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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.03.2014

Stories We Tell, ein Film von Sarah Polley. Kinostart: 27.03.2014
Philippa Schindler

In den Erinnerungen ihrer Familie stĂ¶ĂŸt die Regisseurin auf ein Familiengeheimnis, das ihr Leben in den Grundfesten erschĂŒttert und entdeckt in ihrer Filmrecherche mehr als nur eine Wahrheit.



Durch eine Aneinanderreihung von ZufĂ€llen und seltsamen Begegnungen macht die Oscar-nominierte Filmemacherin Sarah Polley eine weitreichende Entdeckung mit Konsequenzen: Ihre Mutter Diane hatte einige Monate vor ihrer Geburt eine AffĂ€re mit einem Schauspieler. Und Michael, der Sarah und ihre Geschwister seit Dianes frĂŒhem Tod allein aufzog, ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ihr leiblicher Vater.

Sarah Polley beschließt, ihre Suche nach der Wahrheit ĂŒber das Familiengeheimnis in einem Film zu dokumentieren. In Interviews und Befragungen lĂ€sst sie all jene zu Wort kommen, die etwas zu den Ereignissen damals zu sagen haben: Ihr Vater Michael, ihre Geschwister und FreundInnen der Familie. Sarah forscht in den erzĂ€hlten Erinnerungen dieser Personen nach der "Essenz des Geschehenen" und versucht, die viel zu frĂŒh verstorbene Mutter durch ihre Geschichten wieder zum Leben zu erwecken.

"Die Launen der Wahrheit und die UnzuverlÀssigkeit der Erinnerung"

Schnell wird klar: Es gibt verschiedene Arten, sich an ein Ereignis zu erinnern. In "Stories We Tell" variieren die ErzĂ€hlungen der Charaktere mal mehr, mal weniger – und wie sich bald herausstellt, liegt die Wahrheit nicht immer dort, wo sich die Geschichten Ă€hneln. Harry Gulkin, einer der Protagonisten, erklĂ€rt diese Beobachtung mit den Worten: "Menschen neigen dazu, sich in den ErzĂ€hlungen ihres Lebens zu positionieren. In Bezug darauf, was sie sahen, was sie fĂŒhlten, an was sie sich erinnern und in Bezug auf ihre LoyalitĂ€t." Sarah Polley inszeniert diese tragende Erkenntnis als Regisseurin gekonnt. Sie folgt auch im Film der realen Chronologie der Ereignisse und zeigt alle Irrungen und Wirrungen ihrer vorangegangenen Recherche.

Eine genre-ĂŒbergreifende Dokumentation des Lebens

"Stories We Tell" ist in vielerlei Hinsicht eine herausragende Collage, nicht nur, weil sich hier die Leben eines ganzen Ensembles von Personen kreuzen und miteinander verbinden, sondern auch aus filmischer Sicht. So wird der Vater Michael Polley zum allwissenden ErzĂ€hler der Geschichte - zur "Voice of God", wie Sarah es nennt: Mit warmherzig-tiefer Stimme liest er sein Skript, in dem er die persönlichen Erinnerungen in dreißig Jahren Ehe mit Diane beschreibt. Die eigens fĂŒr die Dokumentation mit einer Super-8-Kamera gedrehten Homevideos zeigen authentisch anmutende Ausschnitte aus dem Familienleben – es ĂŒberrascht beinahe, dass die Schauspielerin Rebecca Jenkins nicht die reale Diane Polley ist.

Bis aus Weiteres: RĂŒckzug ins Private

FĂŒnf Jahre hat Sarah Polley, die vor allem durch ihr 2006 erschienenes RegiedebĂŒt "An ihrer Seite" ("Away From Her") bekannt wurde, an der Dokumentation gearbeitet. "Es war das HĂ€rteste, was ich jemals gemacht habe.", schreibt sie in einem Statement auf dem Blog des National Film Board of Canada und lehnt jede Interviewanfragen vor dem offiziellen Erscheinen des Films ab. Der Grund: Sarah Polley möchte, dass die Kritiken den Film als solchen besprechen und nicht nur ĂŒber die erstaunlichen Wendungen ihrer Biographie berichten.

AVIVA-Tipp: In "Stories We Tell" erzĂ€hlt die Filmemacherin Sarah Polley die ergreifende Geschichte ĂŒber ein Familienleben - so chaotisch, tiefgreifend und verschworen es nur sein kann. Die Dokumentation ist aber auch eine kluge Studie darĂŒber, wie Menschen ihre Erinnerungen formen, um eine bestimmte Version ihres Lebens zu nĂ€hren.

Zur Regisseurin: Sarah Polley, geboren 1979 in Toronto, Ontario, wuchs als Tochter der beiden SchauspielerInnen Diane und Michael Polley auf. Ihre Mutter starb frĂŒh in Folge einer Krebserkrankung. Als Schauspielerin wurde Sarah Polley vor allem durch ihre Hauptrolle im Film "Mein Leben ohne mich" von Isabel Coixet bekannt. Ihr RegiedebĂŒt gab sie 2006 mit dem Kinofilm "An ihrer Seite", der auf einer Kurzgeschichte der kanadischen Schriftstellerin und NobelpreistrĂ€gerin Alice Munro basiert. FĂŒr diese Drehbuchadaption wurde Sarah Polley im Jahr 2008 fĂŒr den Oscar nominiert. 2011 kam ihr Comedy-Drama "Take This Waltz" in die Kinos. Im Jahr darauf wurde Sarah Polleys Tochter geboren.
Der Film "Stories We Tell" wurde 2013 als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet vom NEW YORK FILM CRITICS CIRCLE, von der L.A. FILM CRITICS ASSOCIATION, vom NATIONAL BOARD OF REVIEW und von der DETROIT FILM CRITICS SOCIETY. "Stories We Tell" war außerdem nominiert fĂŒr den CRITICS CHOICE AWARD und stand auf der Shortlist fĂŒr den OSCAR 2014.

Stories We Tell
Kanada 2012
Sprache: Englisch mit deutschen Untertiteln
Regie und Drehbuch: Sarah Polley
DarstellerInnen: Michael Polley, Harry Gulkin, Mark Polley, Joanna Polley, Rebecca Jenkins u.a.
LauflÀnge: 108 Minuten
Kinostart: 27.03.2014
Verleih: Roadside Attractions / The National Film Board of Canada
www.storieswetellmovie.com
Weitere Informationen:

Auf dem Blog des National Film Board of Canada (NFB) schreibt die Regisseurin Sarah Polley ĂŒber ihre BeweggrĂŒnde zur Dokumentation "Stories We Tell".


Kultur Beitrag vom 24.03.2014 Philippa Schindler 





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