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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 12.03.2010

Precious - Sozialdrama von Lee Daniels
Adriana Stern

Eine Oscarnominierung nicht nur f├╝r den Film selbst, sondern auch die Auszeichnung mit dem Oscar f├╝r die beste Nebenrolle an Mo┬┤Nique in diesem ber├╝hrenden Sozialdrama von Lee Daniels sagen...



... schon eine ganze Menge ├╝ber diesen Film aus. Aber auch die Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe wird dank ihrer fabelhaften Amateur-Schauspielleistung in der Rolle der 16 j├Ąhrigen "Precious" indirekt mit diesem Award geehrt.

"Precious", der im Jahr 1987 spielt und dessen Thema sowohl f├╝r Amerika als auch f├╝r Deutschland immer noch genauso aktuell und notwendig ist, nichts von seiner Brisanz verloren hat, ist wahrlich nicht leicht zu verkraften. Besonders in den ersten 20 Minuten ist es fast unm├Âglich, die H├Ąnde nicht st├Ąndig in die Armlehnen zu krallen, weil die Gewalt, die die 16 j├Ąhrige Clareece Precious Jones erleiden muss, Schlag auf Schlag mit wohl der gleichen Wucht auf die BeobachterIn einschl├Ągt, in der sie auch das M├Ądchen trifft.

Clareece, die sich selbst Precious nennt, ertr├Ągt die Gewalt des Vaters, indem sie in Sekundenbruchteilen nach innen flieht. Dissoziation ist der medizinische Fachbegriff f├╝r den einzigen Ausweg, den die Jugendliche in dieser Lage findet. Sie rettet sich f├Ârmlich in ihre selbst geschaffenen, inneren Welten.

In diesen Welten ist Precious der unbeschwerte, gl├╝ckliche Star, die von unz├Ąhligen Fans geliebte und bewunderte S├Ąngerin und T├Ąnzerin. Sie wird von ihnen entsprechend respektvoll behandelt, ganz im Gegensatz zu ihrer realen Welt, in der sie nicht nur von den Eltern, sondern auch von anderen Jugendlichen missachtet und gequ├Ąlt wird. In ihrer heilen Traumwelt sieht sich Precious genauso, wie sie auch in ihrem wirklichen Leben aussieht.

Precious n├Ąmlich ist ├╝bergewichtig und schwarz und gilt gemeinhin nicht als Sch├Ânheit, au├čerdem erwartet sie gerade ihr zweites Kind. Ebenso wie die erste Schwangerschaft und eine HIV Infizierung ist diese das Ergebnis der brutalen Vergewaltigungen durch den Vater, gegen die sie sich nicht anders wehren kann als durch ihre dissoziativen Fluchten.

In Wahrheit lebt Precious in armen Verh├Ąltnissen in Harlem, die Mutter ist gewaltt├Ątig und arbeitslos, lebt von der St├╝tze und erniedrigt ihre Tochter, wo und wann sie nur kann.
Precious ertr├Ągt ihr Schicksal mit fast be├Ąngstigender, beinahe stoischer Ruhe, als ob sie sich den letzten Rest Stolz durch absolut gar nichts nehmen lassen will.

Als sie wegen der Schwangerschaft von der Schule verwiesen wird, landet sie in einer speziellen Schule f├╝r die Loser der amerikanischen Gesellschaft. Hier zeigt sich im Kontakt mit ihrer Lehrerin Ms. Rain, dass Precious im wahren Leben nicht einen Augenblick daran geglaubt hat, tats├Ąchlich liebenswert zu sein.

Ihrer neuen Lehrerin gelingt es, das M├Ądchen nach und nach davon zu ├╝berzeugen, lesen und schreiben lernen zu wollen und ihre kleine, abgeschottete Welt des Schweigens und der Unwissenheit zu verlassen, um sich in die Welt der geschriebenen Sprache zu wagen. Die Lehrerin erringt zunehmend das Vertrauen ihrer neuen Sch├╝lerin. Precious geht zum ersten Mal gern in die Schule, was die Mutter erneut gegen das M├Ądchen aufbringt.

