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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.04.2009

Harlan - Im Schatten von Jud S├╝ss
┬╗Nana┬ź Nicole Wenger

Veit Harlan war der erfolgreichste Filmregisseur des Dritten Reiches. Von Goebbels beeinflusst und dem Nazi-Regime mit allen Mitteln gef├Ârdert, erreichte der antisemitische Film "Jud S├╝├č" ...



... ein millionenfaches Publikum ÔÇô in ganz Europa. Vom Reichsf├╝hrer der SS Himmler verordnet, wurde "Jud S├╝├č" zum Lehrfilm f├╝r die gesamte Waffen-SS, die Polizei und andere Reichsorgane gezielt eingesetzt, um Rassenwahn und Judenhass in seiner unfassbaren Dimension zu verbreiten.

Bereits in seiner Gerhard Hauptmann Verfilmung "Der Herrscher" griff Veit Harlan die Volksgemeinschaftsparolen, den Genie- und Herrscherkult auf und versetzte das Ganze gekonnt k├╝nstlerisch mit den ideologischen Botschaften der Zeit. Hitler und Goebbels wurden auf Harlan aufmerksam und wussten ihn bis zum Ende ihrer Herrschaft f├╝r ihre Propaganda zu nutzen. F├╝r seine aufwendigen Filme wurden alle Mittel zu Verf├╝gung gestellt - Menschen, Juden und Soldaten. Er drehte mit den ber├╝hmtesten und beliebtesten SchauspielerInnen, den Stars des Dritten Reiches, die mit jeder Pore das Bild des arischen Herrenmenschen hochhielten. Seine Frau, die Deutsch-Schwedin Kristina S├Âderbaum, die oft die naive blonde Kindfrau verk├Ârperte und als "Reichswasserleiche" ber├╝hmt wurde, entwickelte sich zur Garantin seines Erfolgs. Es ist ihr Filmtod in "Jud S├╝├č", der die Botschaft: "Totschlagen ÔÇô Der Jude muss weg!" in die K├Âpfe der ZuschauerInnen pflanzen und verfestigen sollte.

Nach dem Ende des Krieges hatte sich Veit Harlan zweimal vor Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verantworten ÔÇô er berief sich bis zu seinem Lebensende auf den Zwang, den Goebbels auf ihn ausge├╝bt habe. Er wurde zweimal freigesprochen, auch wenn die Fragen nach seiner pers├Ânlichen Verantwortung und der Beihilfe zur Volksverhetzung nie verstummten. Veit Harlan konnte dennoch seine Filmkarriere weiterf├╝hren.

Doch wie geht Harlans Familie mit dem politischen Erbe, ihrer Geschichte und ihrer Verantwortung heute ÔÇô auch in der dritten Generation - um? Diesen Fragen geht der Regisseur und Dokumentar-Filmer Felix Moeller nach. Er befragt Harlans S├Âhne, T├Âchter, Nichten, Neffen und EnkelInnen. Es ist eine gro├če Familie, sie reicht hin bis zu seiner Nichte Christiane, die Stanley Kubrick heiratete und zu seiner Enkelin Jessica Jacoby, deren anderer j├╝discher Gro├čvater von den Nazis umgebracht wurde.
Die Reaktionen der Beteiligten fallen dabei sehr unterschiedlich, bisweilen schockierend, aus. Sein ├Ąltester Sohn Thomas Harlan setzt sich unnachgiebig mit der politischen wie k├╝nstlerischen Verantwortung seines Vaters und seiner Familie auseinander, f├╝r ihn ist und bleibt "Jud S├╝├č" ein Mordinstrument:

Ich glaube nicht, dass der Antisemitismus bei ihm ein interessantes Thema ist. (...) Das Wirkliche ist, dass der Nicht-Antisemit der beste Wetzer des Messers war. Und das Schlimmste ist, dass der, der es gemacht hat, nicht verstanden hat, zu was er gerufen worden ist. Und als er es verstanden hat oder h├Ątte verstehen k├Ânnen, immer noch nicht gemerkt hat, dass man in dem Beruf vielleicht doch nicht weiter machen darf."
Sein anderer Sohn Kristian Harlan kann den Umgang der Gesellschaft und seines Bruders nicht nachvollziehen und lehnt jegliche Schuld seines Vaters ab:
Es geht niemanden etwas an, was ich von meinem Vater denke. Er ist mein Vater!"
Seine T├Âchter Maria und Susanne K├Ârber, die ihren Nachnamen ├Ąnderten um ihre Schauspielkarriere nicht zu gef├Ąhrden, versuchten durch ihre Heirat eines j├╝dischen Mannes Ruhe zu finden und scheiterten daran.

Auch seine Enkel und Enkelinnen stehen unterschiedlich distanziert und betroffen zu ihrer Familiengeschichte: F├╝r manche von ihnen ist das Filmverbot f├╝r "Jud S├╝├č" nicht mehr so ganz nachvollziehbar, sie hatten sich den Film "brutaler" vorgestellt. Jessica Jacoby muss damit leben, dass ihr prominenter Gro├čvater Harlan alles Interesse auf sich zog, w├Ąhrend ihr j├╝discher Gro├čvater in einem Massengrab der Anonymit├Ąt preisgegeben wurde.

AVIVA-Tipp: Felix Moeller vereint in seinem Dokumentarfilm Biografie, Film- und Zeitgeschichte. Dank seiner sensiblen und verantwortungsvollen Auswahl und Montage von Kommentaren und Filmsequenzen vermeidet er ein einseitiges Portrait einer gespaltenen Familie. Das Schicksal von Millionen europ├Ąischer Juden und ihren Familien wird nicht von dem Familienschicksal der Harlans ├╝berlagert. Sein Film zeigt aber auch die Bereitschaft Einzelner, sich ihrer Verantwortung und ihrer Familiengeschichte zumindest teilweise entziehen zu wollen. Dem werden deutliche Zeit- und Filmdokumente entgegen gesetzt.

Harlan ÔÇô Im Schatten von Jud S├╝ss
Ein Film von Felix Moeller
D 2008, 100 Minuten
Regie und Buch: Felix Moeller
Mit: Thomas Harlan, Maria K├Ârber, Caspar Harlan, Kristian Harlan, Jan Harlan, Christiane Kubrick, Jessica Jacoby, Alice Harlan, Chester Harlan, Nele Harlan, Lotte Harlan, Lena Harlan, Stefan Dr├Â├čler u.a.
Im Verleih der Edition Salzgeber
Musik: Marco Hertenstein, eingespielt vom Philharmonischen Filmorchester M├╝nchen
Kamera: Ludolph Weyer, BVK
Sprecher: August Zirner

Produzenten: Amelie Latscha, Felix Moeller
Redaktion: Felix Kuballa (WDR), Rolf Bergmann (RBB), Barbara Denz (NDR), Outi Saarikosky (YLE)
Eine Produktion von Blueprint Film
Koproduktion: WDR/RBB/NDR
Zusammenarbeit: YLE TEEMA ATELJEE
Mit besonderer Unterst├╝tzung von Friedrich-Wilhelm-Murnau Stiftung / Transit Film
Gef├Ârdert durch FFF Bayern, den Beauftragten der Bundesregierung f├╝r Kultur und Medien, Deutscher Filmf├Ârderfonds, Projektentwicklung unterst├╝tzt durch das Media Programm der Europ├Ąischen Union

Kinostart: 23. April 2009
Weitere Informationen im Netz finden Sie unter:
www.salzgeber.de

Kultur Beitrag vom 23.04.2009 AVIVA-Redaktion 





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