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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 17.02.2010

Die Fremde - Ein Film von Feo Aladag
Lisa Erdmann

Eine Geschichte, so real, dass frau G√§nsehaut bekommt - Regisseurin Feo Aladag gelingt mit ihrem Deb√ľt "Die Fremde" ein ersch√ľtterndes Kulturen- und Familienportrait, das ganz ohne Klischees und...



... erhobenen Zeigefinger, daf√ľr aber mit jeder Menge Brisanz und Authentizit√§t die ZuschauerInnen unweigerlich in seinen Bann zieht.

Die 25-J√§hrige Deutscht√ľrkin Umay (Sibel Kekilli) w√ľnscht sich sehnlichst, was f√ľr viele Menschen eine Selbstverst√§ndlichkeit ist: Sie will ein eigenst√§ndiges, selbstbestimmtes Leben f√ľhren und sie m√∂chte, dass ihr kleiner Sohn Cem (Nizam Schiller) beh√ľtet und ohne Gewalt aufw√§chst. Doch f√ľr die in einem Vorort Istanbuls lebende junge Frau scheint die Erf√ľllung ihres Wunsches schier unm√∂glich, denn ihr Alltag ist von Unterdr√ľckung und Angst gepr√§gt. Immer wieder verliert ihr Ehemann Kemal (Ufuk Bayraktar) die Kontrolle, schl√§gt seine Frau oder bestraft seinen kleinen Sohn.

Um aus der patriarchalischen Eheh√∂lle auszubrechen und endlich frei zu sein, beschlie√üt Umay zu fliehen. Sie packt ihre wenigen Sachen und die ihres Sohnes und reist ohne R√ľckflugticket nach Berlin, zu ihren Eltern. Umay will in Deutschland leben, Cem soll hier aufwachsen. Doch Umays Familie, besonders ihr Vater Kader (Settar Tanri√∂√įen) und ihr √§lterer Bruder Mehmet (Tamer Yigit) sind √ľber die Entscheidung Umays schockiert und sorgen sich um die Ehre der Familie. Schlie√ülich ist es die Aufgabe der M√§nner, die Familienehre zu bewahren - eine Frau geh√∂rt dabei an die Seite ihres Mannes und sonst nirgendwohin. Einzig ihr j√ľngerer Bruder Acar (Serhad Can) h√§lt noch zu seiner geliebten Schwester und versucht, diese zu besch√ľtzen.

Die junge Mutter versucht verzweifelt, ihren Vater zu √ľberzeugen: "Er schl√§gt mich". Doch die bittere Antwort des Familienoberhaupts trifft die junge Frau wie ein Schlag in die Magengegend: "Er ist dein Ehemann, heute schl√§gt er, morgen streichelt er." Auch Umays Mutter Halime (Derya Alabora) ist √ľberfordert und r√§t ihrem √§ltesten Kind: "H√∂r auf zu tr√§umen!".

Umay erkennt, dass ihre Eltern und Geschwister ihre gesellschaftlichen Zw√§nge nicht ablegen k√∂nnen. Als die patriarchale Familie zur Rettung der Ehre beschlie√üt, Cem zu seinem Vater in die T√ľrkei zur√ľckzuschicken, da er ansonsten "zu einem Bastard" w√ľrde, ergreift die 25-J√§hrige erneut die Flucht. Sie kommt zuerst in einem Frauenhaus, dann bei einer Freundin unter. Umay bem√ľht sich, f√ľr sich und ihren Sohn ein neues Leben aufzubauen.

Obwohl sie endlich auf eigenen Beinen steht, kann sie doch nicht richtig gl√ľcklich sein. Schmerzlich vermisst sie ihre Familie. Immer wieder sucht sie die Vers√∂hnung und k√§mpft um die Liebe ihrer Eltern. Diese haben jedoch mit ihrer Tochter bereits abgeschlossen, zu viel Schmach und Schande hat sie ihnen bereitet. Auch G√ľl (Nursel K√∂se), die Chefin Umays, kann beim Gespr√§ch mit Kader und Halime nichts bewirken.

"Wenn sich deine Eltern entscheiden m√ľssen zwischen dir und der Gesellschaft - sie werden sich nicht f√ľr dich entscheiden."

Auch Umays Geschwister lehnen den Kontakt zu ihr ab, Acar aus Angst, Rana und Mehmet aus Wut. Als sie ihren j√ľngeren Bruder eines Tages auf der Stra√üe wiedertrifft, ahnt sie nicht, dass dieses Wiedersehen folgenschwer enden wird.

