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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.03.2010

Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen
Adriana Stern

Der Dokumentarfilm von Hajo Schomerus entf√ľhrt uns in eine ungewohnte, seltsame, ja geradezu bizarre Welt inmitten der Jerusalemer Altstadt zu Beginn eines neuen Jahrtausends. Die Bilder und ...



... Eindr√ľcke von der Grabeskirche in Jerusalem sind ber√ľhrend, bewegend, erstaunlich.
Die Grabeskirche in Jerusalem, die im Jahr 325 √ľber dem vermeintlichen Grab Jesu Christus erreichtet worden ist, liegt heute mitten in einem religi√∂sen und politischen Pulverfass. Hier hat sich die Christenheit ihr gr√∂√ütes Heiligtum errichtet, welches schon seit Jahrhunderten von sechs unterschiedlichen christlichen Konfessionen ebenso hei√ü begehrt wie umk√§mpft und entsprechend im Laufe seiner Geschichte vielf√§ltig umgestaltet worden ist.

Hajo Schomerus l√§sst in seinem Film alle sechs Vertreter dieser Religionsgemeinschaften zu Wort kommen, ohne selbst Partei f√ľr eine dieser tief zerstrittenen Gruppen zu ergreifen. Es gelingt ihm Kraft der Bilder √ľber dieses ungew√∂hnliche Bauwerk und seine BewohnerInnen, einen vielseitigen, kaleidoskopartigen Eindruck in der Zuschauerin zu hinterlassen, der noch lange nach dem Ende des Films nachhallt.

Die M√§nner leben unterschiedlich lange in der Grabeskirche, manche werden bleiben, f√ľr andere ist der Aufenthalt in dieser au√üergew√∂hnlichen Kirche nur eine Station auf ihrem Lebensweg. Doch f√ľr sie alle ist ihre Zeit in der Grabeskirche ein wesentlicher Teil dieses Lebens und ihrer zutiefst religi√∂sen √úberzeugungen.

Hajo Schomerus l√§sst nicht nur die Vertreter der sechs Religionen sprechen, er bezieht auch das direkte j√ľdische und muslimische Umfeld in seine Betrachtungen ein. So begleitet er eine Gruppe von Interessierten der israelischen Armee bei ihrem Rundgang durch die Grabeskirche, der in diesem Film am deutlichsten macht, wie absurd, bizarr und weltentr√ľckt das Treiben in dieser Kirche auf Au√üenstehende wirkt.

Das Leben in der Grabeskirche, einerseits gepr√§gt durch die t√§glichen Besuche der TouristInnen und PilgerInnen, andererseits angef√ľllt mit den t√§glichen Gebeten und unterschiedlichsten religi√∂sen Verrichtungen der sechs christlichen Glaubensrichtungen, mutet chaotisch, verwirrend, verst√∂rend und faszinierend an. Der Franziskaner Bruder Jayaseelan aus Indien bringt es im Interview auf den Punkt, wenn er von einem riesigen Stundenplan spricht, den niemand auswendig lernen kann und der bedingt, dass es in der Grabeskirche niemals eine Routine geben wird. So ver√§ndern die griechischen oder armenischen Traditionen auch den Zeitplan der Franziskaner oder der syrischen Christen, was zu st√§ndigen Konflikten und Reibereien f√ľhrt. Sind beispielsweise die Kopten noch ins Gebet vertieft, ert√∂nt pl√∂tzlich die Orgel der Franziskaner, die alles andere √ľbert√∂nt und jedes weitere Gebet der Kopten sofort verstummen l√§sst. Ein ungl√§ubiger, w√ľtender Blick des koptischen Priesters auf die Uhr verr√§t, dass sich mal wieder jemand zu Unrecht das Recht des St√§rkeren herausgenommen hat. Die K√§mpfe um Gebetszeiten und die Orte, an denen die Gebete verrichtet werden d√ľrfen, f√ľhren unter Umst√§nden bis hin zu handfesten Auseinandersetzungen.

Dabei liegt die Schl√ľsselgewalt f√ľr das Bauwerk nicht in den H√§nden der christlichen Glaubensgruppen, sondern schon seit dem 7. Jahrhundert, begonnen mit dem Kalifen Omar, wohlweislich fest in der Hand zweier muslimischer Familien. Die eine Familie, bestehend aus religi√∂sen Vertretern des Islam, bewahrt den Schl√ľssel auf, die zweite Familie √∂ffnet die Grabeskirche am Morgen und schlie√üt sie am Abend. Sie ist frei von religi√∂sen Pflichten, die dem regelm√§√üigen √Ėffnen und Schlie√üen entgegenstehen w√ľrden. Die Entscheidung des damaligen griechisch-orthodoxen Oberhauptes war weise, denn sie sorgt daf√ľr, dass die Grabeskirche unabh√§ngig von den seltsam bis kindisch anmutenden Streitereien der sechs Religionsgruppen immer rechtzeitig ge√∂ffnet und geschlossen wird.

AVIVA-Tipp: Es ist Hajo Schomerus gelungen, den so typischen, von der sogenannten Zivilisation angewandten eurozentristischen Blick, mit dem seit Jahrzehnten ausschlie√ülich auf die religi√∂sen Riten beispielsweise in Afrika herabgeblickt wird, in diesem Film auf das Geschehen in der Grabeskirche zu richten. Und damit erscheinen uns diese Riten der afrikanischen oder anderer V√∂lker pl√∂tzlich gar nicht mehr so weit entfernt zu sein von dem, was in der vermeintlichen Zivilisation geschieht. Im Gegenteil. Schon allein diese heilsame Blickverschiebung ist zutiefst beeindruckend und macht den Film neben seinem ber√ľhrenden Bildkaleidoskop sehenswert.

Zum Regisseur: Hajo Schomerus geboren 1970 in Hannover. Einj√§hriger Studienaufenthalt in Japan. Seit 1993 Studium an der Fachhochschule Dortmund f√ľr Film- und Fernsehkamera. 1995 Praxissemester am Anthology Film Archive, New York bei Jonas Mekas. 1998 zwei Auslandssemester am Film and Television Institute of India in Pune, Indien. "Ich und das Universum" ist sein Abschlussfilm an der FH Dortmund und wurde mehrfach preisgekr√∂nt.(Quelle: M√ľcke Filmpresse & Werbung)

Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen
Deutschland / Schweiz 2010
Regie, Idee, Konzept, Kamera und Bild: Hajo Schomerus
Produktion: busse & halberschmidt Filmproduktion oHG
Montage: Daniela Grosch
Tonmeister: Andreas M√ľcke-Niesytka und Stavros Charitidis
Redaktion: Lukas Schmidt, ZDF Das kleine Fernsehspiel und Urs Augstburger, SF Schweizer Fernsehen
HauptdarstellerInnen: Vater: Afrayem Elorashalimy ‚Äď √§thiopischer M√∂nch, Bruder Jayaseelan-Franziskaner aus S√ľdindien, Vater Samuel Aghoyan- armenischer Priester, Vater Gebreselassie-√§gyptischer M√∂nch, Theophilos III- griechisch-orthodoxer Patriach von Jerusalem, Pater Robert Jauch-Franziskaner aus dem Rheinland, Wajeeh Y. Nusseibeh-muslimischer T√ľrw√§chter, Abdilkadr Joudeh-muslimischer Schl√ľsselhalter
Länge: 89 Minuten
Verleih: X- Verleih AG
Kinostart: 25. März 2010
Weitere Informationen im Netz:
www.imhausmeinesvaters.x-verleih.de

Kultur Beitrag vom 23.03.2010 AVIVA-Redaktion 





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