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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.11.2013

Eisheimat - Ein Dokumentarfilm von Heike Fink. Ab 5. Dezember 2013 im Kino
Lea Albring

Sie teilen ein Schicksal und fĂŒhrten doch die unterschiedlichsten Leben. Die sechs im Film portrĂ€tierten Frauen sind Teil der ersten großen Einwanderungswelle nach Island. 1949 machen sie sich...



...auf, um fernab von Deutschland als Landarbeiterinnen ihr Geld zu verdienen. Die heute ĂŒber 80 jĂ€hrigen Damen blicken zurĂŒck und erzĂ€hlen von harter Arbeit, Liebe auf den ersten Blick, von ungewollten Schwangerschaften und unglĂŒcklichen Ehen.

Lebensfragmente zwischen Goldrahmen und Spitzendeckchen

UngerĂŒhrt sitzt Anna KarĂłlĂ­na GĂșstafsdĂłttir in ihrem Wohnzimmer und erinnert sich an ihre Eheschließung mit einem islĂ€ndischen Maurer: "Mein Mann war so betrunken, der konnte noch nicht mal seinen Namen schreiben." UrsĂșla GuĂ°mundsson ist da emotionaler. Als sie inmitten von antiken Möbeln und Bilderrahmen an ihre ersten Tage in Island denkt, kĂ€mpft sie mit den TrĂ€nen. Die Wucht des damaligen Heimwehs ist plötzlich so prĂ€sent, als wĂ€re es nie weg gewesen. Neben Anna KarĂłlĂ­na und UrsĂșla schildern auch AnĂ­ta ValtysdĂłttir, UrsĂșla von Balzun, Ilse Björnsson und Harriet JĂłhannesdĂłttir besondere Lebensetappen und persönliche Geschichten aus ihrer neuen "Eisheimat", die sie vor mehr als einem halben Jahrhundert erstmals betraten.
Im Jahr 1949 sind die Auswanderinnen in einen Frachtkutter nach Island gestiegen, um dem Elend und der Perspektivlosigkeit des Nachkriegsdeutschlands zu entkommen. 238 junge Frauen folgten damals dem Ruf des islĂ€ndischen Bauernverbandes, der in einer norddeutschen Zeitung per Annonce um weibliche ArbeitskrĂ€fte warb. Da nach der Besatzung durch Briten und Amerikaner viele IslĂ€nderinnen die Insel verlassen hatten, fehlte es an ArbeitskrĂ€ften, aber auch an "Frauen fĂŒrs Bett", wie UrsĂșla GuĂ°mundsson weiß.

"Du" ist schöner als "Sie"

Bei ihrem RegiedebĂŒt besuchte die Filmemacherin Heike Fink die sechs Auswanderinnen in ihren Wohnzimmern und machte mit ihnen AusflĂŒge in die islĂ€ndische Natur und zu ihren ehemaligen ArbeitsstĂ€tten. Es geht um die Stationen ihrer Vita und gleichzeitig um zentrale Fragen des Lebens: Was ist Heimat? Wo gehört frau hin? Wer bin ich? "Ich bin IslĂ€nder", sagt Anna KarĂłlina GĂșstafsdĂłttir zu Beginn. "Ich bin Deutsche", stellt dagegen Harriet JĂłhannesdĂłttir fest. Schon der Anfang der Dokumentation weist exemplarisch auf die Andersartigkeiten hin, die im Laufe des Films noch an Kontur gewinnen. Als sich die Frauen allerdings um einen Tisch versammeln und Kaffee aus geblĂŒmten Porzellantassen mit Goldrand trinken, scheinen alle Unterschiede fĂŒr einen Moment verschwunden. Ganz klar einig ist sich die Kaffeerunde darĂŒber, dass das IslĂ€ndische "Du" viel schöner ist als das Deutsche "Sie". In Island sei sie irgendwie freier, kann auch Ilse Björnsson in der RĂŒckschau auf ihr Leben behaupten. Noch immer ist sie mit dem Mann verheiratet, der ihr vor vielen Jahren verbot, den gemeinsamen Kindern Deutsch beizubringen. Freiheit ist relativ und als Kategorie an die Historie gebunden, auch das zeigt der Film.

