In K√ľrbislaune - der Gang nach Canossa f√ľhrt √ľber den Wochenmarkt - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kultur
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Frauensommer 2018 - Mythos 68 WOHNE LIEBER UNGEW√ĖHNLICH
AVIVA-Berlin > Kultur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Kultur live
   Kino
   DVDs
   Veranstaltungen in Berlin
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.11.2010

In K√ľrbislaune - der Gang nach Canossa f√ľhrt √ľber den Wochenmarkt
Isabell Serauky

Es ist Herbst und damit Marktzeit. Was liegt da näher, als aus marktfrischen Zutaten ein köstliches Mahl zu zaubern. Gedacht, getan. Allein, das wahnsinnige Markttreiben habe ich gnadenlos ...



... unterschätzt und das Unheil nahm seinen Lauf.

Letzten Samstag hatte ich die super Idee, liebe Menschen mal wieder daheim zu bekochen. Fr√ľher war dieser Impuls sehr stark ausgepr√§gt und ich schwang mit Begeisterung jeden Kochl√∂ffel und Pfannenwender. Es gab damals Mitmenschen, die dieser Begeisterung angesichts der 186 Kochb√ľcher in meinem B√ľcherschrank etwas Manisches andichteten. Unbestritten ist das Equipment meiner K√ľche phantastisch. Alles ist da: Vom effizient brutzelnden Cr√®me Br√Ľl√©e Brenner, einer hochtourigen, zwei Liter fassenden Eismaschine, bis hin zum handschmeichelnden Zestenrei√üer.

Nun sollte alles mal wieder zu Ehren kommen.
Ich simste sechs Einladungen und erhielt in wenigen Minuten fl√§chendeckenden Zuspruch. Sieben hungrige M√§uler galt es nun zu stopfen. Nur womit? Es ist Herbst. Das ruft ganz klar nach K√ľrbissuppe, dann vielleicht ein lecker gef√ľlltes Rinderfilet und als Abschluss Zimtparfait mit Burgunderpflaumen.

Ein Hoch auf die saisonale K√ľche und auf zum Wochenmarkt. Berlin hat phantastische Wochenm√§rkte. Ich peilte den Markt auf dem Kollwitzplatz an. Sicher sind hier mehr TouristInnen als Verk√§uferInnen verortet, aber die N√§he des Marktes zur heimischen K√ľche ist ein nicht zu untersch√§tzendes Kriterium.

Gibt es nun etwas Sch√∂neres, als am Samstagvormittag √ľber einen Wochenmarkt zu schlendern? Alle sind in so wunderbar aufger√§umter Stimmung und haben so unendlich viel Zeit. Alles und jedes kann gewendet, erfragt, verkostet, ertastet und tiefgr√ľndig er√∂rtert werden ‚Äď der kommunikative H√∂hepunkt jeder Woche!

Nun ist es so, dass mein K√ľhlschrank eher ein Leichtgewicht ist ‚Äď Milch, Orangensaft und eine verl√§ssliche Flasche Sauvignon Blanc sind meine steten Begleiter. Vielleicht noch ein wenig Obst hier und da und fertig ist die Rundumversorgung eines Ein-Personen-Frauen-Haushaltes des neuen Jahrtausends.

An diesem sonnig herbstlichen Samstagvormittag hatte ich nun endlich mal wieder Gelegenheit, ordentlich zuzuschlagen. Meine erste Ausschau galt dem Gem√ľseh√§ndler meines Vertrauens. Ein K√ľrbis von zwei bis drei Kilo sollte es sein, Tomaten, Pflaumen und, und, und. Ich baute mich vor dem Stand auf und begann ein geduldiges Warten. Vor mir lie√ü sich eine pausb√§ckige Blondine die Vorz√ľge unterschiedlichster Steinpilzzubereitungsarten vom √ľberaus auskunftsfreudigen H√§ndler erl√§utern. Ein lebendiges Hin und Her, ein quietschiges Lachen h√ľben und dr√ľben folgten, w√§hrenddessen meine Arme, den Monster-Hokkaido-K√ľrbis umklammernd, lang und l√§nger wurden‚ĶAlle Rezepthinweise gipfelten nach einer gef√ľhlten Ewigkeit in dem allgemeinverbindlichen Mantra, "Blo√ü keine Zwiebeln dazu geben!" Irgendwann trug die Blondine dann doch tats√§chlich 300 Gramm (!!!) litauische Steinpilze stolz von dannen. Ich staunte, dass diese mickrige Ausbeute dem Frohsinn des Steinpilzvirtuosen keinen Abbruch tat. Dann war ich am Zug. Ich hievte mein orangefarbenes Monster √ľber den Tresen und verlangte meine Pflaumen, Kartoffeln und Tomaten. In nur zwei Minuten hatte ich alles beisammen und zahlte das zig-fache der blonden Sch√∂nheit. Zugegebenerma√üen schwebte ich nicht wie sie in einer Wolke der Gl√ľckseligkeit davon. Das lag schlicht daran, dass ich mich partout nicht in die F√§nge des redegewandten Gem√ľsejongleurs verwickeln lassen wollte.