Die 1980 in Heilbronn geborene Sibel Kekilli spielt die Rolle der Umay so authentisch und sensibel, als w√§re es ihre eigene Geschichte. Dank ihres schauspielerischen Talents gibt sie der Protagonistin ein Gesicht, das die Zuschauerin so schnell nicht vergessen kann. Ihre verzweifelten Tr√§nen und schmerzerf√ľllten Schreie, ihre Wut und ihre Trauer gehen der Beobachterin durch Mark und Knochen und lassen dem Publikum den Atem stocken.

Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin Feo Aladag ist mit "Die Fremde" ein Film gelungen, der das Potenzial hat, die Gesellschaft aufzur√ľtteln. Sie selbst nennt ihr Deb√ľt "ein Destillat des Konfliktes", "eine emotionale, authentische, aber eben auch universelle Geschichte" und genauso kann "Die Fremde" auch vom Publikum empfunden werden. Die Zw√§nge, die Zerrissenheit und die gro√üe Tragik der einzelnen Figuren werden von der Zuschauerin auch ohne lange Dialoge nachempfunden. Das Schicksal Umays erscheint beispielhaft.

Feo Aladag gibt aber mit ihrem Erstlingswerk auch ein klares Statement ab: Ehrenmord und Zwangsheirat d√ľrfen nicht als Europaferne Themen abgetan werden. J√§hrlich werden nach einer Studie des UN-Weltbev√∂lkerungsberichts ca. 5.000 M√§dchen und Frauen in mindestens 14 L√§ndern, darunter Pakistan, Jordanien und die T√ľrkei, im Namen der Ehre ermordet. Auch in Europa gibt es Gewalt im Namen der Ehre. Besonders h√§ufig betroffen sind M√§dchen und Frauen aus Familien mit Migrationshintergrund. Einerseits stehen sie sehr unter Druck, dem patriarchalen Rollenverst√§ndnis ihrer Familien gerecht zu werden. Andererseits haben sie den Wunsch, ein gleichberechtigtes Leben zu f√ľhren. Allein in Deutschland haben sich seit dem Jahr 2004 bei dem Verein TERRE DES FEMMES mehr als 600 Betroffene gemeldet, die bedroht werden, weil sie die Ehre der Familie angeblich verletzt haben.

AVIVA-Tipp: Das filmische Drama "Die Fremde" lebt von einem immer wieder aufglimmenden Hoffnungsschimmer. Im Zentrum steht die Ann√§herung, die sich dann doch als verpasste Chance aufl√∂st. Die Zuschauerin hofft und leidet mit der Protagonistin, ist sprachlos, gel√§hmt und immer wieder traurig ber√ľhrt. Was nach dem Seherlebnis bleibt, ist ein dicker Klo√ü im Hals.

Umay, die Fremde, eine Migrantin in ihrem Geburtsland und eine Au√üenseiterin in der T√ľrkei, erscheint weder exotisch noch fiktiv, sondern dank Sibel Kekillis feinf√ľhliger Darstellung nahezu allgegenw√§rtig. Dass ihre Suche nach sich selbst und dem Gef√ľhl der Heimat so gnadenlos scheitert, bewegt tief und nachhaltig. Und auch wenn "die Fremde" laut Feo Aladag "kein repr√§sentatives Portr√§t einer gesellschaftlichen Gruppe und auch keine Lebensanleitung" sein will, √∂ffnet der Film doch die Augen f√ľr eine Chance, eine M√∂glichkeit zu leben, die durchaus sp√ľrbar ist.

"Die Fremde" von Feo Aladag - ein √§u√üerst wertvoller Film, ein Wachr√ľttler, der unbedingt gesehen werden muss!


Die Fremde
Deutschland 2010
Buch und Regie: Feo Aladag
DarstellerInnen: Sibel Kekilli, Settar Tanri√∂√įen, Derya Alabora, Florian Lukas, Tamer Yigit, Serhad Can, Almila Bagriacik, Alwara H√∂fels, Nursel K√∂se, Nizam Schiller, Ufuk Bayraktar u.a.
Verleih: Majestic
Lauflänge: 119 Minuten
Kinostart: 11. März 2010
Der Film im Netz: www.diefremde.de



Kultur Beitrag vom 17.02.2010 Lisa Erdmann 





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