Im Mittelpunkt stehen die Geschichten

Die Doku kommt völlig ohne Audiokommentar aus. Auch die Namen der Akteurinnen werden nicht eingeblendet. Der Fokus liegt ganz klar auf den ErzĂ€hlungen der Frauen. Sie sprechen fĂŒr sich – das gilt fĂŒr die Frauen genauso wie fĂŒr ihre Geschichten. Die KamerafĂŒhrung unterstĂŒtzt diese Autonomie, sie verzichtet auf dramatische Close-Ups und herangezoomte Gesichter. Filmisch miteinander verwebt werden die Szenen durch Natur- und Landschaftsaufnahmen Islands. Sie trennen die ErzĂ€hlpassagen voneinander und geben Raum zum Nachdenken – hier wirken die Geschichten nach. In Kombination mit der sehnsĂŒchtigen, traurig-schönen islĂ€ndischen Musik, verleiht das dem Film nicht nur eine gewisse Ruhe und Melancholie, sondern auch eine subtile Sinnbildlichkeit: So unverwĂŒstlich die Kraterlandschaften Islands, so unverwĂŒstlich erscheinen auch die sechs Frauen.

Über den Film hinaus

Kurz nach Ende der Dreharbeiten ist AnĂ­ta ValtysdĂłttir verstorben. In der Dokumentation hatte sie die Möglichkeit, von ihrem nicht immer einfachen Leben zu berichten, auf das sie am Ende in einer erstaunlichen Gelassenheit zurĂŒckblicken konnte.
Anítas Geschichte war bereits Teil des Buches "Frauen, Fische, Fjorde. Deutsche Einwanderinnen in Island" (2011) der Journalistin, Hörspielautorin, Drehbuchautorin und Dokumentarfilmerin Anne Siegel. Auch hier werden insgesamt sechs Frauen portrÀtiert, die sich wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg nach Island aufmachen und dort eine neue Heimat finden.

Zur Regisseurin: Heike Fink, 1968 in Marbach am Neckar geboren, studierte Literatur und Soziologie, im Anschluss absolvierte sie ein Redaktionsvolontariat bei einer Fachzeitschrift fĂŒr Gastronomie und war als Testesserin tĂ€tig. Als Filmemacherin arbeitet sie seit 2000, sie schrieb DrehbĂŒcher fĂŒr Kurzfilme und war darĂŒber hinaus fĂŒr TV-Produktionen tĂ€tig. Viele ihrer DrehbĂŒcher wurden mit Preisen ausgezeichnet oder gefördert. (Quelle: mindjazz pictures)

AVIVA-Tipp: Die Dokumentation kommt unaufdringlich daher, das gesprochene Wort wirkt durch die reduzierten Mittel umso eindringlicher. Das RegiedebĂŒt von Heike Fink gibt den sechs portrĂ€tierten Frauen den Raum, den Lebensgeschichten benötigen, die einzigartig sind und als Migrantinnenbiographien doch ĂŒber sich hinausweisen und universelle ZĂŒge annehmen.

Eisheimat
Ein Dokumentarfilm von Heike Fink
Deutschland 2012
Regie: Heike Fink
Protagonistinnen: UrsĂșla von Balzun, UrsĂșla GuĂ°mundsson, Ilse Björnsson, AnĂ­ta ValtysdĂłttir, Anna KarĂłlĂ­na GĂșstafsdĂłttir, Harriet JĂłhannesdĂłttir
Buch: Heike Fink
Kamera: Birgit GudjonsdĂłttir, Marcel Reategui
LĂ€nge: 84 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 5.12.2013
www.mindjazz-pictures.de

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Anne Siegel - Frauen, Fische, Fjorde. Deutsche Einwanderinnen in Island

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Kultur Beitrag vom 27.11.2013 Lea Albring 





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