In mir reifte langsam die unheilvolle Ahnung, dass mich mein lockeres, abendliches Beisammensein in einen Stress-Supergau manövrieren könnte.
Es hingen auf einmal zu viele, zu fröhliche, zu tranige und viel zu ausgeglichene Zeitgenossen auf dem Markt rum. Was wollten die alle hier? Die meisten ließen nur zufrieden ihre Blicke schweifen und schlenderten entspannt von Stand zu Stand, ohne auch nur einen klitzekleinen Kaufimpuls erkennen zu lassen!
Ich k√§mpfe mich weiter durch die gl√ľcklich, taumelnde Masse in Richtung K√§sestand. Nach einem beherzten Sprung zur Seite, um der Schussbahn eines fidel radelnden Dreij√§hrigen zu entkommen, dem immerw√§hrenden Umrunden knutschend, kuschelnder Paare und dem strammen √úberwinden der touristischen Schleichhorden erreichte ich, unterdessen stimmungsm√§√üig leicht angeknackst, den K√§setempel. Ein Hoffnungsschimmer tat sich auf, nur eine Person dr√§ngte sich noch zwischen mich und den Blauschimmelk√§se. Ich trat n√§her und das Grauen erfasste mich erneut. Allein die euphorische Stimmf√§rbung bedeutete pures Unheil: "Ich h√§tte gern eine K√§seplatte f√ľr acht Personen. Was k√∂nnen Sie mir da so empfehlen?" Meinen Hokkaido lie√ü ich dann mal vorsorglich fallen und versuchte, nicht die ganze Tiefe des sofort aufflammenden K√§sefachgespr√§chs mitzubekommen. Bereits nach zehn Minuten hatte man sich dann auch schon darauf verst√§ndigt, dass die Platte nur mit K√§se aus der Schweiz und √Ėsterreich best√ľckt werden soll‚ĶIrgendwann war ich dann dran. Keine Ahnung, wie ich die Zeit zwischen der regionalen Verortung der K√§sescheiben und dem Ausrufen meiner Bestellung √ľberlebte. Irgendwie hat es jedenfalls geklappt. "Bitte 300 Gramm von dem da" (Finger drauf). Mehr kommunikatives Pulver war nicht mehr drin. Wir verstanden uns auch so.

Was blieb war das Rinderfilet. Ich hatte mich in den letzten 60 Minuten bis zur Mitte des Marktes vorgek√§mpft. Das fleischliche Seelenheil war nur noch f√ľnf Marktst√§nde entfernt. Ich griff den Hokkaido und den Rest der Beute und schleifte alles die paar Meter hinter mir her. Am Fleischstand wartete allein die entz√ľckende Servicekraft auf mich. Ich atmete durch und verlange 1,5 Kilogramm Rinderfilet. Daraufhin bewegte sie sich keinen Millimeter. Sie setzte hingegen ihrem L√§cheln noch eins drauf: "Das tut mir leid. Aber wir f√ľhren hier kein Rinderfilet. Das kaufen doch alle im Supermarkt. Wir verkaufen hier nur besondere Fleischsorten. Wie w√§re es mit einer sch√∂nen Rinderkeule oder mal ein Filet vom Strau√ü?" Sprachlosigkeit ist eine mir v√∂llig unbekannte Eigenschaft ‚Äď sie traf mich daher mit voller Wucht. Wortlos raffte ich meine Sachen zusammen und schlug mich seitw√§rts aus dem Marktget√ľmmel.

Wie eine Oase tat sich pl√∂tzlich der Supermarkt vor mir auf. Alle meine W√ľnsche konnten hier Erf√ľllung finden ‚Äď ohne viel Gebrabbel, einfach nur n√ľchtern in den Korb gehauen. Innerhalb k√ľrzester Zeit hatte ich alles zusammen und schleppte das Zeug die drei Treppen hoch.
Ich stapelte die ertrotzte, hart erk√§mpfte und erlittene Beute auf meinen K√ľchentisch und atmete durch. Wie konnte ich nur der Illusion erliegen, dass ein monstr√∂ser Einkauf auf dem samst√§glichen Wochenmarkt ein sinnhaftes Unternehmen sein k√∂nnte? Es ist einfach unm√∂glich, in dem orientierungslosen Gewusel die uns antrainierte Effizienz anzuwenden. Langsam kletterte ich von meiner Palme runter und begann zu kochen. Die brodelnde R√ľhrseligkeit stellte auch bald wieder mein inneres Gleichgewicht her. Letztlich hatten wir einen tollen Abend mit gutem Essen.

Aber so kampflos werde ich meine Marktniederlage nicht hinnehmen. N√§chsten Samstag werde ich das Lager wechseln. Plaudernd und seelenruhig werde ich von Stand zu Stand tingeln und ganz, ganz viel Zeit im Schlepptau haben. Vielleicht kann ich dabei den einen oder anderen hektischen, d√ľnnh√§utigen Mitmenschen beobachten. Ich muss zugeben, dabei w√§re mein Vergn√ľgen offenkundig. Das g√∂nne ich mir dann einfach mal.

Die Autorin Isabell Serauky ist in ihrem anderen Leben Rechtsanwältin und hat eine Kanzlei im Berliner Prenzlauer Berg.
N√§chstes Thema: Bitte ‚Äď wer ist denn hier alt? Von den Unversch√§mtheiten des Alters.

Kultur Beitrag vom 29.11.2010 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken