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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.04.2010

Min Dit - Die Kinder von Divarbakir. Ein Film von Miraz Bezar
Nadja Grintzewitsch

Das Langfilmdeb├╝t des Regisseurs beleuchtet das Leben zweier Stra├čenkinder vor dem Hintergrund des t├╝rkisch-kurdischen B├╝rgerkrieges. Es setzt sich mit einem gesellschaftlich hochbrisanten Thema...



...auseinander und gewann auf internationalen Filmfestspielen bereits mehrere Preise, unter anderem die Hamburger "Elfe" und den Sonderpreis der Jury in Antalya. Auf dem 15. Filmfestival T├╝rkei/Deutschland 2010 in N├╝rnberg wurde der Film gleich zweimal ausgezeichnet: Hauptdarstellerin ├×enay Orak erhielt den F├Ârderpreis der Jury, "Min D├«t ÔÇô Die Kinder von Diyarbakir" gewann den Publikumspreis.

Gul├«stan (├×enay Orak) und ihr kleiner Bruder Firat (Muhammed Al) leben mit ihren Eltern in Diyarbakir, in S├╝dostanatolien. Zuhause sprechen sie kurdisch, in der Schule m├╝ssen sie t├╝rkisch lernen. Die Familie ist auf dem R├╝ckweg von einer Hochzeit, als ihr Auto von t├╝rkischen Paramilit├Ąrs angehalten wird. Ohne jede Erkl├Ąrung werden die Eltern vor den Augen der Kinder erschossen. Zur├╝ck bleiben Gul├«stan und Firat, erstarrt, traumatisiert, und ihre wenige Monate alte Schwester, die in den Armen der toten Mutter zu schreien beginnt.

Die politisch aktive Tante Yekbun (Ber├«van Emino├░lu), bei der die Geschwister zun├Ąchst unterkommen, verschwindet eines Tages spurlos. Auf sich allein gestellt, lernt die zehnj├Ąhrige Gul├«stan langsam, sich und ihren Bruder zu ern├Ąhren und das Baby richtig zu versorgen. Doch die Rechnungen f├╝r Wasser und Strom kann sie nicht bezahlen, nach und nach wird alles abgestellt. St├╝ck f├╝r St├╝ck verkaufen die Geschwister alle Habseligkeiten, die Betten, den Fernseher: Lebensmittel sind wichtiger.

Es sind Szenen, die ohne viel Sprache auskommen. Gul├«stans verzweifelter Blick in den immer leerer werdenden K├╝hlschrank, wie sie in der ausger├Ąumten Wohnung barfuss das schreiende Baby hin und her tr├Ągt, um es zu beruhigen. Immer schw├Ącher und apathischer wird es, bis es schlie├člich keinen Ton mehr von sich gibt.

Letzten Endes hat der Vermieter keine Nachsicht mehr mit den Waisenkindern. Er setzt sie mitsamt dem k├╝mmerlichen Restbesitz vor die T├╝r. Die einzigen Gegenst├Ąnde, die die Geschwister mit auf die Stra├če retten, sind eine Decke und eine M├Ąrchenkassette mit der Stimme ihrer Mutter. Doch Gul├«stan und Firat sind nicht die einzigen minderj├Ąhrigen Obdachlosen in der Umgebung.

Leben auf der Stra├če

Sie sind Ramschverk├ĄuferInnen, Obsth├ĄndlerInnen und TaschendiebInnen, die Kinder von Diyarbakir. Sie leben in verlassenen Ruinen, finden sich in Gemeinschaften zusammen und handeln nach eigenen Moralvorstellungen. So auch Zelal, Anf├╝hrerin einer Bande von Jungen und M├Ądchen, die in den Stra├čen der Stadt Taschent├╝cher, Feuerzeuge und anderen Kleinkram verkauft - nur keine Hehlerware, denn das bringe blo├č ├ärger, erkl├Ąrt sie den Neuank├Âmmlingen.
Firat findet sich schnell in der neuen Umgebung zurecht. Nur Gul├«stan kann sich nicht an die Situation gew├Âhnen und erinnert mit ihren Taschentuchp├Ąckchen, die sie an den Mann bzw. die Frau zu bringen versucht, ein wenig an das kleine M├Ądchen mit den Streichh├Âlzern. Nur dass es statt Minustemperaturen die K├Ąlte der Menschen ist, welche sie erfrieren l├Ąsst. ├×enay Orak spielt diese Rolle, als w├Ąre es ihre eigene, l├Ąsst einer/m mit ihrem dunklen, verzweifelten Blick Schauder ├╝ber den R├╝cken laufen.

