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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.07.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land. Der Filmklassiker von Jutta Br├╝ckner von 1980 in digital restaurierter Fassung auf DVD
Helga Egetenmeier

Als einer der ersten deutschen Filme, der sich offensiv mit der weiblichen Lebensrealit├Ąt auseinandersetzt, gilt Jutta Br├╝ckners beeindruckender Deb├╝tfilm. Damit gewann sie auf der Berlinale 1980 den FIPRESCI-Preis in der Sektion Forum. Dieses Kleinod der Filmkunst der langj├Ąhrigen Professorin an der Hochschule der K├╝nste in Berlin erschien nun mit analytisch wie auch historisch spannendem Bonusmaterial wie der Film "Tue recht und scheue niemand" auf DVD.



Jutta Br├╝ckner komponiert mit ihrem ersten Spielfilm eine pers├Ânliche, wie auch feministische Auseinandersetzung mit den Gesellschaftsbildern, mit denen junge Frauen in der Adenauer-├ära konfrontiert wurden. Anhand ihrer Biographie pr├Ąsentiert sie die Stimmung dieser Zeit durch die Augen der fiktiven 13-j├Ąhrigen Ursula, die sie an ihre pers├Ânliche Lebensgeschichte anlehnt. Als Kriegskind in D├╝sseldorf geboren, schildert die Drehbuchautorin und Regisseurin die spie├čb├╝rgerliche Enge im Leben der Jugendlichen.

F├╝r ihren Spielfilm ausschlaggebend war ihr erster Dokumentarfilm: "H├Ątte ich den ersten Film nicht genau so machen k├Ânnen, wie ich es mir vorgestellt hatte, h├Ątte ich keinen weiteren gemacht. In Hungerjahre erz├Ąhle ich f├╝nf Jahre sp├Ąter die andere Seite der Medaille, die schwierige Geschichte zwischen meiner Mutter und mir."

M├╝tter und T├Âchter

In dem Dokumentarfilm "Tue recht und scheue niemand - das Leben der Gerda Siepenbrink" (1975), l├Ąsst Br├╝ckner ihre Mutter aus deren Leben erz├Ąhlen. Mit privaten und historischen Fotografien erg├Ąnzt sie die Schilderungen zu einem politischen Gesellschaftsbild, das von den 1920 Jahren bis in die 1970er reicht. Beginnend bei dem k├Ąmpferischen Leben der Gro├čmutter, die als Witwe mit vier Kindern ihren Weg zwischen vorherrschenden Weiblichkeitsbildern und der alleinigen finanziellen Verantwortung finden musste, entsteht das Leben einer selbstbewussten Frau. Die Mutter war die starke Frau, aber auch der einzige Mensch, an dem sich die Tochter orientierte.

Ihr Mann, der in der NS-Zeit Flugbl├Ątter verteilte und sich links orientierte, wird auch im Spielfilm ein Gegenst├╝ck zur Mutter. Jutta Br├╝ckner stellt dort den Vater als emotionalen Menschen dar, der auch nach der NS-Zeit noch politisch aktiv ist. Doch an der sittenstrengen, konservativen Mutter scheint die Ehe zu zerbrechen.

"Hungerjahre" zeigt eine kurze Zeit im Leben der heranwachsenden Ursula. Die in einer Generation der Verdr├Ąngung bis zur Gef├╝hlsk├Ąlte aufgewachsene Mutter bekommt immer weniger Macht ├╝ber die emotionale Kraft und den Freiheitsdrang der Tochter. Doch an der Lieblosigkeit der Mutter zerbricht Ursula fast. Trotzdem schafft sie es immer wieder, sich aus der einengenden Mutter-Tochter-Beziehung zu l├Âsen und begibt sich unbeholfen hinaus in die reizvolle und unbekannte Freiheit. "Ich habe sehr wenig aufgel├Âst in diesem Film", sagt Jutta Br├╝ckner zu Recht ├╝ber "Hungerjahre".

Ihr gelingt es, Realit├Ątsdarstellungen mit Phantasiebildern verschwimmen zu lassen, die den Zuschauer*innen das Gef├╝hl der eigenen Orientierungslosigkeit, wie auch der von Ursula vermitteln. Gleichzeitig erzeugt Br├╝ckner damit eine Wahrnehmung historischer Abgr├╝nde, die vom Frauenbild des Nationalsozialismus, wie auch von religi├Âsen und konservativen Patriarchatsbildern gepr├Ągt sind. Br├╝ckner, die auch promovierte Politikwissenschaftlerin ist, hat mit dem Film eine politische Geschichte inszeniert, in der ein gro├čer Teil der historischen Komplexit├Ąt der 50er Jahre eingefangen ist.

