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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 06.10.2014

Ein Geschenk der G├Âtter - Working-Class-Kom├Âdie mit Katharina Marie Schubert. Kinostart: 9. Oktober 2014
Helga Egetenmeier

Die sympathisch-kantige Schauspielerin Anna fliegt aus ihrer kleinen Rolle am Stadttheater Ulm und muss zum Jobcenter. Umgehend als Leiterin einer Weiterbildungsma├čnahme f├╝r Langzeitarbeitslose...



...engagiert, erhalten diese statt des versprochenen Computerkurses eine Unterrichtung in Schauspiel am Beispiel des Theaterst├╝cks "Antigone".

So tragisch und zugleich komisch die Geschichte beginnt, folgen viele weitere Momente ernster und absurder Allt├Ąglichkeiten, bei denen die ProtagonistInnen jede Tr├Ąne vor Lachen oder Anteilnahme verdienen. In einer kleinen Gro├čstadt als Schauspielerin beim Jobcenter zu landen, stellt beide Seiten vor ungeahnte Probleme. Deshalb findet die Abteilungschefin ihren Plan genial, diese unbequeme Arbeitslose gleich als Kursleiterin vor eine bunte Gruppe "schwer Vermittelbarer" zu stellen.

Wie auch Anna (Katharina Marie Schubert), hat sich jedeR der acht Arbeitslosen mit seinen pers├Ânlichen Problemen gegen├╝ber den gesellschaftlichen Anforderungen auseinanderzusetzen. Die arbeitslose Schauspielerin will sich auf keine Aff├Ąre einlassen, nur um einen Job zu bekommen, Linda will kein weiteres Praktikum, sondern einen Ausbildungsplatz und Franz und Betty sehen sich als abgearbeitete ├ältere nicht in der Position, jemals wieder einen Job zu bekommen.

Differenziert arbeitet der Blick der Kamera auch die weiteren ProtagonistInnen mit ihren pers├Ânlichen Eigenheiten heraus. Unterst├╝tzt durch spielfreudige SchauspielerInnen, wie den quirligen Adam Bousdoukos und die resolute Marion Breckwoldt, setzen ruhige und einpr├Ągsame Farb- und Bildkompositionen das facettenreiche Arrangement gef├╝hlvoll in Szene.

Antigone nach Sophokles

Die bei Sophokles bereits mit ihrer Geburt als Tochter und Schwester des ├ľdipus unverschuldet tragische Figur Antigone besetzt Anna mit der scheuen Friederike, sehr eindrucksvoll gespielt von Katharina Hauter. Zu den Proben kommt sie meist zu sp├Ąt oder mit ihren Zwillingen, die genau wie ihr psychisch labiler Mann, betreut werden m├╝ssen. Der Film f├╝hrt hier entlang Judith Butlers Blick auf Antigone als Modell f├╝r neue Verwandtschaftsformen, Friederike erscheint auch als "Mutter" f├╝r den Vater ihrer Kinder.

"Das ist kein Staat, der einem nur geh├Ârt"

Gleichzeitig ist Antigone auch Gesetzesbrecherin und wird von Haimon, ihrem Verlobten, gegen seinen Vater, K├Ânig Kreon, mit diesem Satz verteidigt. Denn der Tyrann Kreon, hingebungsvoll gespielt von dem in die Jobcenter-Ma├čnahme gepressten Dimitri (Adam Bousdoukos), fordert Gehorsam, damit die Ordnung im Staat aufrecht erhalten bleibt.

Leidenschaftlich diskutieren die LaiendarstellerInnen anhand der Rollendialoge ihre Vorstellungen zu Sophokles Staatsfragen und kommen dabei in die Auseinandersetzung um ihr eigenes Leben. An diesen Stellen korrespondiert der Film mit der Frage, wessen Interessen das Gebilde Staat vertritt und wie fragw├╝rdige Arbeitsamtsma├čnahmen zu dem Recht des Einzelnen auf ein menschenw├╝rdiges Leben stehen.

Arbeitslose LaiendarstellerInnen in der Hochkultur

Als das Jobcenter das Geld f├╝r die Ma├čnahme streicht, steht die kleine Schauspielgruppe vor dem Aus. Doch die ungew├Âhnliche Gemeinschaft hat sich emotional gefunden und gibt diese Geborgenheit nicht so schnell auf. Der insolvente Tischler Franz stellt deshalb seine R├Ąume f├╝r weitere gemeinsame Proben zur Verf├╝gung.

