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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.05.2013

Beasts of the Southern Wild. Das mehrfach ausgezeichnete Werk von Benh Zeitlin und Court 13 ab 7. Mai 2013 auf DVD und Blu-ray
Veronika Siegl

Bildsprache, surreale Begegnungen, traurige Geschichten. Das sind einige der Elemente, die diesen Film ausmachen. Portraitiert wird das außergewöhnliche Leben der 6-jährigen Hushpuppy...



... und ihrem Vater, die in der "Badewanne" Louisianas zu Hause sind. Interviews und Features auf der DVD geben Einblick in die Entstehungsgeschichte des Films und in das Leben der Protagonist_innen.

F√ľr¬īs (√úber-)Leben lernen

Unter dem roten Rock kommt auf dem rechten Oberschenkel eine T√§towierung zum Vorschein. "Das hier ist ein Auerochse", erkl√§rt die Lehrerin. "Eine b√∂sartige, gemeine Kreatur, die auf der Erde wandelte, als wir alle noch in H√∂hlen lebten. Und sie haben die H√∂hlenbabies vor den Augen der H√∂hlenbaby-Eltern verschlungen. (...) Aber meint ihr, die H√∂hlenmenschen sind blo√ü ¬īrumgehockt und haben wie Schlappschw√§nze angefangen zu heulen? Denkt mal dr√ľber nach, denn schon ganz bald wird das gesamte Universum zusammenbrechen. Die Eiskappen werden schmelzen, das Wasser wird steigen und alles s√ľdlich des Damms geht unter. Ihr m√ľsst alle lernen, wie man √ľberlebt." Die Kinder stehen ihr gegen√ľber, mit gro√üen Augen und halb ge√∂ffneten M√ľndern. Das ist die Lektion, die ihnen mit ins Leben gegeben wird: Nur wer stark ist, kann in dieser Welt bestehen.

S√ľdlouisiana ‚Äď arm, aber gl√ľcklich?

"Beasts of the Southern Wild" spielt bei New Orleans, wo das zerfranste K√ľstenland mit seinen zahlreichen Bayous (die sumpfigen Seitenarme von Gew√§ssern) immer wieder von starken St√ľrmen und √úberflutungen heimgesucht wird. Dennoch feiern die Menschen hier "pure Lebensfreude und ausschweifende Lust", hei√üt es auf der Website zum Film, der die Geschichten dieser Menschen erz√§hlen m√∂chte ‚Äď "Geschichten, die die Wirklichkeit transzendieren, bei denen es aber um wirkliche Menschen geht, die unter unwirklichen Bedingungen leben."

Diese Bedingungen finden sich auch in Bathtub, einem vom Festland fast abgeschiedenen Ort in den Bayous, wo eine kleine Gemeinschaft ihre eigenen Regeln aufstellt. In Armut, Schmutz und zwei aus Wellblech, alten Autoteilen und M√ľll zusammengeschusterten "H√§usern" lebt auch Hushpuppy ‚Äď deren Namen von den in den S√ľdstaaten beliebten Maismehlb√§llchen kommt ‚Äď mit ihrem Vater Wink.

Als sich ein schwerer Sturm ank√ľndigt, verlassen viele Bewohner_innen von Bathtub ihre H√§user, um sich zu retten. Nur wenige Hartgesottene bleiben, unter ihnen Hushpuppy und Wink, die um nichts in der Welt den f√ľr sie "sch√∂nsten Ort der Welt" verlassen wollen. Die anf√§ngliche Euphorie, der Naturgewalt die Stirn geboten zu haben, schl√§gt bald in Frust um. In letzter Konsequenz sprengt ein Teil der Verbliebenen den nahegelegenen Damm. Die Aktion hat nicht nur zur Folge, dass das Hochwasser endlich abflie√üt, auch zieht sie die Aufmerksamkeit der administrativen Autorit√§ten auf Bathtub. Die ganze Siedlung wird zwangsevakuiert und in eine sterile staatliche Aufnahmestelle eingewiesen. Hier muss sich Wink endg√ľltig seiner schweren Krankheit stellen. Gemeinsam bricht die Gruppe aus, um ein letztes Mal nach Bathtub zur√ľckzukehren.

Metaphern drohender Gefahr

Die Auerochsen mit ihren langen Stoßzähnen ziehen sich als Motiv durch den Film, in dem sie zwei Bedeutungen einzunehmen scheinen.
Zum einen stehen sie f√ľr eine drohende Gefahr ‚Äď aus gesellschaftlicher Perspektive ist das der Sturm, die √úberflutung und die Angst vor der Zwangsevakuierung. Aus der individuellen Perspektive der Protagonistin betrifft die drohende Gefahr zus√§tzlich die Krankheit und den m√∂glichen Tod ihres Vaters. Es sind diese zwei Erz√§hlungen √ľber Verlust und den Kampf um Anerkennung, die durch Regisseur Benh Zeitlin und Lucy Alibar, auf deren Theaterst√ľck der Film basiert, in der Geschichte vereint werden.