Schlie├člich trifft Gul├«stan in den Stra├čen Diyarbakirs den M├Ârder ihrer Eltern wieder, dessen Gesicht sie nie vergessen hat. Es liegt nun in ihrer Hand, ob sie die M├Âglichkeit nutzt, blutig Rache zu nehmen ÔÇô oder ob sie eine M├Âglichkeit findet, den T├Ąter f├╝r alle Zeiten zu brandmarken, wie in dem M├Ąrchen vom Wolf mit der Glocke auf der Kassette.

Es ist vor allem die Detailgenauigkeit bestimmter Szenen, die frappiert. Die t├╝rkischen Schulb├╝cher, welche die Geschwister vor der Haust├╝r zur├╝cklassen m├╝ssen, sind liebevoll in Garfield-Papier eingeschlagen: Erinnerung an eine heile Familienwelt, die in Scherben zerbrochen ist. Wenn Gul├«stan auf der Stra├če Taschent├╝cher darbietet, sieht man die unfreundlichen PassantInnen aus ihrer Perspektive, sie werden als gesichtslose Individuen dargestellt.

Regisseur Miraz Bezar wurde 1971 in Ankara geboren und studierte Regie an der Berliner Film- und Fernsehakademie. F├╝r sein Langfilmdeb├╝t "Min D├«t" zog er f├╝r drei Jahre nach Diyarbakir, um sich inspirieren zu lassen und geeignete SchauspielerInnen zu finden. "Nicht etwa der Ausnahmezustand bestimmt das Stra├čenbild in Diyarbakir," beschreibt der Deutschkurde. "Es ist eine Stadt, in der sich die Menschen einen Alltag geschaffen haben, der ihre Narben und Traumata au├čen vor l├Ąsst. F├╝r viele von ihnen ist es scheinbar zur Normalit├Ąt geworden, mit den Folgen politischer Gewalt zu leben." Vor allem die Kinder w├╝rden ihre gegenw├Ąrtige Situation als auswegsloses Chaos ohne Chance auf Entwicklung erleben.

Der Film basiert auf wahren Begebenheiten. Miraz Bazir traf sich f├╝r seine Recherche mit MitarbeiterInnen von Menschenrechtsvereinen und Stadtteilinitiativen, bis er einer 20-j├Ąhrigen Frau vorgestellt wurde, die ihm ihre bewegende Lebensgeschichte erz├Ąhlte. Aus dieser Erz├Ąhlung entstand schlie├člich das Drehbuch. Auch die Kinder sind durchweg LaiendarstellerInnen, die in sozial schwachen Stadtteilen gecastet wurden. Sie spielten sich selbst und trugen ma├čgeblich dazu bei, den Film authentisch zu gestalten: Das Drehbuch, urspr├╝nglich auf T├╝rkisch verfasst, lie├č Miraz Bezar in die kurdische Sprache ├╝bersetzen. "Das Resultat war sehr weit von jenem Kurdisch entfernt, das die Kinder auf der Stra├če sprachen," erkl├Ąrt der Regisseur. Durch Improvisation h├Ątten die Kinder dann zu ihrer eigenen Ausdrucksform gefunden.

AVIVA-Tipp: "Min D├«t ÔÇô Die Kinder von Diyarbakir" spiegelt die Lebensrealit├Ąt der kurdischen Gesellschaft wider, die von Diskriminierung und Ausgrenzung gepr├Ągt ist. Das Werk ist nicht nur ein Film, sondern ein Politikum. W├Ąhrend des kurdisch-t├╝rkischen B├╝rgerkrieges verschwanden ├╝ber 18.000 regimekritische Menschen spurlos oder wurden von paramilit├Ąrischen Truppen ermordet, bis 1991 waren kurdischsprachige Medien verboten.

Min Dît - Die Kinder von Diyarbakir
T├╝rkei, Deutschland 2009
Buch und Regie: Miraz Bezar
DarstellerInnen: ├×enay Orak, Muhammed Al, Hakan Karsak, Suzan ├Łlir, Ber├«van Ayaz
Verleih: mîtosfilm
Dolby Digital und OmU (kurdisch und t├╝rkisch mit dt. Untertiteln)
Laufl├Ąnge: 102 Minuten
Kinostart: 22. April 2010

Weitere Infos im Netz unter:
www.mitosfilm.com
www.min-dit.com

Kultur Beitrag vom 23.04.2010 AVIVA-Redaktion 





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