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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.01.2009

Alles fĂŒr meinen Vater - von Dror Zahavi
Margret MĂŒller

Tarek will als AttentĂ€ter in Tel Aviv die Familienehre retten, doch die ZĂŒndung klemmt. Ihm bleiben zwei Tage, in denen er seine Feinde kennen lernt und neu vor der Entscheidung seines Lebens steht.



Es ist nicht so, dass Tarek nicht mehr leben will, doch so wie es im Moment fĂŒr ihn aussieht, scheint nur noch Sterben zu helfen. In den besetzten palĂ€stinensischen Gebieten eingesperrt, ist ihm der tĂ€gliche Weg zum Fußballtraining seiner Mannschaft in Nazareth versperrt, die einzige Freiheit dahin. Sein Vater, der fast alles tun wĂŒrde, seinem talentierten Sohn diese Karriere als Fußballprofi zu ermöglichen, konnte anfangs mit schmerzvollen Gegenleistungen eine Erlaubnis der tĂ€glichen Überwindung der israelischen Grenzkontrolle erwirken. Von den Nachbarn wurde er dafĂŒr allerdings als Kollaborateur verurteilt und angegriffen. So wird auch der Alltag im Dorf zum Horror.

Des geliebten Vaters Ehre wiederherstellen, scheint das Einzige, das Tarek jetzt noch tun kann, und zwar als SelbstmordattentĂ€ter in Tel Aviv. An einem Freitag auf dem belebten Markt der Stadt ist Tarek bereit, zu sterben und möglichst viele mit sich in den Tod zu reißen. Die ZĂŒndung ist es nicht. Sie klemmt und der verwirrte Tarek findet sich fĂŒr zwei geschenkte Tage im Feindesland wieder, genug Zeit, um seine Einstellung grĂŒndlich ins Wanken zu bringen. Aus "dem Feind" werden Gesichter, wunderliche, verletzliche Menschen...denen er statt zum Todesengel manchmal zum Schutzengel wird. Er steht ganz neu vor der Entscheidung um sein Leben...- wĂ€re da nicht die Verpflichtung den Tanzim – dem militĂ€rischen FlĂŒgel der Fatah gegenĂŒber.

Die defekte ZĂŒndung ist nicht die einzige Chance, die Tarek in den folgenden 48 Stunden erhĂ€lt. Katz, der etwas störrische Elektroinstallateur bietet ihm Schlafplatz und Arbeit. Keren, die junge Ex-Orthodoxe, wird ihm trotz aller Differenzen zu einer echten Freundin. Er, der verhinderte AttentĂ€ter, erhĂ€lt echte Zukunftsperspektiven und erkennt, was sein Vater wirklich will...

Diese 48 Stunden könnten private Sternstunden der Hoffnung und VerĂ€nderung sein, neue Perspektiven tun sich auf. Das private suggerierte GlĂŒck liegt jedoch im Schatten des politischen Schicksals. Und obwohl "Alles fĂŒr meinen Vater" kein politischer Film ist oder sein will, ist dessen Aussage dies zutiefst. Politik ist in Israel und den palĂ€stinensischen Gebieten mehr als Nachrichten im Fernsehen und lebensferne Wahltage, sie ist Determinante des Alltags. Sei es das Hobby Fußball, Einkaufen auf dem Markt, das Hobby des Sohnes unterstĂŒtzen, einen eigenen Weg wĂ€hlen, die Ehre der Familie oder der Wunsch zu reisen und letztendlich die Perspektive fĂŒr das eigene Leben.

Moment des GlĂŒcks: Keren (Hili Yalon) und Tarek (Shredy Jabarin) radeln durch die Stadt.


Tarek und Keren verbindet die Einsamkeit zweier Menschen, die unter diesen UmstĂ€nden ihren ganz eigenen Weg suchen. Doch Kerens Lösung ist anders: obwohl sie einmal meint, an ihrer verworrenen Situation "explodieren zu mĂŒssen", klammert sie sich doch an das Leben - er ist es, der so gerne explodieren will und nicht kann.