Sie zwingt Precious, statt in die Schule zur Wohlfahrt zu gehen, um mehr Geld ins Haus zu schaffen. Die Sozialarbeiterin Mrs. Weiss (eine wunderbare Mariah Carey) ermutigt Precious, ├╝ber das zu reden, was zu Hause geschieht.
├ťber ein "Ich esse, dann sehen wir fern, dann esse ich und dann sehen wir wieder fern" kommt sie lange nicht hinaus.

Als Precious mit ihrem zweiten Kind nach Hause kommt, geht die Mutter endg├╝ltig zu weit und Precious lehnt sich zum ersten Mal in ihrem Leben gegen diese ├╝berm├Ąchtige Frau auf. Gelingt es ihr jetzt, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen?

Die Mutter Mary, gespielt von Mo┬┤Nique, brilliert in diesem Drama mindestens ebenso wie die exzellente Sidibe als Precious. Mo┬┤Nique spielt die Rolle der vom ihrem Mann verratenen Frau, die mit einem v├Âllig verpfuschten Leben die Wohnung so gut wie nicht mehr verl├Ąsst, mit unglaublichem Einf├╝hlungsverm├Âgen und Intensit├Ąt und hat daf├╝r einen Oscar f├╝r die beste Nebenrolle verdient und auch erhalten.
Sie hasst ihre einzige Tochter, dem├╝tigt und qu├Ąlt sie nur aus einem einzigen Grund: Ihr Mann liebt die Tochter offenbar mehr als die eigene Frau. Die innere Zerrissenheit, nicht anders handeln zu k├Ânnen und gleichzeitig genau zu wissen, dass Precious absolut unschuldig der Gewalt des Vaters ausgeliefert ist und auch sie ihr Unrecht tut, bringt Mary in nur einer einzigen Szene, die eine Schl├╝sselszene in diesem Drama ist, unmissverst├Ąndlich zum Ausdruck. Diese Szene r├╝hrt nicht nur die Sozialarbeiterin im Film zu Tr├Ąnen, sie bleibt auch den ZuschauerInnen mit Sicherheit lange im Ged├Ąchtnis.

Der Film hat den Publikumspreis von Toronto gewonnen und fehlt auf keiner Favoritenliste f├╝r die aktuelle Award Season. Schon auf seiner Festival-Wanderschaft 2009 - vom Sundance Film Festival ├╝ber die Berlinale und Cannes - erwies sich "Precious" stets als Publikums- und KritikerInnenliebling. Und er wurde zu Recht als "Bester Film" nominiert und in der Kategorie "Beste Hauptdarstellerin" f├╝r den Oskar ausgezeichnet.

AVIVA-Tipp: Dem Publikum in Toronto, Berlin und Cannes kann frau sich nur anschlie├čen. Es ist mehr als bedauerlich, dass deutsche ProduzentInnen so lange gez├Âgert haben, den Film ├╝berhaupt in deutschen Kinos zu zeigen, weil er kein typischer, leicht verdaulicher, vergn├╝glicher Hollywoodstreifen ist. Nur dank der vielen Preise wird "Precious" es zum Gl├╝ck doch in die deutschen Kinos schaffen, denn "Precious" ist ein wichtiger, notwendiger und bis zur letzten Sekunde absolut sehenswerter Film, der unsere ganze Aufmerksamkeit verdient.

Der Film im Netz: www.weareallprecious.com und www.das-leben-ist-kostbar.de

Precious
USA 2009
Regie: Lee Daniels
Produzentin: Oprah Winfrey
Drehbuch: Geoffrey Fletcher, nach der Novelle "Push" von Sapphire
Kamera: Andrew Dunn
Schnitt: Joe Klotz
Musik: Mario Grigorov
HauptdarstellerInnen: Gabourey Sidibe als Clareece Precious Jones, Mo┬┤Nique als Precious Mutter Mary, Paula Patton als Lehrerin Ms. Rain, Mariah Carey als Sozialarbeiterin Mrs. Weiss, Lenny Kravitz als John u.a.
L├Ąnge: 110 Minuten
Verleih: PROKINO
Kinostart: 25. M├Ąrz 2010

Kultur Beitrag vom 12.03.2010 AVIVA-Redaktion 





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