Auf der selbst gezimmerten B├╝hne streiten und feilen sie weiter an ihrer "Antigone", die vor ihnen auch Hegel analysierte und Brecht auf die B├╝hne brachte. Das Engagement des gut gew├Ąhlten Cast bringt scheinbar problemlos den Alltag der Arbeitslosen in die hochkulturelle Theaterlandschaft. Beide Welten d├╝rfen gegen Ende des Films aufeinander treffen, als die Laiengruppe im pomp├Âsen Stadttheater auftritt.

AVIVA-Tipp: Bittersch├Ân anzusehen ist diese tragische Kom├Âdie um eine kleine Gruppe von Arbeitslosen, die sich trotz ihrer Verschiedenheit st├╝tzend zusammen findet. Der leicht inszenierte Mutmacher-Film l├Ąsst dennoch die Probleme dort, wo sie hingeh├Âren und ausgehandelt werden sollten, im Alltag der Gesellschaft. Ein Film, der der Pilotfilm f├╝r eine richtig gute Serie sein k├Ânnte.

Zu den DarstellerInnen:

Katharina Marie Schubert
absolvierte ihre Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und hatte ihr erstes Engagement am Burgtheater Wien. Sie war sieben Jahre festes Ensemblemitglied an den M├╝nchner Kammerspielen und erhielt dort 2005 den F├Ârderpreis f├╝r junge DarstellerInnen. In den letzten Jahren arbeitete sie als Haupt- und Nebendarstellerin in Film- und TV-Produktionen und re├╝ssierte als Kurzfilm-Regisseurin.

Adam Bousdoukos spielte bereits als Teenager kleinere Rollen in Werbespots und nahm sp├Ąter Unterricht an der Hamburger Stageschool. Beim Internationalen Filmfest von Locarno 1998 erhielt er den Bronzenen L├Âwen zusammen mit Mehmet Kurtulus und Aleksander Jovanovic, 2001 einen Adolf-Grimme-Preis. Einen gro├čen Publikum bekannt wurde er durch "Soul Kitchen", dort spielte er 2009 die Hauptrolle und schrieb mit Fatih Akin das Drehbuch.

Marion Breckwoldt war langj├Ąhriges Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, arbeitet als Theaterschauspielerin und in TV-Produktionen.

Katharina Hauter studierte an der Bayerischen Theaterakademie in M├╝nchen, wechselte nach Engagements in M├╝nchen zum Nationaltheater in Mannheim und arbeitet f├╝r Film und Fernsehen. Sie wurde f├╝r "Ein Geschenk der G├Âtter" als beste Schauspielerin f├╝r den F├Ârderpreis Neues Deutsches Kino nominiert.

Montage: Anja Pohl studierte Geschichte, Politische Wissenschaften und Allgemeine Gestaltung. Nach diversen Praktika und Assistenzen im Bereich Filmschnitt arbeitet sie seit 1996 als freie Film- und Fernseh-Editorin. Neben weiteren Nominierungen, wurde sie 2004 f├╝r den Dokumentarfilm "Die Geschichte vom weinenden Kamel" f├╝r den Schnittpreis des Festivals "film+" und beim 12. Femina-Film-Preis 2008 im Bereich Perspektive f├╝r "Feuerherz" nominiert. F├╝r "Die Unzerbrechlichen" erhielt sie den BildKunst-Schnittpreis. Sie unterrichtet als Lehrbeauftragte an der M├╝nchner Hochschule f├╝r Fernsehen und Film.

Auszeichnungen
Bayern 3 Publikumspreis beim Internationalen Filmfest M├╝nchen 2014
F├Ârderpreis Neues Deutsches Kino Beste Produktion

Ein Geschenk der G├Âtter
Deutschland 2014
Regie und Drehbuch: Oliver Haffner
DarstellerInnen: Katharina Marie Schubert, Adam Bousdoukos, Katharina Hauter, Paul Fa├čnacht, Marion Breckwoldt, Rainer Furch, Eva L├Âbau, u.a.
Kamera: Kaspar Kaven
Montage: Anja Pohl
Verleih: Arsenal Filmverleih
Laufl├Ąnge: 102 Minuten
Kinostart: 09.10.2014

Weitere Informationen unter:
www.arsenalfilm.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

12. Verleihung des Femina-Film-Preises

Die Geschichte vom weinenden Kamel

Soul Kitchen - Ein Film von Fatih Akin mit Adam Bousdoukos


Kultur Beitrag vom 06.10.2014 Helga Egetenmeier 





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