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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.07.2010

Renn wenn du kannst - Ein Film von Dietrich Br├╝ggemann
Miriam Hutter

Dietrich und Anna Br├╝ggemann begl├╝cken uns mit einer h├Âchst vergn├╝glichen temporeichen Kom├Âdie mit sozialkritischen Untert├Ânen, in der eine Dreiecksgeschichte einmal (ganz) anders erz├Ąhlt wird.



Jegliches Mitleid, oder auch Sympathie f├╝r den querschnittsgel├Ąhmten Ben (Robert Gwisdek) wird von Anfang an unterbunden, denn der Rollstuhlfahrer ist ein richtiges Ekel. In der allerersten Szene leitet der 26-j├Ąhrige tyrannisch seinen Zivi an, gleichzeitig den Balkon aufzur├Ąumen, ein Schiff aufzuh├Ąngen und ans Telefon zu gehen. Als der Zivi leblos am Boden liegt, nachdem er von dieser Mehrfachbelastung ├╝berfordert vom Tisch gefallen ist und Opfer eines Kurzschlusses wurde, w├╝nscht Ben ihm lakonisch einen "sch├Ânen Feierabend".

Sein neuer Zivi Christian (Jakob Matschenz), der schon auf dem Weg zu Ben ist, wird das nicht mit sich machen lassen. Doch vorerst ist dieser noch auf der Stra├če und wird umweht von den losen Seiten der Magisterarbeit Bens, die sich in alle Winde verfl├╝chtig hat als er auf den Balkon gerollt ist, um wie jeden Tag die junge Frau mit dem Cello vorbeiradeln zu sehen. Die nun wiederum ├╝berradelt beinahe Christian und landet kopfunter auf dem Erdboden.

So lernen sich Christian und Annika (Anna Br├╝ggemann) kennen und es dauert nicht mehr lange, bis beide die Bekanntschaft von Ben machen werden. Christian als dessen Zivi und Annika als die heimlich von ihm vom Balkon aus verehrte junge Frau.
Der erste gemeinsam verbrachte Abend auf eben diesem Balkon ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, in der viel geredet und gelacht, zusammen getr├Ąumt und getrunken wird.

Problematisch wird es erst, als Christian und Ben sich eingestehen in Annika verliebt zu sein. Nat├╝rlich. Ben, der ├╝berzeugt davon ist, dass sich nur "Behinderte" oder "sehr, sehr, sehr merkw├╝rdige Frauen" in ihn verlieben k├Ânnten rechnet sich zwar keine Chancen aus, ertragen kann er es aber dennoch nicht, dass Annika und Christian etwas miteinander anfangen.
Als sich dann aber zeigt, dass Annika sich auch zu ihm hingezogen f├╝hlt, ├Ąndert sich f├╝r Ben alles. Sein Kampf, den er auf einer psychischen Ebene mit der Welt und mit sich selbst ausficht, tritt vor dem Hintergrund von Annikas Zuneigung immer deutlicher hervor.

Im Verlauf des Films wird Ben, wohl vor allem durch die beeindruckende schauspielerische Leistung von Robert Gwisdek, den ZuschauerInnen immer sympathischer. Das liegt daran wie dieser es versteht, die Komplexit├Ąt seiner Figur darzustellen, die eben nicht nur ein Zyniker ist, sondern auch eine zarte Seite hat, die er auf h├Âchst intelligente Weise zu unterdr├╝cken sucht.

Das Traurige, aber auch Verst├Ąndliche, das auch in dem beinahe zeitgleich in den Kinos startenden Film "Me too" zum Ausdruck kommt, ist das Gefangensein der sogenannten "Behinderten" im Normalit├Ątsdiskurs: Diese f├╝hren die Grenzziehungen fort, indem sie die gleiche Unterscheidung zwischen "normal" bzw. "gesund" und "behindert" ├╝bernehmen und f├╝r sich selbst das Zusammensein mit einem "behinderten" Menschen ausschlie├čen.
Dieses Thema wird in "Renn wenn du kannst" besonders dann angesprochen, als Ben Annika erz├Ąhlt, dass er nicht l├Ąnger mit ihr zusammen sein k├Ânnte, wenn sie aufgrund eines Unfalls von nun an im Rollstuhl sitzen w├╝rde.
Annika dagegen scheint sich losl├Âsen zu k├Ânnen von dieser k├Ârperlichen Ebene, als sie in einer Sexszene (die aufgrund ihrer Authentizit├Ąt besticht) nicht auf Bens "Behinderung" eingeht, sondern ihn mit seiner Vorstellung von Liebe konfrontiert.