Autobiografisches Filmemachen

In den 1970er und 1980er Jahren entstanden die sogenannten "Frauenfilme", die mit einer feministischen Ausrichtung den Blickwinkel und die Fragestellungen von Frauen in den Mittelpunkt r├╝ckten. Zu den Regisseurinnen z├Ąhlen neben Jutta Br├╝ckner auch Ula St├Âckl, Helke Sander und Margarethe von Trotta. Die Filmemacherinnen wandten sich sowohl an ein weibliches Publikum, wie auch weibliche Biografien und Perspektivem im Vordergrund standen.

Jutta Br├╝ckner schreibt im beigef├╝gten Text "├ťber autobiografisches Filmemachen": "Identit├Ąt und Biografie sind Objekte des Begehrens, nichts, was sich durch die Summe des Gelebten zwangsl├Ąufig ergibt. Sie h├Ąngen zusammen mit einem st├Ârungsfreien Austausch zwischen dem Individuum und dem Platz, an dem es lebt. Dieser Austausch war f├╝r Frauen nicht vorhanden und deshalb war auch vom Beginn der Frauenbewegung an das autobiografische Bed├╝rfnis so gro├č."

Beachtenswert - das Bonusmaterial

Ausf├╝hrliche Texte zur Entstehung und zum historisch-feministischen Kontext des Films, wie auch Gespr├Ąche mit Erika Gregor (1980) und Gerburg Treusch-Dieter, sind der DVD als Information beigegeben. Wie erw├Ąhnt, geh├Ârt dazu auch Br├╝ckners erste Regiearbeit als Dokumentarfilmerin "Tue recht und scheue niemand - Das Leben der Gerda Siepenbrink" (1975), eine gelungene Erg├Ąnzung zu ihrem Spielfilm - egal in welcher Reihenfolge die beiden Filme angeschaut werden.

AVIVA-Tipp: "Hungerjahre" zeigt die qualvolle Emanzipation einer jungen Frau zwischen sexueller Unterdr├╝ckung und der fragw├╝rdigen Moral in den Zeiten des Wirtschaftswunders. Schweigend sind dennoch die nationalsozialistische Vergangenheit und die weit dar├╝ber hinaus dauernden Patriarchatsvorstellungen immer pr├Ąsent und werden mit der Abh├Ąngigkeit und den Losl├Âsungsk├Ąmpfen der Tochter von der Mutter verkn├╝pft. Subjektiv bei der Sicht der Tochter bleibend, gelingt dem Film neben seiner Intensit├Ąt auch eine Gesellschaftskritik, die heute noch ungemein beeindruckt und den Film zu einem wichtigen Zeitdokument macht.

Auszeichnungen
Preis der Internationalen Filmkritik FIPRESCI auf den Berliner Filmfestspielen 1980
Preis der Deutschen Filmkritik f├╝r den besten Spielfilm des Jahres 1980
Publikumspreis in Sceaux
Publikumspreis in Br├╝ssel

Zur Autorin und Regisseurin: Jutta Br├╝ckner, 1941 in D├╝sseldorf geboren, studierte Politische Wissenschaft, Philosophie und Geschichte und schrieb 1973 ihre Dissertation ├╝ber "Die deutsche Staatswissenschaft im 18. Jahrhundert." Seit 1975 arbeitet sie als Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin f├╝r Filme und schreibt H├Ârspiele und Theatertexte, Filmkritiken und Essays, f├╝hrt Regie f├╝r Funk und Fernsehen. Von 1986 bis 2006 war sie Professorin an der Universit├Ąt der K├╝nste in Berlin und gr├╝ndete zusammen mit Wolfgang Ramsbott das "Filminstitut HdK" und zusammen mit Heinz Emigholz den Studiengang "Experimentelle Mediengestaltung". Gremienarbeit in der Frauenf├Ârderkommission des Berliner Senats, Gr├╝ndung und Vorsitzende des Gendernets an der UdK, Direktorin (2009 - 2015), danach stellvertretende Direktorin (2015 - 2016) der Sektion Film und Medienkunst an der Akademie der K├╝nste Berlin-Brandenburg und Mitglied in vielen Beir├Ąten und Festivaljurys. Ihr letzter Kinofilm "Hitlerkantate", bei dem sie Regie f├╝hrte und das Drehbuch schrieb, startete am 18. Mai 2006 in den deutschen Kinos
Mehr Infos zu Jutta Br├╝ckner unter:
www.juttabrueckner.de

