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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.05.2017

F├╝nf Sterne - Ein Film von Annekatrin Hendel mit Ines Rastig. Ausgezeichnet mit dem Heiner-Carow-Preis der DEFA-Stiftung auf der 67. Berlinale. Kinostart am 11. Mai 2017
Lisa Baurmann

Zwei eng befreundete K├╝nstlerinnen, ein noch engeres Hotelzimmer an der Ostsee, vier Wochen Aufenthalt. In diesen zeichnet Hendel ("Vaterlandsverr├Ąter") ein filmisches Portrait ihrer todkranken Freundin, das ohne Klischees auskommt, und dabei...



... sowohl zu beeindrucken als auch zu bedr├╝cken vermag.

Der Dokumentarfilm ist ein gemeinsames Projekt der K├╝nstlerinnen und langj├Ąhrigen Freundinnen Ines Rastig und Annekatrin Hendel. Er ist auch das letzte. Auf der 67. Berlinale im Februar 2017 stellte Hendel den Film alleine vor. Zu diesem Zeitpunkt war Rastig bereits gestorben ÔÇô an Lungenkrebs. Die Aufnahmen, die Hendel, stets hinter der Kamera, von Rastig im Zimmer des F├╝nf-Sterne-Hotels "The Grand" Ahrenshoop gemacht hat, entstanden zwei Monate nach der Diagnose, vier Monate vor ihrem Tod.

"Ich seh┬┤ das eigentlich nicht ein."

Im ganzen Film gibt es nur wenige Szenen, in denen der Krebs eine Rolle spielt. In einer davon betrachtet Ines Rastig ihr von der Chemotherapie gezeichnetes Gesicht im Badezimmerspiegel und zieht Bilanz: "Ich werd┬┤ total bestraft. In jeder Hinsicht. [...] arm wie ┬┤ne Kirchenmaus, krank, todkrank und entstellt. Also ich [...] wei├č ├╝berhaupt nicht, womit ich das verdient habe." "Denk mal dr├╝ber nach!", scherzt Hendel, beide lachen. Die Freundin entgegnet noch trotzig: "N├Â. Ich seh┬┤ das eigentlich nicht ein." Das ist einer der wenigen Momente, in denen die N├Ąhe der beiden Freundinnen zueinander zum Vorschein tritt. Meist spricht im Film nur Ines Rastig. Und geraume Zeit sehen wir sie einfach nur vor ihrem Laptop sitzen, obwohl wenige Schritte vom Hotel die malerisch-winterliche Ostsee wartet. Seit Jahren spielt sich fast ihr gesamtes Sozialleben online ab, auf Facebook.

Wenn wir Rastig reden h├Âren, scheint sie vieles nicht einzusehen. Warum sie den Kontakt zur Tochter verloren hat, warum sie aus ihrer Wohnung geworfen wurde, warum sie nicht mehr in Mitte leben soll, dem angeblich hippsten und teuersten Viertel Berlins. Dabei ist das der Ort, an dem sie aufgewachsen ist und sich zuhause f├╝hlt ÔÇô im Gegensatz zu "Krethi und Plethi aus Wanne-Eickel". Wo ihr trockener Berliner Humor durchscheint, wirkt die K├╝nstlerin sympathisch. Vielleicht hatte sie mehr davon, bevor sie sich aus der Kunstszene zur├╝ckgezogen hat, bevor ihre Familie auseinanderbrach und sie anfing, sich in die Welt von Facebook zu fl├╝chten.

"Ich wollte einfach, dass Ines in diesem Film immer Recht hat."

Die nun todkranke, offensichtlich Facebook-s├╝chtige, wom├Âglich depressive Ines Rastig ist schwer zu ertragen. ├ťber einen Ausfall des Wi-Fi im Hotel regt sie sich derart auf, dass nur eine Zigarette auf dem Balkon sie beruhigen kann. Beim Gespr├Ąch ├╝ber die schwierige Zeit, die sie hinter sich hat, wird sie ungehalten, irrational, unterbricht die vorsichtig fragende Freundin. Wir erfahren die Ereignisse ausschlie├člich aus ihrer Perspektive. Das ist so gewollt. Hendel sagt: "Ich wollte einfach, dass Ines in diesem Film immer Recht hat."

Das entstehende Portrait ist fast schmerzhaft authentisch. Trotzdem ist der Blick der Zuschauerin stets distanziert. Der Film l├Ąsst uns nicht in die Welt Rastigs eintauchen. Es gibt keine Handlung oder zusammenh├Ąngende Erz├Ąhlung, die uns in ihren Bann ziehen k├Ânnte, und Hendels Pr├Ąsenz hinter der Kamera bleibt immer bewusst.

