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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.09.2009

Antichrist
Clarissa Lempp

Lars von Trier ist zur├╝ck! Mit seinem neuen Thriller "Antichrist" wirbelt er Fragen auf und hinterl├Ąsst Chaos und Verst├Ârung. Ein stilistisches Meisterwerk mit Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe.



In eindrucksvollen Schwarz-Wei├č Aufnahmen umschlingen sich zwei K├Ârper im Geschlechtsakt. Die Welt bewegt sich in Zeitlupe, Wasser perlt aus der Dusche auf das Paar hinab. Es f├Ąllt eine Zahnb├╝rste aus dem Regal und dr├╝ckt sich an die Haut, schmiegt sich f├╝r den Bruchteil einer Sekunde eine Mulde ins Fleisch eines Oberarms. Drau├čen schneit es und die Fenster in der Wohnung sind offen, lassen die k├╝hle Luft hinein. Die Ohren der Liebenden nehmen die kleinen Schritte nicht wahr, die sich durch das Wohnzimmer auf die Schneeflocken zubewegen. Das Kind beugt sich aus dem Fenster und f├Ąllt. So beginnt die Elegie.

Die Mutter scheint zu zerbrechen. Ihr Mann, der Psychiater, verliert sich, und tut das, was ein Therapeut nie tun sollte, er behandelt sie. Das Paar zieht sich zur├╝ck in Trauer, Schuldgef├╝hle, Depression, Sex. In ihrer H├╝tte, die da "Eden" hei├čt, will der Psychiater, dass seine junge Frau sich ihren Gef├╝hlen stellt. Doch was sie da finden, ist kein Paradies. Die Natur ist ein gespenstischer Feind. Eicheln trommeln in der Nacht auf das Blechdach und rauben den Schlaf. Armeen von Zecken bei├čen sich am K├Ârper fest und da sind die drei "Bettler", drei unheimliche mythologische Tiergestalten, das (tot)geb├Ąrende Reh, der verwundete Fuchs und die unsterbliche Kr├Ąhe, die sich dem Mann offenbaren. Seine Frau, die einst in dieser H├╝tte an ihrer Dissertation zu Misogynie und Hexenverfolgung arbeitete, scheint diese Zeichen zu ├╝bersehen und erkl├Ąrt sich selbst als geheilt.
Doch was nun folgt, ist das Gegenst├╝ck zum Happy End, es ist der ultimative Kampf zwischen Frau und Mann, zwischen Mensch und Sch├Âpfung, der mit einer Explosion von Sex und Gewalt einhergeht.

ANTICHRIST ist ein Film, der RezensentInnen und KinobesucherInnen polarisieren wird.
Die deutsche Koproduktion wurde in den Bergischen W├Ąldern gedreht und mit den Mitteln der Filmstiftung NRW gef├Ârdert. ANTICHRIST feierte seine Premiere im Wettbewerb der diesj├Ąhrigen Filmfestspiele in Cannes. Charlotte Gainsbourg erhielt f├╝r ihre Darstellung die Silberne Palme als Beste Schauspielerin.

AVIVA-Tipp: "Antichrist" ist ein Festbankett der Interpretationen. Es stellt sich gegen jegliches Sinnsystem, ob religi├Âs, therapeutisch oder um die Unschuld der Liebe. Will Lars von Trier hier die Ur-S├╝nde auf erleben lassen? Das Weib als das B├Âse, das Triebhafte, der Mann stellvertretend die Vernunft? Ist die Welt nicht therapierbar? Oder ist dies schlicht der letzte Befreiungsschlag der Frau, deren Dem├╝tigung von Trier bereits in seinen vorangegangen Filmen ("Dancer in the Dark", "Dogville") thematisierte? Auch von Trier ├Ąu├čerte sich nur wenig kl├Ąrend zu seinem Werk, vielmehr scheint es ihm ein Bed├╝rfnis gewesen zu sein. Gewiss ist, dass dieser Film nichts f├╝r schwache Nerven ist. Horrorfilmartig kommen die letzten Szenen daher, Geschlechtsteile werden verst├╝mmelt, rohe Gewalt und Blut. Der Film ist verst├Ârend, ein grausames M├Ąrchen ├╝ber das Mensch sein. Und ein stilistisches Meisterwerk, die Kameraarbeit erschafft poetische Bilder, selbst in den erbarmungslosesten Momenten. Von diesen mythischen Bildkompositionen n├Ąhrt sich die Atmosph├Ąre, die SchauspielerInnen leisten Gro├čes. Auch wenn sich also die Botschaft von "Antichrist" nicht so leicht erfassen l├Ąsst, bleibt am Ende doch das Gef├╝hl, ein monumentales St├╝ck Filmkunst gesehen zu haben.

ANTICHRIST
Deutschland/D├Ąnemark 2009
DarstellerInnen: Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe
Regie: Lars von Trier
Buch: Anders Thomas Jensen
L├Ąnge: 104 Minuten
Kinostart 10. September 2009
FSK: keine Jugendfreigabe

Mehr zum Film unter: www.antichristthemovie.com



Kultur Beitrag vom 09.09.2009 Clarissa Lempp 





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