Hungerjahre - in einem reichen Land
Deutschland, 1980
Buch und Regie: Jutta Br├╝ckner
Kamera: J├Ârg Jeshel, Rainer M├Ąrz
Ton: Michael Loy, Michael Mladenovic
Schnitt: Anneliese Krigar
Kost├╝m: Reinhild Paul, Monika Grube
Musik: Johannes Schm├Âlling
Produktion: Jutta Br├╝ckner-Filmproduktion in Koproduktion mit ZDF
Redaktion: Sibylle Hubatschek-Rahn
Gef├Ârdert von: Berliner Filmf├Ârderung
Cast: Britta Pohland, Sylvia Ulrich, Claus Jurichs, David Ismail, Helga Lehner-Madin, Ismail Mahdu, Cordula Hubrich, Tobias Meister, Hilla Preuss, Heidi Joscho, Max Grothusen, Viola Recklies, Bernd Schnier, Brigitte Hauschild u.a.
Vertrieb: absolut MEDIEN. V├ľ: Januar 2017
Best. Nr.: 7019
ISBN: 978-3-8488-7019-6
EAN: 978-3-8488-7019-6
Laufl├Ąnge: 114 Minuten, s/w
14,90 Euro
www.absolutmedien.de

Bonusfilm: Tue recht und scheue niemand, Dokumentarfilm, 1975, 66 min
Bonusmaterial:
Doris D├Ârrie ├╝ber Hungerjahre
Gespr├Ąch mit Jutta Br├╝ckner und Erika Gregor (1980)
Gespr├Ąch mit Jutta Br├╝ckner von Gerburg Treusch-Dieter ├╝ber Hungerjahre
Jury der evangelischen Filmarbeit - Film des Monats, Juni 1980
Jutta Br├╝ckner ├╝ber Hungerjahre
Jutta Br├╝ckner: Vom Singen im Wald bei Regen
Gespr├Ąch mit Jutta Br├╝ckner von Erika Richter (1997)
Karola Gramann, Heide Schl├╝pmann: Hungerjahre
Gespr├Ąch Jutta Br├╝ckner mit Gerburg Treusch-Dieter ├╝ber "Tue recht und scheue niemand"
├ťber autobiografisches Filmemachen von Jutta Br├╝ckner

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Wie haben Sie das gemacht? Aufzeichnungen zu Frauen und Filmen, herausgegeben von Claudia Lenssen und Bettina Schoeller-Bouju.
Das Kompendium achtzig facettenreicher Erfahrungs- und Lebensgeschichten von Frauen hinter und vor der Kamera, am Schneidetisch und in der Produktion, lehnt sich bewusst an diese InsiderInnen-Frage an, die auf Truffauts ber├╝hmte Befragung Hitchcocks anspielt. (2014)

Der Fangschuss
Die Verfilmung von Marguerite Yourcenar┬┤s ersten Erfolgsromans ├╝ber eine fatale Liebesbeziehung, Gewalt und Klassenkampf mit Margarethe von Trotta endlich auf DVD erh├Ąltlich. Das Drehbuch ist eine Gemeinschaftsarbeit von Margarethe von Trotta, Genevieve Dormann und Jutta Br├╝ckner, Regie: Volker Schl├Ândorff. Erstauff├╝hrung 1976. (2008).

Hitlerkantate. Buch und Regie: Jutta Br├╝ckner
Musiksch├╝lerin Ursula Scheuner m├Âchte dem F├╝hrer zuliebe eine bekannte Musikerin werden. Doch die Bekanntschaft mit dem Komponisten Broch l├Ąsst sie an ihrer Ideologie zweifeln. (2006)

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.proquote-regie.de
Impulsvortrag von Jutta Br├╝ckner anl├Ąsslich der Veranstaltung "Aktion Q", einer Diskussion ├╝ber "Qualit├Ąt und die Angst vor der Frauenquote" in der Akademie der K├╝nste w├Ąhrend der Berlinale im Februar 2016.

Kultur Beitrag vom 30.07.2017 Helga Egetenmeier 





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