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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 01.10.2009

Die Kinder der Seidenstra├če - Ein Film von Roger Spottiswoode
Iella Peter

Inspiriert von wahren Begebenheiten, erz├Ąhlt der, leider sehr idealisierende und glorifizierende, Film von dem britischen Reporter George Hogg. Im kriegsgebeutelten China, Ende der 1930er Jahre,...



... rettete er couragiert das Leben von 60 chinesischen Waisenkindern.

Kein besonders differenzierter Film ist dem Regisseur Roger Spottiswoode hier gelungen. Auch wenn zu sp├╝ren ist, dass er mit hohen Anspr├╝chen an das Projekt herangegangen ist, sind die einzelnen Figuren und ihre Beziehungen zueinander zu klischeehaft und plakativ dargestellt worden. Zu sehen ist dies, wenn beispielsweise die kommunistischen Widerstandsk├Ąmpfer zu jovialen und offensichtlich dem Helfersyndrom verfallenden Menschen stilisiert werden. Denn scheinbar selbstverst├Ąndlich wird der junge Journalist Hogg in einer gef├Ąhrlichen Lage von ihnen gerettet und postwendend zum vertrauten Freund des Partisanenf├╝hrers erkoren.

Als George Hogg 1937 in China eintrifft, haben die JapanerInnen den Nordosten des Landes eingenommen. Als Idealist st├╝rzt sich der britische Reporter mitten ins Geschehen und l├Ąsst sich in die damalige chinesische Hauptstadt Nanjing bringen.

Dort wird er Zeuge eines furchtbaren Massakers an chinesischen ZivilistInnen. Es gelingt dem jungen Mann, Beweisfotos zu schie├čen, er wird aber kurz danach von den JapanerInnen verhaftet. Als seine Fotos entdeckt werden, soll er noch an Ort und Stelle hingerichtet werden. In letzter Sekunde wird George von dem chinesischen Partisanenf├╝hrer Jack Chen, dargestellt von Chow Yun Fat, gerettet. Chen organisiert im Verborgenen den Widerstand gegen die japanische Besatzung. Leider, wie schon beschrieben, wird die Figur des Widerst├Ąndlers auf recht einseitige Weise dargestellt. Als dynamitliebender Haudegen, k├Ânnte seine Rolle auch bestens in einem amerikanischen Western angesiedelt sein.

Chen und Lee Pearson, eine amerikanische Krankenschwester, schicken den jungen Mann nach Huang Shi, einem kleinen, weit vom Kriegstreiben entfernten Ort, um ihn dort seine Verletzungen auskurieren zu lassen.

Dort angekommen, entdeckt er in einem von Ratten und Unrat verseuchten ehemaligen Schulgeb├Ąude 60 Waisenjungen. Ihr anf├Ąnglicher Hass gegen den unerw├╝nschten Eindringling weicht bald einer sch├╝chternen Neugier. Hogg macht das Beste aus der Situation und beginnt das Geb├Ąude wieder richtig bewohnbar zu machen. Mit Hilfe der Jungen repariert er den alten Stromgenerator und ersteht Saatgut in der n├Ąchstliegenden Stadt.

Eine weitere Errungenschaft ist das auf dem Gel├Ąnde neu entstehende Basketball-Feld. Andere, chinesische Spiele, scheinen in Hoggs f├╝r die Kinder vorgesehenen Welt nicht zu existieren. Anstatt sich mit diesem, kritisch zu betrachtenden Aspekt von Hoggs Pers├Ânlichkeit, auseinanderzusetzen, glorifiziert Spottiswoode, v├Âllig unkritisch, die Person George Hogg zu einem Gutmenschen aller erster G├╝te.

Ein wenig mehr Plastizit├Ąt bietet die Rolle Lee Pearsons. Sie kam nach China, um den bestehenden gesellschaftlichen Pflichten ihres Heimatlandes zu entfliehen. Anfangs, ebenso wie Hogg, blind idealistisch, realisiert sie schnell, dass es in den bestehenden Zeiten f├╝r die Opfer, die Zivilisten, ums nackte ├ťberleben geht und es nicht lohnt, ├╝berkommender moralischer Vorstellungen anzuh├Ąngen.

Sie will, zum Erstaunen Hoggs, als Krankenschwester Verletzte durch Amputation vor dem sicheren Tod retten, auch ohne speziell als Chirurgin ausgebildet zu sein. Diese sehr starke Seite ihrer Pers├Ânlichkeit, aber auch gleichzeitig die vor George sorgf├Ąltig versteckte Morphiumsucht, geben ihrer Person Authentizit├Ąt.

Nachdem Jack Chen George von den herannahenden JapanerInnen unterrichtet, entschlie├čt dieser sich, mit den Kindern ├╝ber die Seidenstra├če tief nach Westchina vorzudringen. Dort, so hofft er, werden seine Schutzbefohlenen vor dem Zugriff der Japaner gesch├╝tzt sein. Lee schlie├čt sich dem Plan an und gemeinsam r├╝sten sie sich und die Kinder f├╝r den langen Marsch nach Shandan, einem Dorf am westlichen Ende der W├╝ste Gobi.

Kurz vor Beginn der ungewissen Reise bringt sich ein Junge aus der Gruppe um. Seine Angst, das gerade geschaffene Gl├╝ck durch die Flucht vor den Japanern zu verlieren, ist zu gro├č. Lee erz├Ąhlt sp├Ąter unter Tr├Ąnen, dass sie diese Wendung h├Ątte ahnen m├╝ssen, da sie die traurige Familiengeschichte des Jungen kannte.

Die Lebens- und Leidensgeschichten der Waisenjungen werden in dem Film kaum beleuchtet und wenn, so nur, wie in der zuvor beschriebenen Szene, kurz angerissen. Dem Film h├Ątte es gut getan, die Leben seiner eigentlichen HauptprotagonistInnen ein wenig mehr in den Vordergrund zu stellen und nicht der Liebe zwischen Hogg und Pearson den Vorrang zu geben.

Letztlich gelingt die Reise ans Ende der Welt tats├Ąchlich und Hogg schafft es mit vereinten Kr├Ąften, die Kinder ans sichere Ziel zu bringen. Tragischerweise besiegelt eine kleine, von Hogg nicht beachtete Wunde, sein Schicksal. Die Verletzung infiziert sich und er erkrankt an Tetanus. Die verzweifelten Versuche, sein Leben zu retten, schlagen fehl. George Hogg stirbt und wird im Beisein all seiner Kinder beerdigt.

Im Film ist George in seinen letzten Stunden vom Gl├╝ck der erfolgreichen Reise erf├╝llt und hinterl├Ąsst Lee und den Kindern, so wird es beschrieben, ein Verm├Ąchtnis, das sie optimistisch und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken l├Ąsst. Es scheint dabei keinerlei Platz f├╝r Angst, Bitterkeit oder Sorge ├╝ber die Zukunft geben zu d├╝rfen.

Auch die im Abspann gezeigten Originalaufnahmen der inzwischen zu greisen M├Ąnnern gewordenen Waisenjungen, werfen ein rein positives Licht auf den Menschen George Hogg und f├╝hrt zu einer kritiklosen Heroisierung seiner Person.

AVIVA-Fazit: Schade! Dieser Film h├Ątte das Potential gehabt, die wirklich eindrucksvolle Geschichte des jungen Journalisten George Hogg zu einem vielschichtigen Kinoerlebnis zu machen. Leider ist Spottiswoode der Versuch, die historisch-politischen Aspekte wie auch die emotionalen Ebenen der einzelnen Charaktere realistisch zu verbinden, nicht gelungen. Er ist ├╝ber seine eigenen gro├čen Ambitionen gestolpert.

Zum Regisseur: Roger Spottiswoode, geboren 1945 in Kanada, begann seine Karriere als Editor. In den fr├╝hen 1970er Jahren kam er in die USA und wechselte schlie├člich aus dem Schneideraum hinter die Kamera. Spottiswoode befasste sich in seiner langen Karriere mit unterschiedlichsten Projekten, von der Kom├Âdie "Stop ÔÇô oder meine Mami schie├čt" bis hin zum Bond-Film "Der Morgen stirbt nie".

Die Kinder der Seidenstra├če
Originaltitel: The Children of Huang Shi
Australien/ China/ Deutschland 2008
Buch: James McManus, Jane Hawksley
Regie: Roger Spottiswoode
DarstellerInnen: Jonathan Rhys Meyers, Radha Mitchel, Chow Yun Fat, Michelle Yeoh u.a.
Verleih: 3Rosen Filmverleih
Laufl├Ąnge: 114 min.
Kinostart: 08. Oktober 2009

Weitere Infos finden Sie unter: www.3rosen.com

Kultur Beitrag vom 01.10.2009 AVIVA-Redaktion 





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