfilm.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

The Green Wave. Ein Film von Ali Samadi Ahadi

Cairo Time

Der Blaue Nil


Kultur Beitrag vom 28.04.2013 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken