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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.01.2012

Das traurige Leben der Gloria S. - Ab 12. Januar 2012 im Kino
Lisa Scheibner

Das Leben einer freien Schauspielerin in Berlin kann deprimierend sein, wenn weder gute noch bezahlte Projekte aufzutreiben sind. Doch da bietet sich Gloria eine einmalige Chance, f├╝r die sie..



... allerdings eine neue Biografie braucht.

Gloria Schneider (Christine Gro├č) hat es wirklich nicht leicht. Als Schauspielerin in der Berliner Off-Theaterszene spielt sie mit ihrer Theatergruppe in bestenfalls mittelm├Ą├čigen Inszenierungen, die Proben werden durch unprofessionelles Verhalten aller Beteiligten sowie Diskussionen ├╝ber deren Befindlichkeiten erschwert. Auch das Geld ist knapp: gerade mal sieben Euro zwanzig gibt es aus der Abendgage f├╝r jede/n, ZuschauerInnen waren wieder nur wenige da.

Die erfolgreiche Filmregisseurin Charlotte Weiss (Nina Kronj├Ąger) hat ganz andere Schwierigkeiten: ihre Filme sind politisch v├Âllig uninteressant geworden und das wahre Leben ist ihr abhanden gekommen. Sie beschlie├čt, einen Film ├╝ber eine reale Biografie am sozialen Abgrund zu machen. Ihre Produzentin Margarete (Margarita Broich) ist gar nicht begeistert: "Du kannst doch wohl `ne k├╝nstlerische Krise anders bew├Ąltigen als mit `nem Dokumentarfilm!" Charlotte setzt sich durch, aber schon auf einer Erkundungsfahrt im Brennpunkt-Viertel wird ihr mulmig und sie springt mit ihren Assistentinnen schnell wieder ins Auto. Also doch lieber ein Casting. Dort treffen dann zwei zusammen, die sich perfekt erg├Ąnzen: Gloria erfindet aus dem Stegreif eine herzerweichende Story ├╝ber ihr schreckliches Leben (Knast, Vergewaltigung, schwangere Teenagertochter), Charlotte ist begeistert und macht sie zu ihrem Reality-Star. Ungereimtheiten in Glorias improvisierter Geschichte wischt sie ohne Bedenken beiseite: "so sind diese Leute".
Gloria stylt ihre Wohnung f├╝r ihre neue Rolle um, verteilt Bierflaschen und versteckt eins ihrer zwei Zimmer (denn angeblich hat sie nur eins). Sobald das Filmteam weg ist, arbeitet sie zusammen mit Brigitte (Brigitte Cuvelier), der Regisseurin ihrer Theatertruppe, an der Dramaturgie ihres erfundenen Lebens. Aber die beiden haben die Rechnung ohne ihre frustrierten SchauspielkollegInnen gemacht, denen nat├╝rlich nicht entgeht, dass es ein neues Projekt gibt, das erfolgversprechender ist als ihre lahme Euripides-Inszenierung. Sie wittern ihre Chance auf eine Rolle im gro├čen Fake und dr├Ąngen sich nach und nach ungefragt in Glorias "Biografie", was alles immer komplizierter macht. Als w├Ąre das nicht schon genug, klingelt auch noch Glorias nichtsahnende Liebhaberin Ren├ęe (Kerstin Honeit) an der T├╝r...

Parodie oder Egomanie?

Die Idee von "Gloria S." mag ein guter Stoff f├╝r eine Kom├Âdie sein, wirkt aber erschreckend Ichbezogen. Die Regisseurinnen h├Ątten einschl├Ągige Erfahrungen mit der Off-Theaterszene gemacht und w├╝ssten, wovon sie redeten, hei├čt es in der Ank├╝ndigung zum Film. Nach und nach fragt sich die Zuschauerin jedoch, ob es interessant ist, einen Film zu machen, der sich in einer ironischen Selbstreflektion ersch├Âpft.
Machen Schall und Gro├č sich ├╝ber die (im Gegensatz zu vielen anderen Menschen sehr privilegierten) SchauspielerInnen und deren nichtssagende Projekte lustig, oder wollen sie tats├Ąchlich die Brisanz einer Notsituation aufzeigen? Das wird nicht hier leider nicht klar.

