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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.11.2008

Ich gehe jetzt rein. Von Aysun Bademsoy
Karolin Korthase

"WarÂŽn langer Weg - die Freiheit", sagt Arzu, ehemals Spielerin von Agri Spor, einer Kreuzberger Frauenfußballmannschaft. Aysun Bademsoy hatte sie und andere Spielerinnen des tĂŒrkischen Vereins ...



... filmisch begleitet und schließt mit "Ich gehe jetzt rein" ihre Langzeitdokumentation ĂŒber die Frauen ab.

Nicht nur fĂŒr Arzu Calkilic war es ein langer Weg in die Freiheit, sondern auch fĂŒr die vier anderen MĂ€dchen, die 1995 zusammen in der ersten tĂŒrkischen Frauenfußballmannschaft Europas um den Aufstieg in die Verbandsliga kĂ€mpften. Damals begann die Filmemacherin Aysun Bademsoy ihre Triologie ĂŒber die Kreuzberger Fußballerinnen mit dem Film "MĂ€dchen am Ball" (1995). Es folgten zwei Jahre spĂ€ter "Nach dem Spiel" (1997) und 2008 dann der dritte und letzte Teil "Ich gehe jetzt rein".

Außer mit Safiye, damals eine der begabtesten Spielerinnen und inzwischen Trainerin, hatte die Regisseurin den Kontakt zu den MĂ€dchen verloren und machte sich zehn Jahre nach dem zweiten Film auf die Suche nach ihnen. Vieles hat sich seitdem verĂ€ndert in den Leben der inzwischen fast 30-jĂ€hrigen Frauen. Die Zwillinge Nazan und Nalan sind verheiratet, haben je zwei Kinder und mussten erst ĂŒberredet werden, sich erneut der Kamera zu stellen. TĂŒrkan ist alleinerziehend und wird von Bademsoy bei der verzweifelten Suche nach Arbeit gefilmt. Arzu, die in "MĂ€dchen am Ball" und "Nach dem Spiel" am lebendigsten und kompromisslosesten wirkte, konnte erst nach langen Nachforschungen ausfindig gemacht werden. Sie hatte viel durchgemacht und sich von allen am meisten verĂ€ndert. Die Aufnahmen von Arzu, wĂ€hrend sie Ausschnitte aus den ersten beiden Filmen sieht, gehören zu den berĂŒhrendsten des Filmes.

Durch die Einblendung der SchlĂŒsselszenen aus den vorangegangenen Filmen wird die Diskrepanz zwischen den TrĂ€umen der jungen MĂ€dchen und der RealitĂ€t, in der sie heute leben, offensichtlich. Safiyes Wunsch Profifußballerin zu werden, konnte sich nicht verwirklichen. Arzu erfĂŒllte sich ihren Traum, endlich unabhĂ€ngig von den Eltern zu leben, kĂ€mpft jedoch mit der Vergangenheit und mit Erlebnissen, die sie vor der Kamera zurĂŒckhĂ€lt. Was indes die Biographien der Frauen eint, ist die Aussichtslosigkeit und die Resignation ĂŒber die Möglichkeit beruflicher Weiterentwicklung. Alle Frauen halten sich mit Gelegenheitsjobs ĂŒber Wasser und leise lĂ€sst sich zum Teil auch Reue spĂŒren - ĂŒber verpasste Chancen, unabgeschlossene Berufsausbildungen und abgebrochene Schuljahre. Die unerfĂŒllt gebliebenen TrĂ€ume und schmerzhaften Erinnerungen haben ihre Gesichter hĂ€rter gemacht und bestimmter.

Die Regisseurin nĂ€hert sich den Frauen mit viel Respekt und FeingefĂŒhl. TodesfĂ€lle, zerrĂŒttete FamilienverhĂ€ltnisse und schmerzhafte Scheidungen werden am Rande erwĂ€hnt, aber nicht konkretisiert. Bademsoy drĂ€ngt die Frauen nicht, sich vor der Kamera zu entblĂ¶ĂŸen, was auch nicht nötig ist, denn die Nahaufnahmen ihrer Gesichter legen genug Zeugnis ab von den Erfahrungen, EnttĂ€uschungen und von ihrem Kampf um Freiheit und um GlĂŒck.

Neben diesen individuellen Entwicklungsgeschichten, die vor den Augen der ZuschauerInnen quasi in Zeitraffer aufgerollt werden, sind vor allem die Implikationen zur sozialen Lebenswelt der TĂŒrkInnen in Deutschland aufrĂŒttelnd. Durch das ErzĂ€hlen dieser ganz unterschiedlichen, aber zum Teil doch so identischen Frauenschicksale, gelingt es Bademsoy, ein SozialportrĂ€t des tĂŒrkischen Lebens in Deutschland fern der Kopftuchdebatte zu skizzieren. Bezeichnend dafĂŒr ist die schon erwĂ€hnte berufliche Aussichtslosigkeit der Frauen, die zum grĂ¶ĂŸten Teil auf eine ĂŒber Jahrzehnte wĂ€hrende verfehlte Integrationspolitik der deutschen Regierung zurĂŒckzufĂŒhren ist, aber auch der unĂŒberbrĂŒckbare Graben zwischen der tĂŒrkischen und deutschen Kultur. Besonders aussagekrĂ€ftig sind dabei die Szenen, in denen sich Nalans Ehemann zur Erziehung und zur Ehe Ă€ußert. Die Verstrickungen und WidersprĂŒchlichkeiten, in denen er sich verfĂ€ngt, die gutgemeinten AnsĂ€tze, in denen dann doch deutlich ein patriarchaisch geprĂ€gtes Kulturbild ĂŒbermittelt wird, alarmieren und schockieren. Dass Nalan anderer Meinung ist, wird, aufgrund ihrer ZurĂŒckhaltung, nicht durch viele Worte, sondern durch unmissverstĂ€ndliche, unsichere, aber auch belustigte Blicke in die Kamera oder besser gesagt hinter die Kamera spĂŒrbar, ist aber dennoch wenig tröstlich. Obwohl die Frauen auf Nachfrage betonen, dass die dritte Generation der TĂŒrkInnen in Deutschland Dinge anders mache als die Alten, lassen diese Szenen ein StĂŒck RealitĂ€t auch in das Bewusstsein der gern mit Multi-Kulti-Visionen argumentierenden Deutschen wehen.

Dass Bademsoy nicht wertet, sondern nur dokunentiert und die Frauen erzĂ€hlen lĂ€sst, gehört zu den absoluten StĂ€rken ihres Films. Die aufgeworfenen Fragen zur Integration der dritten Generation, zu alten und neuen Rollenbildern werden von ihr nicht polarisierend beantwortet, sondern den ZuschauerInnen mit auf den Weg gegeben. Dabei dĂŒrften besonders die anfĂ€nglichen Worte von TĂŒrkan, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, in Erinnerung bleiben: "Ich muss mich tĂŒrkisch fĂŒhlen, weil die Leute mich so behandeln, ... , wie eine TĂŒrkin, wie eine AuslĂ€nderin.

AVIVA-Tipp: "Ich gehe jetzt rein" ist ein behutsamer, sensibler und aufrĂŒttelnder Film ĂŒber das Älterwerden, soziale RealitĂ€ten, Auflehnung und ĂŒber die Vorstellungen vom GlĂŒck.

Zur Regisseurin: Aysun Bademsoy wurde 1960 in Mersin, TĂŒrkei geboren und kam mit neun Jahren nach Deutschland. Nach einem Studium der Publizistik und Theaterwissenschaften konzentrierte sie sich aufs Filmemachen. Sie lebt und arbeitet in Berlin-Kreuzberg.

Ich gehe jetzt rein
Deutschland 2008
Buch und Regie: Aysun Bademsoy
Kamera: Nikola Wyrwich, Sophie Maintigneux
Mitwirkende: Safiye Kok, Arzu Calkilic, Nalan Keser, Nazan Yavas, Gabrielle TĂŒrkan Celik
73 Minuten
Keine AltersbeschrÀnkung
Kinostart: 20. November 2008
www.peripherfilm.de

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Kultur Beitrag vom 28.11.2008 AVIVA-Redaktion 





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