Auch w├Ąhrend des ├╝brigen Films steht in der Beziehung Annikas und Christians zu Ben dessen Behinderung keineswegs im Vordergrund, sondern wird, wenn es die Situation erfordert, wie selbstverst├Ąndlich mitgetragen. Mit unverbl├╝mter Direktheit, mit Wortwitz und Charme sind diese drei ProtagonistInnen ausgestattet, die, wenn es n├Âtig wird, unumwunden "die Behinderung" thematisieren, aber doch so viel Wichtigeres zum Reden haben.

AVIVA-Tipp: "Renn, wenn du kannst" ├╝berzeugt mit seinen herausragenden HauptdarstellerInnen, die dem Film seine Authentizit├Ąt verleihen, durch seine unterhaltsamen Dialoge und nicht zuletzt durch die Leichtigkeit, mit der das Thema "Behinderung" wie nebenbei verhandelt wird. Ein Rollstuhlfahrer, sein Zivi und eine Frau mit Cello, mehr braucht es manchmal nicht f├╝r einen guten Film.

Zum Regisseur: Dietrich Br├╝ggemann 1976 in M├╝nchen geboren, beendete 2006 sein Regiestudium an der Hochschule f├╝r Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg. Sein Kurzfilm "Warum l├Ąuft Herr V. Amok?" lief erfolgreich auf zahlreichen Festivals, u.a. in der Panorama-Reihe der Berlinale 2003. Auf der Berlinale pr├Ąsentierte er 2006 auch "Neun Szenen", seinen HFF-Abschlussfilm, einen Spielfilm aus nur neun langen Kameraeinstellungen, in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino".
Zur Zeit bereitet er die Umzugskom├Âdie "Drei Zimmer, K├╝che, Bad" vor, wieder nach einem gemeinsam mit seiner Schwester Anna verfassten Drehbuch.
Dietrich Br├╝ggemann schreibt au├čerdem f├╝r das Filmmagazin "Schnitt", begleitet Stummfilme am Klavier und tritt gelegentlich f├╝r Regiekollegen als Schauspieler vor die Kamera, z. B. bei Hans-Christoph Blumenberg und Sven Taddicken.

Von Publikum und KritikerInnen schon bei seiner Welturauff├╝hrung w├Ąhrend der diesj├Ąhrigen Berlinale als Er├Âffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino gefeiert, wird "Renn, wenn du kannst" unter anderem auf folgenden weiteren Festivals pr├Ąsentiert: Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern, wo er mit mit dem Nachwuchsf├Ârderpreis der DEFA-Stiftung und den Cinestar Award ausgezeichnet wurde, Filmfest Emden-Norderney, bei dem ihm der NDR Filmpreis f├╝r den Nachwuchs verliehen wurde, Festival des deutschen Films Ludwigshafen, Shanghai International Filmfestival, World Cinema Festival Montreal, Seattle International Filmfestival und Cin├ę-Festival en Pays de Fayence in Paris.

Renn, wenn du kannst
Deutschland 2009
Kinostart: 29. Juli 2010
Regie: Dietrich Br├╝ggemann
Drehbuch: Anna und Dietrich Br├╝ggemann
DarstellerInnen: Robert Gwisdek, Anna Br├╝ggemann, Jakob Matschenz
Laufzeit: 112 Minuten
Verleih: Zorro Film

Weitere Infos zum Film sowie Interviews mit dem Regisseur und den DarstellerInnen finden Sie unter:

www.rennwenndukannst.de

Kultur Beitrag vom 28.07.2010 AVIVA-Redaktion 





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