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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.03.2010

Nothing Personal
Lisa Erdmann

Urszula Antoniak erzĂ€hlt in ihrem ersten kinofĂŒllenden Film die leise und vorsichtige Geschichte zweier ungleich erscheinender Persönlichkeiten, die jedoch nicht nur durch ihren Drang nach Freiheit



... und ihren Wunsch nach Einsamkeit, sondern auch durch ihr Streben nach NĂ€he und Geborgenheit tief im Inneren verbunden sind.

Anne (Lotte Verbeek) lĂ€uft. Ihr Ziel kennt sie nicht, wichtig ist nur, dass sie ihr altes Leben hinter sich lĂ€sst. Sie hat ihre Amsterdamer Wohnung leer gerĂ€umt, ihren (Ehe-) Ring abgestreift und macht sich auf in ein neues Leben, das sie in Stille und Einsamkeit hĂŒllt. Anne sucht die Isolation, meidet jeglichen Kontakt und reist - im GepĂ€ck nur das Nötigste, einen Rucksack, ein Zelt und ihren Schlafsack - in die Irische Wildnis, um sich selbst zu finden.

Ihr Trip fĂŒhrt sie ĂŒber unendlich erscheinende Straßen vorbei an rauen Felsen und weiten Feldern, durch Regen und Wind quer durch das Westirische Connemara. So hart und schroff wie die Landschaft bleibt auch Annes Miene, ihr böser Blick soll die Menschen vertreiben. Nicht nur der wolkenverhangene Himmel liegt schwer ĂŒber der Landschaft, auch in den Augen der Protagonistin hĂ€ngt ein grauer Schleier, der von einer inneren Verbitterung erzĂ€hlt. Nur selten reist sie per Anhalter, die meiste Zeit lĂ€uft sie einfach. Auf einer kargen Flur schlĂ€gt sie ihr Lager auf, um sie herum klingt nur das Rauschen, das durch die trockenen Halme fegt.

Als Anne in der nordischen Tristesse eines Tages Leben in Form eines einsamen Hauses entdeckt, kann sie nicht anders, als sich neugierig zu nĂ€hern. Das StĂŒck Heimat gehört, so findet die junge Frau schnell heraus, dem intellektuellen EinzelgĂ€nger Martin (Stephen Rea) der ihr anbietet, gegen Nahrung bei ihm zu arbeiten. Anne stimmt zu, ihre einzige Bedingung: Keine Fragen, kein persönlicher Kontakt, nur Arbeit gegen Essen.

Doch aus dem emotionsfreien Abkommen wird allmĂ€hlich eine Art Wohngemeinschaft, bei der sich die lange gepflegten Schutzmauern der zwei AntagonistInnen langsam aufweichen. Auch wenn beide nicht einmal den Namen des anderen wissen, wird Martin doch Annes Mentor, fĂŒhrt sie aus und bietet ihr ein Zimmer in seinem Haus an. Wird Anne das Angebot annehmen?

Dass die zwei Sonderlinge nicht nur ihre Leidenschaft fĂŒr Musik, sondern auch ein StĂŒck ihres Seelenlebens teilen, erkennt die Beobachterin auch ohne weitreichende ErklĂ€rungen. Beide brauchen ihre Freiheit, suchen aber auch zunehmend die NĂ€he zum anderen. Je mehr die Protagonistin innerlich auftaut, desto schöner wird sie fĂŒr die Betrachterin und auch der anfangs so steife Martin löst sich mit immer weicher werdenden ZĂŒgen aus seiner Ă€ußerlichen und innerlichen Starre.

Zwischen die zarte AnnĂ€herung der zwei EinzelgĂ€ngerInnen schieben sich immer wieder in den Film eingebettete, poetische Landschafts- und Naturaufnahmen. Sie bilden die Stimmung der Figuren geheimnisvoll treffend ab und verleihen den einzelnen Szenen einen mystischen Rahmen. Wenn der nasskalte Wind immer wieder energisch in Annes feuerrotes Haar greift, dann wirkt auch sie rastlos und angespannt. Wenn jedoch die ersten von ihr gepflegten Pflanzen in Martins Garten erblĂŒhen, dann geht in dem Gesicht der NiederlĂ€nderin ebenso ein LĂ€cheln auf.

Zur Regisseurin und Drehbuchautorin: Urszula Antoniak hat die polnische und hollĂ€ndische Film-Akademie absolviert. Ihr Film "Bijlmer Odyssey" war eine der wenigen auch international vertrieben hollĂ€ndischen Fernsehproduktionen. Antoniaks Komödie ĂŒber Integration in Holland "Nederlands voor Beginners" rief die Aufmerksamkeit des Publikums und der KritikerInnen hervor. "Nothing Personal" ist Urszula Antoniaks erster Spielfilm fĂŒrs Kino. (Presseinformation)

AVIVA-Tipp: Der erste abendfĂŒllende Film der hollĂ€ndisch-polnischen Regisseurin Urszula Antoniak ist ein poetisches DebĂŒt, das nicht mit WortfĂŒlle, sondern mit kunstvollem Bilderreichtum die Seele erreicht. Die Figuren entfalten sich ohne weitreichende Dialoge und ziehen die ZuschauerInnen gerade deshalb in ihren Bann. Frau muss nicht die Lebensgeschichten der beiden IndividualistInnen kennen, um "Nothing Personal" zu verstehen, es reicht, das Hier und Jetzt von Anne und Martin mit zu erleben, um in ihre tiefen GefĂŒhlswelten einzutauchen.

"Nothing Personal" wurde bereits auf mehreren Festivals mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem sechs Auszeichnungen auf dem Film Festival Locarno (Best Actress: Lotte Verbeek, Best First Feature, First Prize of the Youth Jury, Fipresci Prize, Cicae Award, Special Mention Ecumenical Jury), vier Auszeichnungen auf dem NiederlÀndischen Film Festival in Utrecht (Best Film, Best Director, Best Sound Design: Jan Scherma, Best Photography: Daniel Bouquet), den Silver Giraldillo Award auf dem 6. EuropÀischen Filmfestival in Sevilla und auf den Hofer Filmtagen 2009 war "Nothing Personal" Publikumsliebling. Hauptdarstellerin Lotte Verbeek wurde von einer internationalen Jury als "European Shooting Star 2010" nominiert.

Nothing Personal
Irland, Niederlande 2009
Buch und Regie: Urszula Antoniak
DarstellerInnen: Lotte Verbeek, Stephen Rea u.a.
Verleih: MFA+ FilmDistribution e.K.
LauflÀnge: 85 Minuten
Kinostart: 08. April 2010
Der Film im Netz: www.nothingpersonalthemovie.com

www.mfa-film.de

Kultur Beitrag vom 28.03.2010 Lisa Erdmann 





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