Es ist ein sehr eigenes Tel Aviv, in dem der Regisseur Dror Zahavi seine Geschichte spielen lĂ€sst. Nicht das moderne, saubere Hochglanz-Tel-Aviv mit allen seinen aalglatten CafĂ©s voller Menschen, die eifrig den Krieg um sich herum vergessen wollen. Nein, Zahavi zelebriert in diesem Film die Schönheit des zweiten Hinschauens, in den vergessenen Ecken, dem UrsprĂŒnglichen, tiefer Vibrierenden der Stadt, dem schroffen Humor, dem Echten, UngeschmĂŒckten, dem Geschrei auf dem (etwas schwach nachgestellten ) Carmel-Markt. So sind auch die ProtagonistInnen einfache Menschen, die jeder fĂŒr sich ihr PĂ€ckchen tragen, aber auch das Herz am rechten Fleck, die mit sich in den Tod zu reißen fĂŒr Tarek deutlich schwerer ist, als unbekannte Feinde.

Dror Zahavi wurde 1959 in Tel Aviv geboren und studierte in den 1980er Jahren in Potsdam Film. Sein Abschlussfilm war ein Erfolg innerhalb der DDR und erhielt eine Studenten-Oskar Nominierung. Dror Zahavi wurde vor allem durch seine zahlreichen Fernsehfilme bekannt und mit dem Bayrischen und Deutschen Fernsehpreis so wie der goldenen Kamera ausgezeichnet. Mit "Alles fĂŒr meinen Vater" ist er sowohl nach Israel als auch ins Kino zurĂŒckgekehrt. Derzeit ist Dror Zahavi mit der Verfilmung der Autobiografie Marcel Reich-Ranickis beschĂ€ftigt.

AVIVA-Tipp: "Alles fĂŒr meinen Vater" rĂŒttelt an den GefĂŒhlen und einiger Grundfeste und lĂ€sst sie erst einmal nicht mehr los. ZunĂ€chst macht Tarek in kĂŒrzester Zeit eine unglaubliche Wandlung durch und muss sein Feindbild ĂŒberdenken, aber auch beim Sehen des Filmes wird stark an dem Bild eines SelbstmordattentĂ€ters gerĂŒttelt und ein Blick hinter die Fassade des Bekennervideos ermöglicht. Die dabei zahlreich aufgeworfenen Fragen finden nicht automatisch eine entsprechende, entspannende Antwort. Dror Zahavi zeigt, dass es bei den schwer wiegenden, bedrĂŒckenden Fragen oft mehrere mögliche Antworten und manchmal auch gar keine gibt. Aufgrund der StĂ€rke des Aushaltens dieser Spannung ist es nur verstĂ€ndlich, dass "Alles fĂŒr meinen Vater" von der Filmbewertungsstelle mit dem PrĂ€dikat "Besonders wertvoll" und auf dem International Filmfestival Moskau 2008 mit dem Publikumspreis fĂŒr den besten Wettbewerbsbeitrag ausgezeichnet sowie auf Filmfestivals in Moskau, Jerusalem, Hamburg, Montreal und ZĂŒrich erfolgreich prĂ€sentiert wurde.

Alles fĂŒr meinen Vater
(Original Titel: Shabat Shalom, Maradona)
Deutschland, Israel, 2008
Regie: Dror Zahavi
Produzenten Israel: Zvi Spielmann, Shlomo Mograbi
Produzentin Deutschland: Heike Wiehle-Timm
DarstellerInnen: Shredy Jabarin, Hili Yalon, Shlomo Vishinski u.a.
Verleih: Kinowelt
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
96 Minuten
Kinostart: 22. Januar 2009

Kultur Beitrag vom 16.01.2009 AVIVA-Redaktion 





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