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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.10.2009

Paris Fashion Week 2009. Das große Finale der diesjährigen Modewochen ging am 8. Oktober zu Ende
Gerlinde von Steht

Parallel zu den großen Schauen der internationalen DesignerInnen gab es mehrere Mode Messen zu bewundern. Marie-Christine von Liebe und Gerlinde von Steht haben die neuesten Trends ...



... f√ľr die kommende Saison f√ľr Sie zusammengestellt!

Flughafen Berlin-Sch√∂nefeld am Check-In nach Paris. Fabrikartiges Ambiente. Zweckm√§√üige, emotionslose Massenabfertigung. Ich mitten drin. Augen auf Halbmast, ferngesteuert lasse ich die Sicherheitskontrolle √ľber mich ergehen. Doch beim Einsteigen winkt mir pl√∂tzlich eine zierliche Franz√∂sin mit "Mireille Mathieu Pony" fr√∂hlich zu: "Stellen Sie aus?" Ups! "Nein, ich schreibe!" h√∂re ich mich roboterhaft antworten. Auf meinem Platz angekommen f√§llt mir pl√∂tzlich ein, dass diese sympathische Franz√∂sin Mayouri Sengchanh hei√üt und den Standort Berlin f√ľr die Pr√™t-√†-Porter in Paris vertritt. Und ich bin ja eigentlich Designerin, genau! Vor exakt einem Monat haben wir uns bei der Pr√™t-√†-Porter in den Hallen von Porte de Versailles kennen gelernt, weil ich n√§chstes Jahr in Paris meine eigene Kollektion ausstellen werde.

Das gro√üe Finale der diesj√§hrigen Modewochen ging am 8. Oktober 2009 in Paris zu Ende. Nach Sportswear in New York, Street- Style in London und Glamour in Mailand gab es grandiose Mode-Highlights in Paris zu bewundern. Aber was macht die Stadt an der Seine so besonders? Warum trifft sich hier die Weltspitze? Was ist es, das Berlin, M√ľnchen, D√ľsseldorf und Hamburg fehlt, um als Anziehungspunkt als Modemetropole international interessant zu sein? Wie stellen sich hier die gro√üen DesignerInnen und Couturiers zur Schau und was bieten sie ihrem faszinierten Publikum? Mit diesen und anderen Fragen machten wir, meine Kollegin Marie-Christine von Liebe, Kunsthistorikerin und ich, in Paris auf Entdeckungsreise.
Wir sind mit der Metro unterwegs. Im 2 -Minutentakt transportiert sie die Menschen in die verschiedensten Richtungen. Die Z√ľge sind voll. Immer. Meist abgespannte, √ľberm√ľdete Gesichter, denen die Anstrengung der Zw√∂lf-Millionenstadt anzusehen ist, lassen ihre Blicke aus dem Fenster schweifen oder sind in Gedanken versunken. Es scheint, als ob der √úberlebenskampf hier wesentlich h√§rter ist als in Deutschland. Berlin kommt mir pl√∂tzlich wie ein Dorf vor und M√ľnchen wie ein Kurort. Auch die typischen "For Ever Young -Teenager" die im Alter von 35 -99 Jahren, Kennzeichen Umh√§ngetasche und Turnschuhe, in Berlin zum Stadtbild geh√∂ren und die Stra√üen bev√∂lkern, sind hier kaum zu sehen. Trotz des "Savoir Vivre Flairs", das Paris unverwechselbar raffiniert und charmant macht, kommt einem diese Stadt doch erheblich pulsierender, erwachsener und h√§rter vor. Schauen wir uns an welche Inspirationen die internationalen DesignerInnen f√ľr die Sehns√ľchte der Menschen dieser Zeit kreiert haben. Die neuesten Trends f√ľr die Fr√ľhjahr/Sommer Saison‚Äď2010 haben wir hier f√ľr Sie zusammengestellt!

