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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.07.2010

Eine Karte der Klänge von Tokio
Marie Heidingsfelder

Eine Auftragskillerin mit Doppelleben verliebt sich in ihr Opfer ‚Äď Aber was sich nach "Action, Love and Fun" anh√∂rt, ist nur die Basis f√ľr eine bild- und tonverliebte Auseinandersetzung...



...mit Tokio und dem Leben in der ebenso glitzernden wie anonymen Metropole.


Zwei Besonderheiten

Ein Messer zerteilt ge√ľbt den gl√§nzenden K√∂rper eines Thunfischs in breite, leuchtend rote Scheiben. Auf dem Asphalt unter dem Tisch vermengt sich das Blut mit dem Wasser geschmolzenen Eises, zeichnet f√ľr einige Augenblicke leuchtende Formen und wird dann vom Wasserstrahl eines Schlauchs in den n√§chsten Abfluss geschoben. Hier, auf dem Fischmarkt in Tokio, arbeitet Ryu. Der Alltag der jungen, zerbrechlich wirkenden Frau folgt bis auf zwei Besonderheiten dem grauen, maschinellen Rhythmus des Gro√üstadtlebens zwischen U-Bahn, Nachtschicht, Schlafst√∂rungen und der Aussicht auf die Verkehrsschule aus dem Fenster. Die erste Besonderheit ist ihre Freundschaft zu einem deutlich √§lteren Toningenieur, der auf der Suche nach besonderen Kl√§ngen durch die Stadt zieht und auch der Erz√§hler der Geschichte ist. Obwohl beide viel Zeit miteinander verbringen, ist ihr Verh√§ltnis unpers√∂nlich. Sie akzeptieren die Schweigsamkeit und R√§tselhaftigkeit ihres Gegen√ľbers und beschr√§nken sich auf ein stilles Nebeneinander.



Die zweite Besonderheit ist, dass Ryu ab und zu einen Mordauftrag annimmt.
Zu Beginn des Films wird sie mit dem Auftrag engagiert, den spanischen Weinh√§ndler David umzubringen. David wird vom m√§chtigen Vater seiner japanischen Exfreundin Midori f√ľr deren Selbstmord verantwortlich gemacht - Umst√§nde, die Ryu nicht interessieren. Doch am Abend des geplanten Mordes kommt alles anders und die kurze berufliche Begegnung dehnt sich zu einer gemeinsamen Nacht in dem verkitscht-franz√∂sischen Hotel "La Bastille". Trotz der heiklen Situation sp√ľrt man, dass Ryu aus ihrem geistigen Energiesparmodus gerissen wird, aus der unsichtbaren Blase, die sie vor pers√∂nlichen Kontakten trennte und in der "Someone to watch over me" als einzige Hintergrundmusik lief. Diese Rolle, der schweigsamen und r√§tselhaften Frau zwischen zarten Gef√ľhlen und intensiver K√∂rperlichkeit beherrscht die aus "Babel" bekannte Rinko Kikuchi perfekt. Und so l√§chelt Ryu, w√§hrend sich die Situation weiter zuspitzt.



Eine filmsprachliche Gratwanderung

Im Vergleich zu anderen Industriel√§ndern ist die Selbstmordrate in Japan √ľberproportional hoch und indirekt ist dies auch das Thema in Isabel Coixets neuem Film: Fern vom Glitzer- und Karaoke-Image wird das moderne Tokio als anonyme Gro√üstadt inszeniert, in der die Menschen wie Motten betrunken vom Licht um die Leuchtreklamen kreisen, ohne sie je gl√ľcklich erreichen zu k√∂nnen. Im Schein von Neonleuchten und im Schatten monstr√∂ser Hochh√§user folgen sie sogar emotional offiziellen Vorgaben: So wird am U-Bahn-Ausgang t√§glich ein Motto ausgerufen, beim "Kiss Day" k√ľssen sich Fremde und klammern sich panisch aneinander und beim "Anger Day" schreien sie sich ebenso wahllos an.
Es sind solche Szenen und Bilder, die "Eine Karte der Kl√§nge von Tokio" sehenswert machen - und den Film in ihrer √ľberdeutlichen Symbolsprache gleichzeitig schw√§chen: Der Grat zwischen faszinierender R√§tselhaftigkeit und Unverst√§ndnis ist - besonders in der Charakterdarstellung - oft schmal. Was dem Plot etwas schadet, ist auf einer √ľbergeordneten Ebene eine gro√üe St√§rke des Films: Als geh√∂re man BetrachterIn selbst zu den EinwohnerInnen, streift man die Personen und die Stadt eher, als dass man sie wirklich versteht. Man kann die oft √ľberkonstruierten Bilder und Symbole bestaunen und bewegt sich wie im Traum √ľber den - wirklich gro√üartigen - Klangteppich des Soundtracks. Das Dauerthema von Wandel und Rhythmus findet sich sowohl in der Musik, als in den Bildern, so dass man nach den fast zwei Stunden von weit her zur√ľck in den Kinosessel und den Okzident f√§llt.



AVIVA-Tipp: "Eine Karte der Kl√§nge von Tokio" zeichnet ein ebenso verst√∂rendes wie bezauberndes Bild von Tokio. Ein Film √ľber zarte Details menschlichen Lebens, an dem man sich satt sehen und h√∂ren kann - wenn man sich auf ihn einl√§sst.

Die Regisseurin Isabel Coixet wurde 1960 in Spanien geboren und kam aus der Werbebranche zur Regie und zum Drehbuch. Sie studierte Geschichte in Barcelona und gab 1989 ihr Spielfilmdeb√ľt Demasiado viejo para morir joven, bereits in der Doppelrolle aus Regisseurin und Autorin. Ihren nationalen und internationalen Durchbruch feierte sie 2003 mit dem mehrfach ausgezeichneten Film Mein Leben ohne mich. Sie erkl√§rt ihre Faszination an mit widerspr√ľchlichem Geschmack: "Ich kann morgens Hardcore-Mangas lesen und abends Flaubert und Goethe."

Weitere Infos zu Isabel Coixet: finden Sie unter
www.clubcultura.com

Weitere Infos zu Rinko Kikuchi finden Sie unter:
www.anore.co.jp

Eine Karte der Klänge von Tokio
Spanien, 2009
Kinostart: 5. August 2010
Buch und Regie: Isabel Coixet
DarstellerInnnen: Rinko Kikuchi, Sergi López und andere
Laufzeit: 109 Minuten
Almode-Filmverleih

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Kultur Beitrag vom 22.07.2010 Marie Heidingsfelder 





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