Bitte - wer ist denn hier alt. Von den Unversch√§mtheiten des Alters - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kultur
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

WOHNE LIEBER UNGEW√ĖHNLICH Die Pariserin ‚Äď Auftrag Baskenland VOM BAUEN DER ZUKUNFT ‚Äď 100 JAHRE BAUHAUS
AVIVA-Berlin > Kultur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Kultur live
   Kino
   DVDs
   Veranstaltungen in Berlin
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 29.11.2010

Bitte - wer ist denn hier alt. Von den Unverschämtheiten des Alters
Isabell Serauky

Auch wenn wir uns eher am Anfang, als in der Mitte unseres Lebens f√ľhlen - auch an uns nagt das Alter beharrlich. Mit all seinen T√ľcken. Erst zaghaft und dann so unversch√§mt, dass wir es nicht mehr..



... ignorieren können. Es stellt sich nur die Frage: Wie gehen wir damit um?

Letzten Mittwoch kam ein neuer Mandant zu mir. Ich gab ihm tatkr√§ftig die Hand zum Gru√ü und geleitete ihn in mein Besprechungszimmer. Sofort erntete ich einen irritierten Blick und w√§hrend ich vor ihm her st√∂ckelte die Frage: "Sind Sie jetzt die Anw√§ltin?" Ich musste ihn mit der nackten Wahrheit konfrontieren, dass ich leider nicht das Nummerngirl sei, das ihn zu dem honorigen, dickb√§uchigen, schnauzb√§rtigen Anwalt um die F√ľnfzig f√ľhrt. Nein, ich sei es, bei der er den Rechtsrat gebucht habe. Der Typ hatte Nerven aus Drahtseilen und legte noch eins drauf: "Sie sind so jung. Haben Sie denn √ľberhaupt Ahnung?" Ich setzte mein Eisk√∂niginnenl√§cheln auf und hob an, dass ich a) Dank der Segnung der Kosmetikindustrie j√ľnger aussehe als ich bin, b) bereits die Vierziger gerissen habe und c) er nat√ľrlich ein √§lteres, m√§nnliches Anwaltsmodell jederzeit w√§hlen k√∂nne. Wir einigten uns schnell, dass das Lob an die Kosmetikindustrie generell zu mager ausfalle und wechselten z√ľgig zum eigentlichen Thema unserer Zusammenkunft.

Wenn Sie jetzt glauben, dass diese Begegnung f√ľr mich auch nur einen schmeichelhaften Moment hatte, dann irren Sie aber gewaltig! K√§mpfe ich doch gerade an allen Fronten gegen das nagende Alter. Schlafst√∂rungen sind seit Monaten mein Thema und seit kurzem kommt nun noch das Kapitel Bluthochdruck dazu. Dass man mir √§u√üerlich noch nicht den Zahn der Zeit ansieht, kann mich nicht im Mindesten milde stimmen. Die Schlafst√∂rungen sind die ersten Anzeichen der senilen Bettflucht, so die derzeit dominierende Meinung meines Umfelds. Und der Bluthochdruck √ľberrascht dann doch, da auch hier nur das fortgeschrittene Alter als Ursache angef√ľhrt werden kann. Gesunde Ern√§hrung, etwas k√∂rperliche Ert√ľchtigung und ein kaum beachtlicher Alkoholmissbrauch wird mir zumeist wohlwollend unterstellt. An einer falschen Lebensf√ľhrung kann es daher nicht liegen.

Also, es ist soweit. Die Bl√ľtezeit ist √ľberschritten und die Welkperiode beginnt. Dabei f√ľhle ich mich eigentlich verdammt jung. Jedenfalls innerlich. Ich glaube mit einer unersch√ľtterlichen Naivit√§t daran, dass f√ľr mich noch unendlich viel Zeit deponiert ist. Nahezu alles scheint mir noch planbar und machbar. Mein gef√ľhltes Lebensalter liegt so bei 25 bis 28 Jahren. Interessanterweise bleibt es seit Jahren konstant. Aber mag meine √§u√üere Schale noch durchgewunken werden und mein inneres Zerrbild funktionieren, so zwingen doch die gesundheitlichen Macken der letzten Wochen zur Konfrontation mit der Realit√§t. Und drei N√§chte mit maximal vier Stunden Schlaf in Folge lassen erahnen, an welchen Stellen die √§u√üere Schale bald anf√§ngt zu br√∂ckeln. Derzeit b√ľgelt der dann doch irgendwie erhaschte Schlaf die Dellen um die Augen noch platt. Aber die Aussicht frustriert.

Es schwant mir langsam, dass an dem Ausspruch Wahres dran sein muss: "Das Alter ist nichts f√ľr Feiglinge." Die k√∂rperlichen Befindlichkeiten dr√§ngen mit einer Unversch√§mtheit ins Bewusstsein. Und sie nehmen einen Gro√üteil meiner Gespr√§che ein. Aber zum Gl√ľck bin ich nicht allein. Ringsherum nehmen die Blessuren zu. Langsam, aber unverkennbar. Es zwickt und zwackt in meiner Generation. Sportarten werden nach Vertr√§glichkeit f√ľr Gelenke und Knochen ausgew√§hlt, Urlaubsreisen nach der geringsten k√∂rperlichen Belastung geplant und die Ern√§hrungsweise wird nicht mehr nach Kalorienwerten ausgekl√ľgelt, vielmehr lieb√§ugeln wir mit idealen Cholesterinwerten.

Mir als Pragmatikerin ist v√∂llig klar, dass gegen√ľber dem Alter jegliche Verweigerungshaltung verlorene Liebesm√ľh ist. Es wird uns, mit all seinen Wehwehchen, bald fest im Griff haben. Das einzig beruhigende an diesem Szenario ist, dass sich ihm jeder stellen muss. Die Frage ist nur wie?

Wir wollen alle alt werden, aber keiner will alt sein. F√ľr den √§u√üeren Kitt dienen uns unz√§hlige Batterien von Tiegeln, D√∂schen und Ampullen. Jeder neue Wirkstoff wird herbeigesehnt und es wird probiert, bis die Epidermis gl√ľht. Ausgestattet mit allen erdenklichen Nahrungserg√§nzungsmitteln wird jeder Tag ideal dosiert gewuppt. Und wenn dann trotzt ausgewogener Ern√§hrung, einer perfekten Work-Life-Balance und dem turbulenten Leben abgezwackter Bewegungseinheiten gesundheitliche Defizite auftauchen, dann entdeckt uns ein neuer Markt ‚Äď die Pharmaindustrie. Wir k√∂nnen uns lange hin hangeln, ohne wirklich alt zu sein.

Aber, was war eigentlich noch einmal so schlimm am Alter? Meine Gro√üm√ľtter hatten im hohen Alter etwas Starkes, W√ľrdevolles und vor allem strahlten sie eine Zufriedenheit aus, die entwaffnend war. Dennoch gab es sicher auch bei ihnen Momente, in denen die k√∂rperlichen Beschwerden mutlos machten und sie mit ihrer Abh√§ngigkeit haderten. Was sie sich jedoch immer bewahrt haben, ist die Neugier aufs Leben.

Wir k√∂nnen uns drehen und wenden wie wir wollen, wenn wir Gl√ľck haben, dann werden wir alt. Sehr alt sogar. Jede Zweite von uns wird ihren 85. Geburtstag feiern. Das einzige was wir auf diesen Weg wirklich tun k√∂nnen, ist weniger jammern und mehr an der eigenen Zufriedenheit basteln.
Und wenn ich es mir recht √ľberlege, so ein geringer Schlafbedarf hat ja auch etwas Positives. Was kann ich in all den Stunden, die mir momentan mehr zur Verf√ľgung stehen alles so erledigen ‚Äď einfach phantastisch!


Die Autorin Isabell Serauky ist in ihrem anderen Leben Rechtsanwältin und hat eine Kanzlei im Berliner Prenzlauer Berg.
Nächstes Thema: Ihr Kinderlein kommet


Kultur Beitrag vom 29.11.2010 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken