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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.03.2009

Konrad Wolf - Der geteilte Himmel. Nach der Erzählung von Christa Wolf
Claire Horst

Zum 80. Geburtstag von Christa Wolf erscheint die DEFA-Verfilmung von "Der geteilte Himmel" erstmalig auf DVD, erg√§nzt um Wolfs ber√ľhmte Rede auf dem Alexanderplatz, "Zeitzeugengespr√§che",...



... die der Filmemacher Thomas Grimm mit Christa und Gerhard Wolf f√ľhrte, und den Fernsehfilm zur Erz√§hlung "Selbstversuch".

Leben und Werk

Christa Wolf wurde am 18. M√§rz 1929 in Landsberg/Warthe (heute Polen) geboren. Schon Anfang der 1960er Jahre war sie mit "Der geteilte Himmel" zu einer wichtigen kritischen Stimme der DDR geworden. In ihren Texten und auch in √∂ffentlichen Stellungnahmen hat sie sich best√§ndig in politische und moralische Debatten eingemischt und dabei immer eine eigenst√§ndige Position vertreten. "Kindheitsmuster" und "Nachdenken √ľber Christa T." besch√§ftigen sich mit der j√ľngeren deutschen Geschichte und befragen die Stellung der Einzelperson in einer restriktiven Gesellschaftsordnung. In Werken wie "Kassandra" und "Medea" werden griechische Mythen aus feministischer Sucht umgedeutet und ihr patriarchaler Ursprung hinterfragt.

Kritische Loyalität zur DDR

Nach der Wende wurde Christa Wolf als "Staatsautorin" der DDR kritisiert. In Texten wie "Was bleibt" und "Leibhaftig" hat sie sich jedoch durchaus offen mit den negativen Aspekten des Staatssozialismus auseinandergesetzt. Die Auswirkungen der √úberwachung durch die Stasi, von der auch sie ‚Äď trotz ihrer Loyalit√§t zur DDR - betroffen war, untersucht sie in diesen Texten.

"Der geteilte Himmel"

Hauptfigur von "Der geteilte Himmel" ist die junge Rita, die nach einem psychischen Zusammenbruch in einem Sanatorium zu sich kommt und die Ereignisse des letzten Jahres reflektiert. Der Beginn ihrer Ausbildung im Lehrerinnenseminar, ihre Ferienarbeit in einer Brigade des Waggonbauwerks Ammendorf, ihre Liebe zu Manfred, einem Chemiker, das sind die wichtigsten äußeren Fakten. Tatsächlich geht es um Ritas Entwicklung zu einer eigenständigen Persönlichkeit, während sie sich mit politischen und persönlichen Konflikten auseinandersetzt. Auslöser des Zusammenbruchs waren Manfreds Entscheidung, in den Westen zu gehen und Ritas Entschluss, in der DDR zu bleiben.

Kritik am Staatssozialismus

Ungew√∂hnlich klar √§u√üert Wolf Kritik an der realen politischen Lage in der DDR. Ihre Figuren diskutieren Fehlentwicklungen des Landes, und selbst der Entschluss des Chemikers Manfred, das Land zu verlassen, wird nachvollziehbar ‚Äď in der DDR sind seine Forschungen unerw√ľnscht. Eine derart offene Auseinandersetzung mit den Missst√§nden war ungew√∂hnlich. Wie die Erz√§hlung von 1963 geriet auch der Film ein Jahr sp√§ter zum Ereignis. Mit einer vorher nie gekannten Offenheit wurden Wunden der DDR-Gesellschaft beleuchtet, wobei als Ursachen f√ľr die Konflikte der Figuren auch Intoleranz, politischer Opportunismus und Heuchelei in den "eigenen Reihen" zur Sprache kamen. In der DDR wurde der Film nach 1968 kaum noch gezeigt.

Die Rede auf dem Alexanderplatz

Christa Wolfs kritische Haltung zur DDR wird auch anhand ihrer Rede auf dem Alexanderplatz deutlich. Sie war zwar als √ľberzeugte Sozialistin schon 1949 in die SED eingetreten und erst im Mai 1989 ausgetreten, hatte aber die Solidarit√§tserkl√§rung an Wolf Biermann nach seiner Ausb√ľrgerung unterschrieben und war daraufhin aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen worden. Anhand ihrer Rede √ľber "Die Sprache der Wende" vom 4. November 1989 l√§sst sich nachvollziehen, was einen gro√üen Teil der DDR-B√ľrgerInnen damals bewegte. Wie viele war Wolf √ľberzeugt von der Reformierbarkeit des Systems. Eine "Wende" hin zum Staatssystem der BRD lehnte sie daher zun√§chst ab. In ihrer Rede setzte sie sich mit der Kraft der Sprache des Volkes auseinander, die f√ľr sie einen gro√üen Anteil an den j√ľngsten Ver√§nderungen hatte.

ZeitzeugInnengespräche

In den ZeitzeugInnengespr√§chen mit Christa Wolf und ihrem Mann Gerhard, ebenfalls Schriftsteller und Verleger, blicken die AutorInnen auf die damalige Zeit zur√ľck und √§u√üern sich zur eigenen T√§tigkeit.

Selbstversuch

Ein weiteres Extra der DVD ist der DFF-Fernsehfilm "Selbstversuch" von Peter Vogel. Er basiert auf der gleichnamigen, wenig bekannten Erz√§hlung von Christa Wolf. Sie erschien 1980 als "Geschlechtertausch. Drei Erz√§hlungen" zusammen mit Texten von Sarah Kirsch und Irmtraud Morgner. In der Erz√§hlung erkl√§rt sich eine Wissenschaftlerin bereit zu einem Versuch, in dem ein Medikament zur Geschlechtsumwandlung eingesetzt wird. Das Experiment scheitert an der Unm√∂glichkeit, zu einer eigenen Identit√§t zu finden ‚Äď die Hauptfigur ist gefangen in den widerspr√ľchlichen Erwartungen, die an sie als Mann oder Frau gestellt werden. Wolf spielt mit den Klischees, die Frauen und M√§nnern zugeschrieben werden. Die namenlose Ich-Erz√§hlerin, die jetzt der Mann "Anders" ist, wirkt pl√∂tzlich aggressiver, aber weniger fantasievoll. Kritisiert wird vor allem eine patriarchale Welt, in der Frauen sich den Erwartungen der M√§nner anpassen, aber auch die Aufrechterhaltung dieses Systems durch die Frauen.

AVIVA-Tipp: Christa Wolf ist eine der wichtigsten zeitgen√∂ssischen Autorinnen Deutschlands, die stilistisch wie thematisch Ma√üst√§be gesetzt hat. Die sorgf√§ltig zusammengestellte DVD ist daher nicht nur f√ľr Christa-Wolf-Fans interessant, sondern bietet eine gute Einf√ľhrung in das Werk der Autorin und zudem einen interessanten Einblick in die j√ľngere deutsche Geschichte.

Konrad Wolf: Der geteilte Himmel
ISBN: 978-3-89848-551-7
Preis: 29,90 Euro
Bonusmaterial: "Selbstversuch" (DDR 1989) die Verfilmung von Christa Wolfs Novelle √ľber einen Geschlechtertausch
- Christa Wolfs legendäre Alexanderplatz-Rede vom 4.11.1989
- Zwei ausf√ľhrliche ZeitzeugInnengespr√§che mit Thomas Grimm

Regie: Konrad Wolf
Literarische Vorlage: Christa Wolf
Kamera: Werner Bergmann
Produktions-Land+Jahr: DDR 1964
Musik: Hans-Dieter Hosalla
DarstellerInnen: Eberhard Esche (Manfred Herrfurth), Renate Blume (Rita Seidel), Hilmar Tate (Ernst Wendland), Hans Hardt-Hardtloff (Rolf Meternagel), Martin Flörchinger (Herr Herrfurth), Erika Pelikowsky (Frau Herrfurth)
2 DVDs, insgesamt 280 Min. (116 min + Extras), Sprache: deutsch
Filmverlag und Vertrieb unter: www.absolutmedien.de und www.abakusberlin.de

Veranstaltungen zu Christa Wolfs 80. Geburtstag

Christa Wolf wird am Freitag, 20. M√§rz 2009 mit einer Veranstaltung in der Akademie der K√ľnste geehrt. √úber 70 K√ľnstlerInnen haben Texte und Bilder zu einem gemeinsamen Buch beitragen, das ihr zum Geburtstag √ľberreicht wird.
Weitere Informationen finden Sie im AVIVA-Veranstaltungskalender: Christa Wolf in der Akademie der K√ľnste
Im Kino Babylon Mitte findet vom 19. März bis zum 1. April 2009 eine Filmreihe statt. Informationen finden Sie unter www.babylonberlin.de/christawolf.htm
Im Fernsehen wird zu ihrem Geburtstag das Fernsehporträt "Ein Tag, ein Jahr, ein Leben" (2004) ausgestrahlt: RBB am 18. März 2009 um 22.50 Uhr. Weitere Informationen zum Film unter: www.rbb-online.de



Kultur Beitrag vom 18.03.2009 Claire Horst 





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