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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.05.2013

Mutter & Sohn. Ein Film mit Lumini√ĺa Gheorghiu. Kinostart am 23. Mai 2013
Julia Lorenz

Regisseur C√£lin Peter Netzer lotet mit seinem Ensemblest√ľck die Grenzen zwischen bedingungsloser Elternliebe und Verblendung aus - und wirft gleichzeitig ein Schlaglicht auf die sozialen...



...Zustände in der rumänischen Oberschicht.

"Warte auf meinen Anruf, dann merkst du, ob ich dich respektiere", weist Barbu (Bogdan Dumitrache) seine Mutter Cornelia (Lumini√ĺa Gheorghiu) an - und diese versteht die Welt nicht mehr: Die erfolgreiche Architektin kann den Wunsch ihres erwachsenen Sohns nach mehr Distanz von seinen Eltern weder nachvollziehen noch verkraften. Schlie√ülich hat sie ihrem Kind, das ihr nun mit harscher Zur√ľckweisung begegnet, immer alles in ihrer Macht Stehende erm√∂glichen wollen. Cornelia glaubt, ihn an seine Lebensgef√§hrtin Carmen (Ilinca Goia) zu verlieren, die Barbu in ihren Augen beeinflusst, manipuliert - und daf√ľr sorgt, dass die engagierte Mutter nun die gemeinsame Reinigungskraft aushorchen muss, um Details aus dem Leben ihres Sohns zu erfahren. "Ich hab dir doch gesagt, bekomm noch ein zweites Kind", h√§lt ihr Freundin Olga (Natasa Raab) vor. "Dann k√∂nntest du dir jetzt eins aussuchen."

Doch Cornelias Mutterliebe kennt keine Grenzen - und macht auch vor moralischen Fragen keinen Halt. Als Barbu unter Alkoholeinfluss einen Verkehrsunfall verschuldet bei dem ein Junge ums Leben kommt, beginnt f√ľr sie eine Tour de Force: Aus Angst vor einer Haftstrafe f√ľr ihren Sohn macht sie von ihren Privilegien als einflussreiche Karrierefrau Gebrauch und versucht, mittels Aussagenf√§lschung und Bestechung Barbus Unschuld zur√ľckzukaufen.

"Eltern wollen sich durch ihre Kinder verwirklichen", behauptet Cornelia und bringt damit ihr Dilemma auf den Punkt: Obwohl die unreflektierten Verteidigung ihres Sohns ein Zeugnis kompromissloser Loyalit√§t zu ihm ist, wirft ihr vehementes Leugnen aller Tatsachen und ethischen Einw√§nde die Frage auf, wessen Weltbild hier wieder ins Lot ger√ľckt werden muss: Ihres oder Barbus? Der Wunsch, dem eigenen Kind das zu bieten, was ihr selbst m√∂glicherweise verwehrt blieb, nimmt in Cornelias Fall bedenkliche Z√ľge an. Die √úberidentifikation mit ihrem Sohn legt das Rechtsbewusstsein der engagierten Mutter lahm und belastet somit nicht nur die eigene Familie, sondern auch die eigentlichen Leidtragenden: Die Hinterbliebenen des verungl√ľckten Jugendlichen.

"Mutter & Sohn" verspricht auf den ersten Blick lediglich den Neuaufguss eines altbekannten Themas: Auf der einen Seite stehen die M√ľtter, die - ob durch Vernachl√§ssigung oder √úberbeh√ľtung - im Zweifelsfall an allen Miseren im Leben ihrer Kinder Schuld sind, auf der anderen der Nachwuchs, der sich gegen das elterliche Diktat auflehnt. Die Rollenverteilung scheint auch zu Beginn von C√£lin Peter Netzers Auseinandersetzung mit der komplexen Eltern-Kind-Beziehung von diesem wunderbar einfachen Schema nicht abzur√ľcken: Cornelia verleidet ihrem Sohn seine Beziehung, tritt als Kontrollfreak ohne Respekt vor Privatsph√§re in Erscheinung und missbraucht Geld und Macht. Eine klassische Sympathietr√§gerin sieht anders aus.

Regisseur Netzers und Hauptdarstellerin Lumini√ĺa Gheorghius Verdienst liegt jedoch darin, nicht einfach das Klischee der √úbermutter zu reproduzieren, sondern die Protagonistin als Mensch zug√§nglich zu machen - so beispielsweise in Momenten, in denen sich offenbart, wie sehr sie jenseits aller Eitelkeiten unter dem Vertrauensentzug ihres Sohns leidet. Dieser erschwert den ZuschauerInnen ebenfalls die Anteilnahme: Hilflos bewegt sich Barbu zwischen cholerischen Abgrenzungsversuchen und Unentschlossenheit. Leben m√∂chte der F√ľnfunddrei√üigj√§hrige nicht unter der sch√ľtzenden Hand seiner Mutter, ganz verzichten auf die elterliche Zuneigung jedoch ebenfalls nicht.

Bei aller Kritik an Cornelias √ľberambitionierten Manipulationsversuchen er√∂ffnet sich im Laufe des Films die Frage: Welche Rolle spielt in diesem Trauerspiel der Vater? Der bleibt blass, unterst√ľtzt seine Frau weder, noch bildet er einen klaren moralischen Gegenpart und entzieht sich so allen Vorw√ľrfen und Schubladisierungen. Zu einem guten Elternteil macht ihn das noch lange nicht - was wiederum den Gedanken nahelegt, es sich mit dem Focus auf "Mutter und Sohn" ein wenig zu einfach zu machen.

AVIVA-Tipp: C√£lin Peter Netzers diesj√§hriger Berlinale-Gewinner m√∂chte vieles sein: Familiendrama, Kriminalfilm, Milieustudie. Bei einem Plot, der sich eines beinahe klassischen Konflikts bedient und zudem in der rum√§nischen Oberschicht angesiedelt ist in der Korruption eine Lappalie zu sein scheint, sind Stereotypisierungen beinahe vorprogrammiert. Doch Regisseur Netzer umschifft √§rgerliche Rollenbilder zumeist: Weder setzt er Cornelia launig als unausstehliches "Schwiegermonster" in Szene, noch w√§lzt er die Schuld auf das rebellische, undankbare Verhalten des Nachwuchses ab oder inszeniert Barbus Lebensgef√§hrtin Carmen als treibende Kraft hinter der zunehmenden Entfremdung. Dem gro√üartigen Cast gelingt es indes, ihren ambivalenten Charakteren Menschlichkeit und W√ľrde zu verleihen - und dem tragischen Plot so manch schwarzhumorigen Moment abzuringen.

Zum Regisseur: C√£lin Peter Netzer wurde 1975 in Rum√§nien geboren und emigrierte 1983 mit seinen Eltern nach Deutschland. Nach seinem Abschluss an der National University of Theatre and Cinema Art in Bukarest begann er mit der Arbeit an Netzers Kurzfilm- und Spielfilm-Debuts, die beide den Namen "Maria" trugen. Sein Spielfilm "Medal of Honor" (2009) schaffte es in die Selektion von √ľber drei√üig Festivals und wurde mehrfach ausgezeichnet. Seine Premiere im Wettbewerb der 63. Berlinale feierte er 2013 mit "Mutter & Sohn" - und gewann dort den Goldenen B√§ren f√ľr den besten Film.

Zur Hauptdarstellerin: Lumini√ĺa Gheorghiu wurde 1949 geboren und gilt als Ikone des rum√§nischen Films. Ihre mittlerweile drei√üigj√§hrige Karriere ist eng verbunden mit Cristi Puius Spielfilmen "Stuff fand Dough" (2001), "Der Tod des Herrn Lazarus" (2005) und "Aurora" (2010). Dar√ľber hinaus war sie in Cristian Mungius¬ī "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" (2007) sowie in dem in Cannes ausgezeichneten Film "Beyond the Hills" (2012) zu sehen. Gheorghiu wurde f√ľr ihre schauspielerischen Leistungen bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem GOPO Award (Rum√§nischer Filmpreis) und dem Preis der Los Angeles Critics Association.

Mutter & Sohn
Rumänien 2013
Originaltitel: Child¬īs Pose
Filmlänge: 112 Minuten
Regie: C√£lin Peter Netzer
DarstellerInnen: Lumini√ĺa Gheorghiu, Bogdan Dumitrache, Ilinca Goia, Natasa Raab, Florian Zamfirescu u.a.
Drehbuch: R√£zvan R√£dulescu, C√£lin Peter Netzer
ProduzentInnen: C√£lin Peter Netzer, Ada Solomon, Parada Film
Kamera: Andrei Butic√£
Schnitt und Sounddesign: Dana Lucre√ĺia Bunescu
Szenenbild: Malina Ionescu
Kost√ľme: Irina Marinescu
Verleih: X Verleih

Kinostart: 23. Mai 2013

Der Film im Netz: www.mutterundsohn.x-verleih.de

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Kultur Beitrag vom 22.05.2013 Julia Lorenz 





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