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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 25.03.2010

Klassentreffen - Spotkanie Klasowe
Nadja Grintzewitsch

Zehn Frauen, die heute in Israel, ├ľsterreich oder Polen leben, erz├Ąhlen ihre Lebensgeschichten und erinnern sich an ihre polnische Heimatstadt Lodz. Sie berichten von ihrer Schulzeit, von...



...j├╝disch-deutsch-polnischen Identit├Ąten und die Zeit der nationalsozialistischen Okkupation.

Sie wurden an unterschiedlichen Orten geboren, geh├Ârten unterschiedlichen Religionen an und stammten aus verschiedenen sozialen Schichten. Der Titel "Klassentreffen" mag auf den ersten Blick verwirrend sein, denn die zehn interviewten Damen besuchten weder die gleiche Schule noch lernten sie sich auf andere Weise n├Ąher kennen. Auch bei den Videoaufzeichnungen begegneten sie sich nicht. Doch zwei Dinge haben die Frauen gemeinsam: Sie kamen in den Zwanziger Jahren zur Welt ÔÇô und ihre Wege f├╝hrten sie fr├╝her oder sp├Ąter, freiwillig oder unfreiwillig, nach Lodz.

Eine multikulturelle Gro├čstadt

In den Zwanziger Jahren lebten rund 451.000 Menschen in der polnischen Industriestadt. Etwa 31 Prozent davon waren j├╝discher Herkunft. Den steigenden Antisemitismus in Polen erlebten die interviewten Frauen auf unterschiedliche Weise, einige unter ihnen waren, weil nichtj├╝disch, davon sogar ├╝berhaupt nicht betroffen. Sara Inka Honigman ging auf eine Schule, an der es samstags keinen Unterricht gab, daf├╝r aber sonntags. Sie f├╝hlte sich stets fest in der j├╝disch-polnischen Identit├Ąt verankert: "Ich habe immer gewusst, dass ich j├╝disch bin, habe mich aber gleichzeitig als B├╝rgerin Polens verstanden", berichtet sie. Doch eines Tages, als sie auf der Stra├če mit einer Flasche Wasser unterwegs war, schlug ihr ein Mann die Flasche aus der Hand, beschimpfte sie als "dreckige J├╝din". "Da habe ich als Kind zum ersten Mal begriffen, dass es einen Unterschied gibt."

Lodz erlebten die Frauen, der sozialen Herkunft entsprechend, aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Juta Bergman wurde 1934 mit ihrer Familie aus Breslau nach Polen ausgewiesen. Sie erinnert sich an eine Stadt voller rauchender Schornsteine und ArbeiterInnen, die fr├╝hmorgens auf dem Weg zu den Fabriken waren und erw├Ąhnt die gro├če Armut, in der viele Lodzer Familien leben mussten. Wanda Folman dagegen, Tochter einer Rektorin und eines assimilierten j├╝dischen Landrates, beschreibt Lodz als "sch├Ân, reich, intellektuell und kulturell sehr fortgeschritten", erz├Ąhlt vom Gemeinschaftsleben und den zahlreichen zionistischen Organisationen der Stadt.

Die deutsche Okkupationszeit

Am 8. September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Lodz ein. Das Leben der EinwohnerInnen ├Ąnderte sich schlagartig. Polen und Juden durften keine Radioger├Ąte mehr besitzen, alle ├Âffentlichen polnischen und hebr├Ąischen Beschriftungen wurden beseitigt. Auch die "N├╝rnberger Rassegesetze", seit 1935 im Deutschen Reich g├╝ltig, wurden auf das so genannte "Generalgouvernement Polen" ausgeweitet: Eheschlie├čungen sowie au├čerehelicher Verkehr zwischen J├╝dInnen und Deutschen waren fortan strengstens verboten.

Auch die polnischen und j├╝dischen Schulen mussten mit sofortiger Wirkung geschlossen werden. Schlie├člich riegelten die Besatzer im Februar 1940 einen kleinen Stadtteil ab, der zum Ghetto f├╝r die j├╝dische Bev├Âlkerung umfunktioniert wurde. Dort wurden einige Schulen wieder ge├Âffnet, jedoch auch teilweise illegaler Unterricht f├╝r Sch├╝lerInnen und StudentInnen organisiert. Meist waren ├╝ber 40 Kinder in einer Klasse, wegen der K├Ąlte dick in M├Ąntel und Handschuhe eingepackt. "Von da an haben wir gelernt, weil wir lernen wollten, nicht, weil wir lernen mussten", erkl├Ąrt Sara Inka Honigman.

