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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.09.2008

Der neue Andreas Dresen - Wolke 9 erzählt von Liebe und Sex im Alter
Anna Opel

Diesjähriger Preisträger des Coup de Coeur in Cannes: Inge setzt sich im Seniorinnenenalter dem Abenteuer Liebe aus, trifft eine Entscheidung und schließt sich an den Puls des Lebens an



Im ersten Bild sitzt Inge (Ursula Werner) unschl√ľssig neben der N√§hmaschine im ehelichen Schlafzimmer und schaut vor sich hin, macht sich dann mit der Stra√üenbahn auf den Weg und bringt ihrem Kunden Karl die frisch ge√§nderte Hose vorbei.

Karl (Hort Westphal) probiert gleich an. Und zwischen Rascheln, scheuen Blicken und Atemz√ľgen entsteht eine Spannung, die sich ohne Worte und weitere Umschweife in einem Liebesakt auf dem Teppichboden entl√§dt. Inge macht sich heimlich aus dem Staub, doch der charmante Karl stattet ihr bald einen Gegenbesuch ab. Die seit 30 Jahren Inge verheiratete Inge wehrt sich noch gegen die sich anbahnende Romanze. Schlie√ülich sucht sie aktiv die Chance zu neuem Gl√ľck.

Dresen erz√§hlt seine Dreiecksgeschichte zun√§chst ungeachtet der Tatsache, dass es sich hier um SeniorInnen handelt. Es ist eine Sommerliebe, der man in √§sthetischer Hinsicht etwas mehr Leichtigkeit gew√ľnscht h√§tte. Weniger elegische Bilder von der mal bl√ľhenden, mal tropfenden Natur, daf√ľr vielleicht mal eine schwungvolle Melodie, denn: Inge und Werner sind wie vom Blitz getroffen, sie suchen und finden einander, Gl√ľck der ersten Verliebtheit.
Bald wird Inge von Gewissensbissen gegen√ľber ihrem Mann gequ√§lt, sie sucht Rat bei ihrer Tochter und wird, gegen deren dringende Empfehlung, schlie√ülich alles gestehen.

An diesem Punkt gewinnt das Alter an Bedeutung. Werner (Horst Rehberg), der gekr√§nkte Ehemann, erinnert seine Frau zwischen zwei Vorw√ľrfen an das nahe Ende. Und die Tatsache, dass diesen dreien nur noch wenig Zeit bleibt, verleiht der Konstellation einen wehm√ľtigen Unterton. Inge muss sich entscheiden, mit welchem Mann sie die letzten paar Jahre ihres Lebens verbringen wird. Die letzten Jahre, in denen sie Lust ausleben kann, in denen sie in einem buchst√§blichen Sinne "lebendig" ist. Und wie lebendig sie geworden ist, durch ihre Begegnungen mit Karl, wird im Film vielleicht am deutlichsten, wenn sie bei ihrer Chorprobe steht, inmitten lieber Gesichter, die nichts mehr erwarten, ist sie die Frau, die liebt und damit gegenw√§rtig und mit allen Fasern an den Puls der Welt angeschlossen.
Inge entscheidet sich und ihre Wahl wird dramatische Folgen haben.

Mit der Figur der Inge haben Regie und die Schauspielerin Ursula Werner eine Frau von bemerkenswerter innerer Freiheit und Geradlinigkeit geschaffen. Mit einer Hinwendung zum Reichtum und zur Vielfalt des Lebens. Sie versagt sich nichts, sie ist nicht bescheiden, sie sucht ihr Gl√ľck und k√§mpft darum. Ohne eigentlich zu wissen, wie das gekommen ist. Ohne, dass irgendjemand an irgendetwas schuld ist. Einfach so.
Das dramatische Ende hätte es nicht gebraucht, um der zeitlosen Geschichte Gewicht zu verleihen. Die langen Kameraeinstellungen und die völlige Abwesenheit von Musik tragen allerdings einen etwas aufgesetzten "Realismus" in dieses Werk. Weniger Bedeutungsschwere hätte auch der Autonomie der Figuren gut getan, die so immer ein bisschen wirken, wie unters Mikroskop gezerrt.

Die ungew√∂hnliche Liebesgeschichte hat bei den Filmfestspielen in Cannes soeben ihre umjubelte Weltpremiere gefeiert und ist dort mit dem ¬īCoup de Coeur¬ī der Jury von Un Certain Regard ausgezeichnet worden. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat dem Film das Pr√§dikat "besonders wertvoll" verliehen und dar√ľber hinaus wurde "Wolke9" beim European Film Festival im serbischen Pali√¶ mit dem Preis f√ľr die ¬īBeste Regie¬ī ausgezeichnet. Das gleichnamige Buch zum Film von Andreas Dresen √ľber Liebe und Sex im Alter erscheint zum Kinostart am 1. September 2008 im Gatzanis Verlag.

Andreas Dresen ("Sommer vorm Balkon") hat mit dem Team von "Halbe Treppe", digitaler Technik und einem einzigartigen SchauspielerInnensemble einen Film √ľber Sehnsucht und Sexualit√§t im Alter gedreht.
"Wolke 9" ist eine Produktion von Rommel Film e.K. in Koproduktion mit dem RBB, in Zusammenarbeit mit Arte und gefördert vom Medienboard Berlin-Brandenburg, dem Deutschen Filmförderfonds, dem BKM und dem Filmkunstpreis des Festival des deutschen Films.

AVIVA-Tipp: Dresen hat sich √ľberwiegend klischeefrei und erfrischend offen, daf√ľr vielleicht ein bisschen sehr optimistisch mit der Welt der SeniorInnen befasst. Gern w√ľrde man im betreffenden Alter selbst noch so viel vom Leben wollen ‚Äď und bekommen. Die Zuschauerin wird mit freim√ľtigen Sexszenen konfrontiert, die Dank der guten Regie und der SchauspielerInnen fast gar nicht peinlich sind. Definitiv kein bisschen unangemessener, als Sexszenen im Film generell zu sein pflegen.

Wolke 9
Regie: Andreas Dresen
DarstellerInnen: Ursula Werner, Horst Rehberg, Horst Westphal, Steffi K√ľhnert
98 Minuten
Kinostart: 04.09.2008
Deutschland 2008

Kultur Beitrag vom 03.09.2008 AVIVA-Redaktion 





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