Das Ergebnis des gemeinsamen Projekts ÔÇô und so will Annekatrin Hendel es auch verstanden wissen ÔÇô ist gleichzeitig Prozess des Abschiednehmens und ein Denkmal f├╝r die Freundin. Es entspricht dabei keinen Erwartungen. Es fehlen nostalgisches Schwelgen in Erinnerungen, gen├╝ssliches Auskosten letzter sch├Âner Stunden, Exzesse, Zusammenbr├╝che, bewegende Musik und sonstige Klischees, mit denen andere Filme aufwarten, in denen jemand mit der Nachricht konfrontiert ist, nicht mehr geheilt werden zu k├Ânnen. Zu sehen, wie sich ein Mensch derartig von allem in der echten Welt zur├╝ckzieht, und daran auch eine Krebsdiagnose nichts ├Ąndert, macht den Film schwer verdaulich. Er bietet auch keine L├Âsungen an. Die Banalit├Ąt des Lebensendes, seine Ereignislosigkeit, verst├Âren. Wer einen Hoffnungsschimmer sucht, findet ihn wom├Âglich darin, dass einzig die Freundschaft der beiden K├╝nstlerinnen ├╝ber all die Widrigkeiten hinweg Bestand hat.

Nach den zusammen verbrachten Wochen, in denen die Freundinnen die 36m┬▓ des Hotelzimmers so gut wie nicht verlassen haben, muss Ines Rastig wieder zur Chemotherapie. Danach, so verr├Ąt uns der Ausblick, verbringt sie den Rest ihres Lebens im "The Grand", wo es immer frisches Obst zum Fr├╝hst├╝ck und freundlichen Service gibt. Der Film, der einen Ausschnitt aus ihren letzten Lebensmonaten dokumentiert, wurde mit dem diesj├Ąhrigen Heiner-Carow-Preis der DEFA-Stiftung ausgezeichnet.

AVIVA-Tipp: Leichte Kost ist "F├╝nf Sterne" keinesfalls. Die Dokumentation hat keinen Unterhaltungswert, informiert nicht, r├╝ttelt nicht auf. Indem Hendel und Rastig mit stilistischen und inhaltlichen Konventionen brechen, schaffen sie ein filmisches Experiment, das zun├Ąchst irritiert, aber letztlich wichtige Fragen stellt, nach dem eigenen Leben und Lebensende, nach dem Stellenwert von Familie und Freundschaft, nach N├Ąhe und Distanz im virtuellen Raum. Antworten werden keine mitgeliefert, und das zeichnet den Film aus.

Ines Rastig ist in Ostberlin aufgewachsen. Sie war langj├Ąhrig in der dortigen Kulturszene als Malerin, S├Ąngerin, Kost├╝m- und B├╝hnenbildnerin t├Ątig. In ihren letzten sieben Lebensjahren zog sie sich aus dem Kunstbetrieb zur├╝ck und konzentrierte sich ausschlie├člich auf die Fotografie, mit der sie ihr Umfeld dokumentierte. Sie ver├Âffentlichte einen Gro├čteil ihrer Arbeiten auf Facebook, in Bilderserien, die erz├Ąhlerische Elemente zur eigenen Interpretation enthalten. Ihre letzten Monate verbrachte die K├╝nstlerin im Hotel "The Grand" Ahrenshoop. Mit ihrem Tod im Mai 2016 hinterlie├č sie eine gro├če Zahl fotografischer Arbeiten, von denen eine Auswahl im August und September 2016 im "The Grand" ausgestellt wurde.
Mehr Infos unter: itworksmedien.com ÔÇô Zur Ausstellung "Ines Rastig Fotografie"
www.facebook.com/ines.rastig ÔÇô Ines Rastig auf Facebook

Zur Regisseurin: Annekatrin Hendel ist ebenfalls in Ostberlin aufgewachsen und Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin. Nach Abschluss eines Designstudiums arbeitete sie freiberuflich als Szenenbildnerin am Theater und f├╝r Filme. 1999 hatte sie ihr Regiedebut mit dem Kurzfilm "Chiquita for Ever". 2004 gr├╝ndete sie die Filmproduktionsfirma "It Works! Medien GmbH". Zu ihren j├╝ngsten Werken als Regisseurin und Produzentin geh├Âren "Vaterlandsverr├Ąter" (2011) und "Anderson" (2014), Dokumentationen ├╝ber zwei ehemalige Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums f├╝r Staatssicherheit der DDR, die als Teile eine Trilogie ├╝ber Verrat konzipiert sind. "Vaterlandsverr├Ąter" ist 2013 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden. 2015 erschien ihre Dokumentation "Fassbinder" ├╝ber den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder anl├Ąsslich dessen 70. Geburtstags. Der Dokumentarfilm "F├╝nf Sterne" von Annekatrin Hendel war in der Vorauswahl f├╝r den Deutschen Filmpreis 2017 und erhielt den Heiner-Carow-Preis auf der 67. Berlinale. All ihre Regiearbeiten hatten ihre Urauff├╝hrung auf der Berlinale und auf der IDFA Amsterdam. Hendel ist Mitglied der Deutschen Filmakademie.
Mehr Infos unter: www.filmportal.de ÔÇô Komplette Filmografie
itworksmedien.com ÔÇô "It Works! Medien" Produktionsfirma

F├╝nf Sterne
DE 2016
Regie: Annekatrin Hendel
Verleih: Edition Salzgeber
L├Ąnge: 79 Minuten
Kinostart: 11.05.2017
Website mit Trailer: www.fuenfsterne-film.de
Facebook: www.facebook.com/fuenf.sterne.dokumentarfilm

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Kultur Beitrag vom 03.05.2017 AVIVA-Redaktion 





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