Lodz, inzwischen in "Litzmannstadt" umbenannt, wurde 1941 zum Sammel- und Durchgangslager f├╝r Zehntausende J├╝dInnen, Sinti und Roma, welche zu einem gro├čen Teil aus ├ľsterreich stammten. So auch Hella Fixel und Grete Stern, zwei J├╝dinnen und Burgtheaterverehrerinnen aus Wien.
Deportationen in das nahe gelegene Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof), sp├Ąter auch nach Auschwitz-Birkenau, begannen Ende desselben Jahres. Die endg├╝ltige Ghettoaufl├Âsung erfolgte im August 1944, knapp 70.000 BewohnerInnen wurden nach Auschwitz deportiert. Den Transport beschreibt Rachela Grynfeld, die als einzige aus ihrer Familie die Shoah ├╝berlebte, folgenderma├čen: "F├╝r die Notdurft wurde ein Eimer hingestellt, es gab winzige Fenster, mit Draht versperrt. Wir waren 100 Menschen pro Viehwaggon, ohne zu wissen, wohin. Bei der Ankunft befahl man uns: Raus, raus raus, raus!" Die letzten Worte spricht sie in der Sprache der T├Ąter, auf Deutsch.

Das Ende der Naziherrschaft

Viele der damals jugendlichen Frauen wurden in Auschwitz zur Zwangsarbeit selektiert und sahen ihre M├╝tter, V├Ąter oder Geschwister nie wieder. Sie erlebten die Befreiung an unterschiedlichen Orten.
Wanda Folman erz├Ąhlt, wie sie von Auschwitz in ein Arbeitslager kam und von dort aus auf den so genannten "Todesmarsch" getrieben wurden. Die begleitenden SS-Wachtrupps erschossen viele der Gef├ĄhrtInnen am Wegesrand und lie├čen sie einfach liegen. Es gelang ihr schlie├člich, auf abenteuerliche Weise von dem Marsch zu fliehen. Wanda Folman berichtet dies in ihrer Wohnung in Israel, vor einem riesigen Fenster, im Hintergrund die sonnenbeschienenen D├Ącher von Haifa. Zufrieden schlussfolgert sie: "Also habe ich mich eigentlich selbst befreit!

Rachela Grynfeld arbeitete nach dem Krieg als Kinderg├Ąrtnerin und zog gemeinsam mit ihrem Mann Lolek nach Holon in Israel. Jugendlichen von heute m├Âchte sie vor allem eines mitteilen: "Dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen gibt. Ob sie wei├č, schwarz, rot oder gelb sind, ob sie lange oder kurze Nasen haben oder auch nach oben gebogene, ob sie blaue oder schwarze Augen haben. Alle Menschen sind gleich. Wichtig ist, dass sie Menschen sind, dass sie eine Seele und ein gutes Herz haben, Das ist wichtig. Liebe deinen N├Ąchsten wie dich selbst."

AVIVA-Tipp: Es sind die letzten Zeitzeuginnen unserer Epoche, die auf dieser DVD zu Wort kommen - und das ist es, was sie f├╝r k├╝nftige Generationen so unendlich wertvoll macht. Alle Interviews wurden zweisprachig aufgearbeitet, mit jeweils deutschen oder polnischen Untertiteln. Das beiliegende Booklet erh├Ąlt ausf├╝hrliche, sauber recherchierte Hintergrundinformationen zu Lodz und den Biografien der zehn Frauen. Nicht nur f├╝r den Geschichtsunterricht mit Schulklassen, sondern auch f├╝r interessierte Einzelpersonen bestens geeignet.

Weitere Infos finden Sie unter:

www.klassentreffen.eu



Klassentreffen ÔÇô Spotkanie Klasowe
Label: CSM Production Wien
Erschienen im Verlag grenzen erzaehlen, Wien 2009
Sprache: Deutsch, Polnisch
Untertitel: Deutsch, Polnisch
Anzahl Disks: 1
V├ľ: September 2009
Gesamtspieldauer: 60 Minuten



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Kultur Beitrag vom 25.03.2010 AVIVA-Redaktion 





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