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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.02.2012

9 Leben - ein Dokumentarfilm von Maria Speth. Ab 03. Februar 2012 auf DVD
Sonja Baude

Offen und direkt erz√§hlen sieben Jugendliche vom Leben auf der Stra√üe in Berlin. Ein ber√ľhrender Film, der den Portr√§tierten Raum gibt, sich mit ihren Schw√§chen und St√§rken selbst zu positionieren.



Das erste Bild: Ein weißer Raum, darin ein Stuhl, darauf ein Mädchen, schwarz gekleidet mit Piercings im Gesicht und Tatoos auf Händen und Armen, Cello spielend - sehr schön und offensichtlich sehr begabt.
In ihrem ersten Dokumentarfilm porträtiert Maria Speth sieben Jugendliche, die eine Zeitlang in Berlin auf der Straße gelebt haben oder leben. Sie lässt die jungen Erwachsenen selbst erzählen, lässt sie selbst wählen, was ihnen erwähnenswert erscheint. Die Filmemacherin stellt kaum Fragen, nur vereinzelt hören wir aus dem Off ein vorsichtiges Nachfragen, das nie eine bestimmte Tendenz erkennen lässt, kein vorgefertigtes Bild bestätigt haben will.

Sie alle, f√ľnf junge Frauen und zwei junge M√§nner, erz√§hlen mehr oder weniger ausf√ľhrlich, mehr oder weniger eloquent von ihrer Kindheit, davon, warum sie sich einst im Alter von 12 oder 13 Jahren entschieden haben, auf der Stra√üe zu leben und wodurch dieses Leben bestimmt war. Sie erz√§hlen sehr offen von ihren Drogenabh√§ngigkeiten, ihren seelischen N√∂ten, ihrer Verletzlichkeit und ihren Hoffnungen. Auch wenn ihre Herk√ľnfte sehr verschieden sind, ist ihnen allen gemeinsam, einen Ort der Geborgenheit finden zu wollen, und dieser Ort war- trotz vieler Widrigkeiten und fern jeglicher Romantisierung - die Stra√üe und dort die Gemeinschaft mit anderen.

Entstanden ist ein differenziertes Bild von sieben sehr verschiedenen Pers√∂nlichkeiten, die teilweise sehr komplex ihre jeweilige Lebenssituation zu reflektieren verstehen. Mit Verzicht auf ablenkende Farbgebung dient ein wei√üer leerer Raum als gesch√ľtzter Ort, an dem die Jugendlichen aus ihren Leben berichten. Sie selbst treten nicht auf, sondern sind ganz selbstverst√§ndlich darin als Grau-Schwarz-Kontrast. Dieses filmische Mittel ist sehr √ľberzeugend gew√§hlt, denn es verzichtet darauf, die Jugendlichen anders verorten zu wollen, als sie es selbst kraft ihrer Erz√§hlung tun. Maria Speth nimmt keine stereotype, bilderreiche schwarz-wei√ü-Malerei vom richtigen und falschen Leben vor, keine U-Bahn-Eing√§nge mit schnorrenden Punks, keine Parkb√§nke oder sonstiges Milieu-Colorit. Gerade das artifizielle Wei√ü-Schwarz-Setting, die Abstraktion r√ľckt die Jugendlichen sehr nah an uns heran. Schonungslos wird unser Blick auf ihre Gesichter und K√∂rper konzentriert und mit ihren Berichten f√ľhren uns die Portr√§tierten weit in ihre Biografien hinein, die trotz ihrer jungen Jahre schon eine Vielzahl von Br√ľchen aufweisen.

Der Film erz√§hlt aber nicht nur von diesen Br√ľchen. Er f√ľhrt neben dem Mangel, den diese Jugendlichen litten und leiden, auch ihren gro√üen Schatz an Erfahrungen und Talenten vor Augen: die eine fotografiert, einige unter ihnen sind begabte MusikerInnen und alle sind sie sehr genaue Geschichtenerz√§hlerInnen. Sie k√∂nnten auch, und werden m√∂glicherweise in der Zukunft, noch ein anderes, ein weiteres Leben leben, denn auch sie befinden sich wahrscheinlich, ebenso wie andere Gleichaltrige, in einer Zeit des Aufbruchs.

AVIVA-Tipp: Der Dokumentarfilm 9 Leben von Maria Speth f√ľhrt uns in die Welt der Berliner Stra√üenkinder. Die Bilder dieser Welten entstehen dabei allein in unseren K√∂pfen durch die Erz√§hlungen von sieben Jugendlichen, die √ľber g√§ngige Klischees hinaus eine weite Lebensrealit√§t mit Sorgen und N√∂ten, aber auch mit St√§rken und Hoffnungen aufspannen. Maria Speth gelingt es mit diesem Film, diese Jugendlichen, die zumeist als schnorrende PunkerInnen in den Gro√üst√§dten wahrgenommen werden, wieder ein ganzes St√ľck n√§her in unsere Gesellschaft zu integrieren und ihre Abwehrhaltungen als Folge seelischer Verletzungen sehr ernst zu nehmen. Gleichzeitig zielt sie keineswegs darauf ab, bei den ZuschauerInnen Betroffenheit ob der d√ľsteren Schicksale zu evozieren, sondern f√ľhrt uns in den Portr√§ts die W√ľrde und Kraft, die Talente und die Lebendigkeit dieser Jugendlichen vor Augen.

9 Leben
Deutschland
Produktion/Buch/Regie/Schnitt: Maria Speth
Kamera: Reinhold Vorschneider
Mitwirkende: Za, Sunny, Kr√ľmel, Toni&Band "Les Petits Hotz, Soja, JJ, St√∂psel&Familie
Verleih: Peripher Filmverleih
Vertrieb: ALIVE
Lauflänge: 105 Minuten
FSK: 12
V√Ė: 03. Februar 2012
www.madonnenfilm.de/9leben.html
Empf. VK: 14,90 Euro
EAN: 9783941540446 / ISBN: 978-3-941540-44-6

Weitere Infos & Fotos zu 9 LEBEN finden Sie unter:
www.filmgalerie451.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Madonnen und In den Tag hinein - von Maria Speth


Kultur Beitrag vom 03.02.2012 Sonja Baude 





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