Die Dialoge des Films wirken wie ungelenk improvisiert, die DarstellerInnen scheinen st├Ąndig ihre Motivationen zu erkl├Ąren und kommentieren zu oft, was sie gerade tun. Es gibt kein Vertrauen in Bilder, die etwas erz├Ąhlen k├Ânnten. Das Filmensemble hetzt zappelig durch die Geschichte und erinnert in der trashigen Spielweise extrem an Ren├ę Polleschs Theaterst├╝cke, bei denen sich die Regisseurinnen offenbar kennen gelernt haben. Doch auch Trash will gekonnt sein: was bei Pollesch in Verbindung mit informationslastigen Textbl├Âcken meist eine Mischung aus unterhaltsam und ├╝berfordernd wird, wirkt hier leider eher peinlich.

In der Problematik ├Ąhnelt der Film ein wenig Tatjana Turanskyjs "Eine flexible Frau" in dem die Regisseurin das prek├Ąre Dasein einer hochqualifizierten, aber arbeitslosen Architektin beschreibt. Das ist interessant, denn Turanskyj gr├╝ndete gemeinsam mit Gro├č und Schall die Gruppe "hangover ltd.*" und auch das Ensemble beider Filme hat einige ├ťberschneidungen. Turanskyj aber widmet sich der Komplexit├Ąt des Problems, in einer Gesellschaft zu versagen, in der angeblich jede/r "es schaffen kann". Ihr gelingt es, eine mehrschichtige Reflektion anzusto├čen und die anarchische Nicht-Perfektion des Films kann als Teil der Message gelesen werden.

An Kunst glaubt hier niemand mehr.

Die Message von "Gloria S." hingegen scheint eine zynische zu sein: im Endeffekt decken alle den Schwindel, um sich ihre Karriere nicht zu versauen. Das Business schwelgt hemmungslos in seiner eigenen Sinnlosigkeit und der Wunsch, mit Kunst etwas zu bewirken, ist auf der semi-professionellen Ebene, wie auch unter den Stars nur noch ironisch denkbar. "Da muss man halt mal radikal aufr├Ąumen mit den Sehgewohnheiten!" kommentiert Charlotte eine endlos w├Ąhrende Szene ihres Films, in der nichts passiert, au├čer dass Gloria Kaffee trinkt.

Mit keinem Wort wird erw├Ąhnt, dass es Leute gibt, die wirklich die Probleme haben, die Gloria blo├č erfindet: soziale Benachteilung, Ausgrenzung, Gewalterfahrungen. Sowohl Regisseurin Charlotte als auch die Theatertruppe machen sich letztlich dar├╝ber nur lustig. Das K├╝nstlerinnendasein scheint auch f├╝r Schall und Gro├č die einzig interessante Lebensform zu sein, in deren "Problemen" sich die Erz├Ąhlung ersch├Âpft. Viele der Mitwirkenden arbeiten allerdings, im Unterschied zu den von ihnen verk├Ârperten Figuren, erfolgreich in Theater und Film.
In Glorias Wohnung h├Ąngt ein Poster von John Cassavetes` "A Woman Under The Influence" (1974), in dem die grandiose Gena Rowlands spielt. Auch das Team um Rowlands und Cassavetes hat sich in "Opening Night" (1977) mit existentiellen Problemen einer Schauspielerin besch├Ąftigt und einen verst├Ârenden Film ├╝ber ├ängste und ein erbarmungsloses Business geschaffen, den Gro├č und Schall mit einer ihrer ersten Einstellungen zitieren. Der Name der Heldin ist ein offensichtlicher Hinweis auf Cassavetes` Film "Gloria" von 1980.
"Gloria S." wurde in Zusammenarbeit mit der Volksb├╝hne am Rosa-Luxemburg-Platz realisiert, und wie im Film findet dort auch die echte Filmpremiere statt, am Donnerstag den 12. Januar 2012 um 21 Uhr im Gro├čen Haus. Weitere Informationen, Tickets und Trailer unter: www.volksbuehne-berlin.de