Viva la Diva!
Bei Christian Dior kommen Dessous ganz gro√ü raus. Der Dior DesignerInnen John Galliano verschmelzt Elemente aus den 40¬īer und 90¬īer Jahren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Klassische, kurze Trenchcoats bekommen durch Anlehnung an die Lingerie einen gl√§nzenden Anstrich. Bustier-Kleider, Korsetts und Korsagen mit langen Chiffon Drap√©s umh√ľllen die Models, die sich mit Hollywood Wellen und roten Lippen in umwerfende Diven verwandeln. Auch Jean Paul Gaultier l√§sst sich von der Lingerie inspirieren. Das "Entfant Terrible" zeigt seinen Unterw√§sche Look aber deutlich frecher. Mit gl√§nzenden, eingearbeiteten Gaultier-typischen Kegel-BH¬īs-Unterr√∂cken, laufen seine Models selbstbewusst mit seitlich geflochtenem Zopf, Sonnenbrille und Cappy √ľber den Laufsteg.

Formen:
1. Form: Die Eieruhr

Feminine, nixenhafte Weiblichkeit von Déshabillé bis Déchiré mit einem Hauch Hollywood-Diva

© Gerlinde von Steht


Traumwelten

Diesmal entf√ľhren uns fast alle Kollektionen der internationalen DesignerInnen in wunderbare Traumwelten. So auch die Kreationen von Valentino (Maria Grazia Chiuri & Pier Paolo Picolli), in deren Show feenhafte Fabelwesen fast nebelartig √ľber den Laufsteg schweben. Die M√§rchenwesen, bekleidet mit einem Hauch von Flatterkleid wirken sehr anmutig. Auch Riccardo Tisci, der Givenchy Designer, drapiert seine Models in transparente wallende Gew√§nder. Au√üerdem zu sehen bei Lavin, Stella Mc Cartney, Chacharel.

2. Form: Die Gitarre
Breite runde Schultern, schmale Taille & runde H√ľften: Feminin wie Marilyn und Sophia Loren

© Gerlinde von Steht


Atlantis
Der Avantgardist Alexander Mc Queen hat sich von Unterwasserwelten inspirieren lassen: Mit bunten Reptilienmustern, glänzenden Fischschuppen-Minikleider mit gehörnten Frisuren und super-high Plateau-Schuhen verwandelte er Models in Seemenschen.

Vorsicht wild!

Ob Minidress, wild gemustert mit Lederhosen bei Balmain, Leoparden Zweiteiler bei Giambattista Valli oder exotische Drucke bei Dries van Noten: Der Amazonen Look wirkt ungeb√§ndigt und selbstbewusst. Raubtiere sind wieder mal auf dem Vormarsch und verwandeln graue M√§use in gef√§hrliche Wildkatzen. Marc Jacobs schneidert diesmal ein radikal neues Bild f√ľr das Mode Label Louis Vuitton. Er zeigte seine Models durchweg mit Afro-Frisur. Dazu passende Kleider mit tropischen Mustern. Aber es ginge ihm um einen Reisenden, so Marc Jacobs, besonders um die Bewegung, die nach dem Punk aufkam, dann haben wir noch √ľber Trekking und Hiking nachgedacht- und Denim und Parkas.

Soft & Clean

Designerin Phoebe Philo √ľberzeugte mit ihrer Gradlinigkeit. Aus puristischem Stil und sportlichem Luxus schuf sie bei Celine ein Gesamtkunstwerk, das mit "Standing Ovations" belohnt wurde und so verhilft sie dem alt eingesessenen franz√∂sischen Label zu neuem Ruhm. Scharf geschnittene Minis in Trapezform und Marlenehosen aus steifen Sackleinen kombinierte sie mit weich flie√üenden Seidenblusen samt Riesenschleife, softe Drapierungen und weit schwingende Minir√∂cke.

Auch Yves St. Laurent, Karl Lagerfeld setzen auf schlichte feminine Schnitte, meist in Schwarz-Wei√ü gehalten. Trotz einfacher Linienf√ľhrung, Farben in Naturt√∂nen oder Schwarz-Wei√ü, gaben sie ihren Werken durch florale Elemente oder weit schwingende Kurzm√§ntel einen soften Touch. Jean Paul Gaultier f√ľr das Label Hermes √ľberzeugte mit seiner konsequenten, minimalistischen Kollektion, die sich an Tennismode orientiert und in hellen beige oder wei√ü T√∂nen Weiblichkeit und L√§ssigkeit gekonnt zu mixen wei√ü.

3. Form: Das X
1990er Come Back: Breite Schultern, schmale Taille, kurzer Trapezrock oder Short

© Gerlinde von Steht


Landliebe

Karl Lagerfeld verwandelte eine riesige Scheune nach Vorbild des Landsitzes von K√∂nigin Marie Antoinette und liess seine Models im Heu rekeln. Der s√ľ√üe Land-Look lebt von aufwendigen Details wie Mohnblumenapplikationen im Dirndlstil. Zerrupfte Haare und super High Heel Clogs rundeten die verspielten Glockenkleidchen aus H√§kelstoff oder schwarz-wei√üen Chiffon ab. Tweed Kost√ľme waren nat√ľrlich auch dabei. Dazu sind f√ľr den Abend Cocktailkleider in schwarz oder creme die perfekte Erg√§nzung.

Happiness

Nicht nur Karl Lagerfeld l√§sst seine Landm√§dels s√ľffisant taumelnd l√§cheln. Auch bei Sonja Rykiel war das Motto: Girl¬īs wanna have Fun! In kr√§ftigen Farben, Ringelpullis, fetzigen Kleidern und Strumpfhaltern, Wuschelhaaren mit kleinen H√ľtchen liefen sie, freundschaftlich untergehakt Arm in Arm √ľber die B√ľhne. H√∂hepunkt war der transparente Doppelreiher Trench.

4. Form: Das A
Ob gebl√ľmtes Babydoll oder schlichtes Tageskleid: Die A Linie ist jetzt √ľberall angesagt.

© Gerlinde von Steht


In H√ľlle und T√ľlle

Viktor & Rolf stutzen Unmengen von T√ľllbergen in Form: Wie wandelnde farbige B√§ume aus dem englischen Garten, schwebende K√∂niginnen in bodenlangen A- R√∂cken mit Miedern gemixt, sie lustwandelten mit √ľberdimensional asymmetrischen Kr√§gen, aus l√§ngst vergangenen Zeiten neu aufgelegt in Paris zur Schau.

5. Form: Oh, ein Ei!

Eine runde Sache: gesch√ľtzt wie ein K√ľken

© Gerlinde von Steht


Parallel zu den gro√üen Schauen der internationalen DesignerInnen gibt es zeitgleich mehrere Mode Messen in Paris zu sehen. Atmosphere im Jardin des Tuileries zeigt die Kollektionen von DesignerInnen aus 20 verschiedenen L√§ndern. "Ready to Wear" hat Fun Faktor, The Box zeigt Fancy Accessoires, Premi√®re Classe basiert auf Iconography und Flower Power. Hier werden Materialien zu neue Expressionen wiederverarbeitet, Rendez-Vous Femmes zeigt besondere Contemporary Fashion. Auch der Online Showroom www.lenewblack.com geh√∂rt dazu, Fame Tuileries bringt zweimal pro Jahr, im M√§rz und Oktober, 100 internationale Women¬īs Fashion Brands zusammen. Privilegierte gut etablierte Label und junge DesignerInnen sind hier zu bewundern, Workshop Shows Paris basiert auf der Idee der kompletten Garderobe und zeigt etablierte DesignerInnen und "New Arrivals", Tranoi vereint drei symbolische Locations: Finanzen, Kultur und Luxus. F√ľr internationale Collections und Events, die man sich nicht entgehen lassen darf!

Gespannt schauen wir uns um und entdecken einige DesignerInnen, an deren St√§nden sich die InteressentInnen tummeln. Dabei f√§llt auf, dass durchaus Fr√∂hlichkeit und Optimismus herrscht ‚Äď sicher nicht zum Schaden der Umsatzzahlen. Vielleicht nach dem Motto "Lacht der Krise ins Gesicht und sie tut Euch nichts?" Genaues wei√ü keiner. Anzunehmen, dass viele das Gejammer von der Krise endg√ľltig satt haben. Und es ist keine Neuigkeit, dass in Krisenzeiten der Hang zu Luxus, Glamour, Harmonie und Fr√∂hlichkeit schon immer da war.

Der Stand von Orla Kiely, Designerin aus London, verbreitet eine frische, fr√∂hliche Atmosph√§re. Ihre Welt ist bunt. Seit 1990 entwirft sie Mode und Accessoires. Ornamente und Muster entwickelt sie selbst und ist so unverwechselbar mit ihrer eigenen Signature wiederzuerkennen. "Je mehr die Leute von Krise reden", so hei√üt es bei Orla, "desto besser l√§uft¬īs bei uns". Retro-Mode, die sie mit Ihrer pers√∂nlichen Handschrift und ihrem optimistischen Spirit versehen hat und zu moderaten Preisen anbietet f√ľhren durchaus zu weltweitem Erfolg. www.orlakiely.com

Die Luft in den Messehallen ist stickig. Wir nehmen erstmal eine St√§rkung zu uns. Alles wird in Plastik serviert. Der √ľberquellende M√ľlleimer, voll mit leeren Sushi Plastik oder Wrap-Schachteln bietet einen grotesken Kontrast zu den St√§nden, die f√ľr Ethic, √Ėkologie, Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit pl√§dieren. Mein Blick wandert zu einer zierlichen Designerin mit langen roten Haaren, die, auf einem barocken Sofa sitzend, gegen√ľber vom Imbiss noch deplazierter wirkt als die √Ėkos nebenan. Auf ihrem nostalgischen, fast unwirklichen Stand sind m√§rchenhafte, stilvoll verschn√∂rkelte Kreationen zu sehen, die aus einer l√§ngst vergangenen Welt scheinen.

Liliza

© Liliza


Liliza ist Elisa Umberti¬īs eigenes Luxus Label. An der Central Martin School of Art and Design in London (John Galliano, Alexander Mc Queen etc.) studierte sie Design. Dann liess sie sich in Paris nieder. Seit 2006 betreibt sie ihr eigenes Label. Ihre Kreationen vereinen poetische Eleganz, Kindlichkeit und Nostalgie. Ausschlie√ülich hochwertige Luxus Stoffe verwendet sie f√ľr ihre Linie.
www.liliza.com

F√ľr meinen Geschmack ist es viel zu warm auf der Messe. Am liebsten w√ľrde ich jetzt in einen k√ľhlen Pool springen, denke ich. Da kommt das Bademode Label Ilha by Delfina aus Italien gerade recht. Familientradition √° la Italia. Mutter Delfina Janetti und Sohn Ludovico aus Rom stellen gemeinsam ihre Kollektionen vor. Uns jedenfalls hat die mal l√§ssige, mal verspielte und immer tragbare Strandmode sehr gefallen. Nur der Pool fehlte leider.
© Ilha by Delfina


Hinter dem Label La Casita de Wendy aus Madrid stehen In√©s und Ivan, zwei junge Designerinnen aus Madrid. Sie haben Architektur und Philosophie studiert und seit 2001 Ihre Leidenschaft f√ľr Mode entdeckt. Iberische M√§rchen sind die Basis ihrer Ideen. Ihre Modelle √ľberzeugen durch starke Farben und originelle Schnitte. www.lacasitadewendy.com

© La Casita de Wendy



Weitere Infos finden Sie unter: www.modeaparis.com



Text & Zeichnungen: Gerlinde von Steht: www.peppart.com

Kultur Beitrag vom 16.10.2009 AVIVA-Redaktion 





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