Zum anderen symbolisieren die Auerochsen physische und emotionale St√§rke, eine Eigenschaft, die Hushpuppy und die anderen Bayous-Bewohner_innen immer wieder beweisen m√ľssen. Hushpuppy wird diese "Toughness" nicht nur durch ihre harte, aber herzliche Lehrerin aufgezwungen, sondern auch durch ihren cholerischen, alkoholkranken Vater. Das Kind in ihr tritt gegen√ľber ihrem ernsten, bestimmten und k√§mpferischen Gesichtsausdruck oft in den Hintergrund.

Trost findet sie auf einer metaphysischen Ebene, in die Hushpuppy flieht, um den Ereignissen in ihrem Leben Sinn zu verleihen und sich als Teil eines gr√∂√üeren Ganzen zu verstehen. Auch die Auerochsen sind Bestandteil dieser Ebene. W√§hrend ihr "Anmarsch" mehr Gedankenspiel als Realit√§t ist, kommt es am Ende doch zur Konfrontation mit Hushpuppy, als diese ihren Vater zum letzten Mal vor seinem Tod besucht. Ihr Blick zwingt die Tiere auf die Knie, dann machen sie kehrt. "Ihr seid doch meine Freunde", h√§lt ihnen Hushpuppy entgegen. Eine Vers√∂hnung ‚Äď mit was oder wem, bleibt offen.

Rezeptionen ‚Äď gro√üe Begeisterung und fundamentale Kritik

"Beasts of the Southern Wild" wurde √ľberwiegend positiv rezipiert. "Magisch", schreibt die S√ľddeutsche Zeitung, "bildgewaltig" die Welt. "Eine Explosion aus reiner Freude. Ein √ľberm√ľtiger und mitrei√üender Film", schw√§rmt die New York Times.

Es √ľberrascht, dass viele Rezensionen lediglich die poetischen Aspekte in den Vordergrund stellen. Die Schwarze US-amerikanische Feministin bell hooks greift diesen Punkt auf und kritisiert, dass die Romantisierung des vermeintlich "Primitiven" g√§nzlich die Aspekte von Gewalt, Verwahrlosung und Leid verdr√§ngen w√ľrde. Und hooks Kritik geht tiefer. Sie argumentiert, dass sich der Regisseur s√§mtlicher rassistischer und sexistischer Klischees bedient habe. Winks Charakter repr√§sentiere das Stereotyp des "badass black man", der keinen Schmerz kennt und unkontrolliert aggressiv ist, w√§hrend Hushpuppy die "miniature version of the ¬īstrong black female matriarch¬ī" darstellt, eine Figur, die sich, laut hooks, zurzeit gro√üer Beliebtheit im Unterhaltungskino erfreue. Gleichzeitig werde auch "race" im Film nie thematisiert, sondern ein Zusammenleben in "utopischer Harmonie" suggeriert.

Tats√§chlich erw√§hnt Zeitlin im Interview auf der Bonus-DVD, dass Bathtub einen Ort darstellen sollte, wo Faktoren wie Alter, Religion, Politik und "race" keine Bedeutung beigemessen wird. Eine Vorgehensweise, die in Anbetracht von hooks¬ī Kritik nicht nur paradox, sondern auch kurzsichtig erscheint. √Ąhnlich verh√§lt es sich mit dem Thema Geschlecht, da St√§rke im Film prim√§r √ľber m√§nnlich-konnotiertes Verhalten definiert und zelebriert wird.

An hooks Kommentar k√∂nnte die Frage anschlie√üen, wer denn eigentlich mit den "Beasts of the Southern Wild" gemeint ist und welche Assoziationen mit diesen Begriffen geweckt werden ‚Äď gewollt oder ungewollt.

Ein Blick hinter die Kulissen

Das Bonusmaterial auf der DVD liefert spannende Einblicke in die Hintergr√ľnde und Entstehungsgeschichte des Films. Es enth√§lt u.a. Interviews mit dem Regisseur und den Protagonist_innen, ein "Making of" und Zeitlins Kurzfilm Glory at Sea (2008). Sch√∂n ist, dass den Zuschauer_innen hier der "Spirit" des Projekts vermittelt wird, das in dieser Gr√∂√üenordnung f√ľr viele der √ľber 100 Beteiligten ein Erstlingswerk war. Umso beeindruckender, dass "Beasts" zahlreiche Preise abr√§umte, u.a. am Sundance Film Festival und am Festival de Cannes 2012.

Die Gruppe von K√ľnstler_innen, die hinter der Produktion steht, nennt sich Court 13. Wie Zeitlin im Interview erl√§utert, verbindet ihre Mitglieder eine bestimmte Herangehensweise an das Filmschaffen, die durch Dialog und Partizipation mit den Menschen "vor Ort" gepr√§gt sein will. So wurden auch die beiden Protagonist_innen (Hushpuppy und Wink) von Laienschauspieler_innen aus der Region dargestellt. Die damals 5-j√§hrige Quvenzhan√© Wallis wurde von ca. 4.000 Bewerberinnen f√ľr die Rolle ausgew√§hlt.

AVIVA-Tipp: Der Film gleicht einer Reise in fantastische ‚Äď aber auch brutale ‚Äď Welten der Improvisation und Kreativit√§t, die in Einklang mit und zum Schutz vor Naturgewalten geschaffen werden. "Beasts of the Southern Wild" lohnt sich schon allein wegen der gro√üartigen schauspielerischen Leistung der Oscar-nominierten Quvenzhan√© Wallis. Dennoch ist es wichtig, zu hinterfragen, wer wie repr√§sentiert wird und welche Themen warum (nicht) angeschnitten werden.

Benh Zeitlin, geboren 1982 in New York, hat bei "Beasts" Regie gef√ľhrt und das Drehbuch (mit-)geschrieben. 2004 gr√ľndete er mit Gleichgesinnten das K√ľnstler_innenkollektiv Court 13. Zu seinen preisgekr√∂nten Kurzfilmen z√§hlen "Egg", "Origins of Electricity", "I get wet" und "Glory at Sea".

Lucy Alibar ist Autorin des Theaterst√ľcks ("Juicy and Delicious"), das sp√§ter von ihr und ihrem Kindheitsfreund Benh Zeitlin zum Drehbuch umgeschrieben wurde. F√ľr ihre Werke hat sie zahlreiche Preise erhalten, u.a. war sie Gewinnerin der Young Playwrights, Inc. In Florida geboren, lebt heute in New York.

Court 13 ist ein Kollektiv von K√ľnstler_innen, Trickfilmer_innen, B√ľhnenbildner_innen, Cutter_innen, Musiker_innen und Erz√§hler_innen. Die "independent filmmaking army" folgt einer "do it yourself"-Herangehensweise zum Filmschaffen und bezeichnet New Orleans als ihr Zuhause.

Beasts of the Southern Wild
USA 2012
Regie: Benh Zeitlin
Drehbuch: Lucy Alibar und Benh Zeitlin
Darsteller_innen: Quvenzhané Wallis, Dwight Henry, Lowell Landes, Pamela Harper, Gina Montana, Amber Henry, Jonshel Alexander, Nicholas Clark, Henry D. Coleman, Kaliana Brower, Philip Lawrence, Hannah Holby, Jimmy Lee Moore, Marilyn Barbarin, Big Chief Alfred Doucette, Jovan Hathaway, Kendra Harris
Sprachen: Englisch, Deutsch, Untertitel: Deutsch
DVD:
Laufzeit 93 Minuten
FSK: 12 Jahre
Special DVD und Blu-ray
Laufzeit ca. 200 Minuten
Bonusmaterial mit Making of, Deleted Scenes mit Audiokommentar von Benh Zeitlin, Benh Zeitlins Kurzfilm Glory at Sea, Interviews mit Benh Zeitlin, Quvenzhané Wallis & Dwight Henry, Featurettes
FSK: 12 Jahre
DVD- und Blu-ray-Start: 7. Mai 2013
Verleih: Cinema MFA+ www.mfa-film.de

Preise/Auszeichnungen:

Sundance Film Festival 2012: Grand Jury Prize

Festival de Cannes 2012: Cam√©ra D¬īOr

Fantasy Filmfest 2012: Centerpiece & Publikumspreis

Deauville American Film Festival 2012: Grand Jury Prize

Seattle International Film Festival 2012: Golden Space Needle Award (Best Director)

Satellite Awards 2012: International Press Academy¬īs Humanitarian Award (Benh Zeitlin/ Lucy Alibar)

Gotham Independent Film Awards 2012: Breakthrough Director + Bingham Ray Award (Benh Zeitlin)

Los Angeles Film Festival 2012: Audience Award for Best Narrative Feature

Nominierungen:

Academy Awards 2013 (Oscars): Best Picture, Best Director, Best Adapted Screenplay, Best Actress (Quvenzhané Wallis)

Weitere Informationen:

www.beastsofthesouthernwild.de

Website des Court13-Kollektivs

bell hooks¬ī Kommentar "No Love in the Wild"

Kultur Beitrag vom 17.05.2013 AVIVA-Redaktion 





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