AVIVA-Fazit: "Gloria S.", entstanden aus einem Projekt der Gruppe "hangover ltd.*", behandelt die Probleme einer Berliner Schauspielerin, die f├╝r eine Rolle sogar bereit ist, eine Biografie zu erfinden, die noch prek├Ąrer ist als die eigene. Die komischen Momente des Films z├╝nden nicht wirklich, sie wirken ├╝berspannt und konstruiert. Die Macherinnen des Films bebildern ironisch ihr eigenes Leben doch verharren sie dabei leider in einem relativ eindimensionalen Horizont. Es wird nicht ganz klar, ob sie eine postmodern-distanzierte Sicht auf das Leben einer Freiberuflerin angestrebt haben, mit der bewusst die Authentizit├Ąt der Figuren unterwandert wird, oder eine anarchische Screwball-Kom├Âdie, f├╝r die der Stoff durchaus Potential hat.

Zu den Filmemacherinnen: Christine Gro├č, geboren 1967, hat als Schauspielerin unter anderem mit Einar Schleef und Robert Wilson gearbeitet und ist regelm├Ą├čig in Inszenierungen von Ren├ę Pollesch zu sehen. Sie leitet Ch├Âre an verschiedenen gro├čen Theatern (u.a. am Berliner Ensemble). 2001 hat sie zusammen mit Ute Schall und anderen die Frauen-Filmgruppe "hangover ltd.*" gegr├╝ndet, f├╝r die beide als Drehbuchautorinnen und Regisseurinnen t├Ątig sind. Gro├č ist au├čerdem Darstellerin aller Filme und Performances bis 2007, w├Ąhrend Schall im gleichen Zeitraum Kamerafrau und Cutterin aller Projekte war. Ute Schall, geboren 1965, studierte angewandte Theaterwissenschaft in Gie├čen und arbeitet als Cutterin f├╝r Ren├ę Pollesch, Tim Staffel und andere. Seit 2001 ist sie Live-Kamerafrau bei Polleschs St├╝cken an der Volksb├╝hne am Rosa-Luxemburg-Platz. Dar├╝ber hinaus betreibt sie eine Firma f├╝r Filmschnitt und Sounddesign. Auf der Berlinale 2010 zeigten die beiden ihren Kurzfilm "Ich muss mich k├╝nstlerisch gesehen regenerieren" (2009), der eine Vor-Fassung von "Gloria S." ist. www.hangover-ltd.de

Das traurige Leben der Gloria S.
D 2011
Regie: Christine Gro├č und Ute Schall
Buch: Christine Gro├č, Ute Schall und Anna Kremser in Zusammenarbeit mit den SchauspielerInnen
DarstellerInnen: Christine Gro├č, Nina Kronj├Ąger, Margarita Broich, Sean Patten u.a.
Verleih: Edition Salzgeber
Laufl├Ąnge: 75 Minuten
Kinostart: 12. Januar 2012

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Ich muss mich k├╝nstlerisch gesehen regenerieren" von Gro├č und Schall bei den Berlinale Shorts 2010

Ute Schall nominiert als Cutterin f├╝r den Femina-Filmpreis 2009

Tatjana Turanskyj: "Eine flexible Frau" (2010)

Interview mit der Schauspielerin Vanessa Stern zu ihrer Performancereihe "La Derni├Ęre Crise ÔÇô Frauen am Rande der Komik" (2011)

Nicolas Wackerbarth: "Unten Mitte Kinn"

Valeria Bruni Tedeschi: "Actrices... oder der Traum aus der Nacht davor" (2007)

Kultur Beitrag vom 11.01.2012 AVIVA-Redaktion 





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