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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.01.2011

Poll
Tatjana Zilg

Chris Kraus, Regisseur des Erfolgsfilms "Vier Minuten", ├╝berrascht mit einem historischen Melodram, das an der Lebensgeschichte der Dichterin Oda Schaefer angelehnt ist und mit seiner ...



... kompositorisch meisterhaft angelegten Bilderwucht von Beginn an tief in seinen Bann zieht.

Geheimnisvoll, innerlich bedrohlich und ├Ąu├čerlich magisch sch├Ân ist die Welt, die die 14j├Ąhrige Oda von Siering (sp├Ątere Schaefer, gespielt von Paula Beer) auf dem baltischen Gut Poll vorfindet, als sie von Berlin nach dem Tod ihrer Mutter nach Estland zieht. Ihr Vater Ebbo (Edgar Selge) lebt dort mit seiner neuen Frau Milla (Jeanette Hain) und deren Sohn Paul (Enno Trebs), der als junger Kadett bei der russischen Armee dient. Im Juni 1914, kurz vor dem Ausbruch des I. Weltkriegs, akzeptieren sich russische und baltendeutsche EinwohnerInnen noch, ab und an feiern sie ausgelassen miteinander w├Ąhrenddessen die estnische Bev├Âlkerung unterdr├╝ckt wird.

So ist die erste Szene des Filmes eine des Todes, ├╝ber welchen die Beteiligten kein gro├čes Aufheben machen. Russische Reiter n├Ąhern sich dem auf Stelzen im Meer gebauten und eine d├╝stere Stimmung ausstrahlenden Haupthaus des Gutes. Sie werfen Leichen ab, die Ebbo merkw├╝rdig erfreut im Empfang nimmt. Nach der ├ťberblendung zur Ankunft Odas, die mitsamt dem Sarg ihrer Mutter per Kutsche eintrifft, ver├Ąndert sich die Stimmung f├╝r einen kurzen Moment. Z├Ąrtlich begr├╝├čt ihr Vater sie, dann wird auch diese Szene zerrissen durch Gewalt und Todesn├Ąhe, als der Sarg auf den Verwalter Mechmershausen schlittert und ihn schwer verletzt. Der Vater bleibt seltsam distanziert, aber flickt seinen Angestellten sp├Ąter auf dem K├╝chentisch wieder zusammen.

Abgr├╝nde der Vaterfigur

Chris Kraus entschied sich w├Ąhrend des Filmschnitts f├╝r eine Off-Stimme durch Oda und so schildert sie ihre Ankunft in poetisch mitrei├čender Sprache und f├╝hrt mit sanfter Gewalt an den furchterregenden Beruf ihres Vaters heran: Erst bezeichnet sie ihn als K├╝nstler, in Wirklichkeit ist er Mediziner, l├Ąngst ausgeschlossen aus anerkannten Fachkreisen: Er schneidet gekaufte Leichen auf, um das menschliche Gehirn zu erforschen und ein fadenscheiniges Fundament zur "Rassenkunde" zu legen, die zur "Begr├╝ndung" f├╝r die Nazi-Verbrechen herangezogen und sp├Ąter als wissenschaftlich falsch und irrelevant belegt wurde. Oda versteht zun├Ąchst mit kindlicher Naivit├Ąt und Neugier nicht, worauf die akribischen "Forschungen" ihres Vaters hinauslaufen, bewundert ihn und l├Ąsst sich sogar an manchen Tagen in die Technik einweihen. Das Einleben auf dem Gut f├Ąllt ihr nicht leicht, die Trauer um die Mutter wiegt schwer.
Paul sucht ihre N├Ąhe, ganz anders in der Art als sie, weniger intelligent, eher ungelenk und knabenhaft verspielt, weist Oda ihn aber ab. Zur Stiefmutter ergeben sich nach kurzem anf├Ąnglichen gegenseitigen Misstrauen Anfangspunkte f├╝r eine gute Beziehung, verhindert jedoch durch eine heftige Krise zwischen Ebbo und Milla, als deren Daueraff├Ąre mit dem Verwalter Mechmershausen offenkundig wird.

Spontaner Ausbruch aus dem vorgegebenen Lebensverlauf

Der Weg der jungen Oda, aus diesen Vorbedingungen auszubrechen, zu sich selbst zu finden, Haltung zu gewinnen und sehr pers├Ânliche erste Schritte zu einem inneren und ├Ąu├čeren Widerstand zu gehen, sind die gro├čen Themen von "Poll", umgesetzt in der Verbindung einer Vater-Tochter-Geschichte, die wie ein zentrierter Ausschnitt aus einer Familiensaga wirkt, und einer Liebesgeschichte, die der emotionalen Dichte von Romeo und Julia Konkurrenz macht.

Eines Nachmittags entdeckt Oda in einem etwas abgelegenen, verfallenen Lagerhaus einen schwer verletzten Esten (selbst gew├Ąhltes Pseudonym "Schnaps", gespielt von Tambet Tuisk). Sie verspricht, ihn w├Ąhrend seiner Genesung zu versorgen, obwohl er sich als gesuchter estnischer Anarchist offenbart und ihr bewusst ist, dass ihre Familie au├čer sich sein w├╝rde, wenn sie von ihrem B├╝ndnis mit dem Versteckten erfahren w├╝rde. Nachmittage mit zartem Umsorgen, langen und gehaltvollen Gespr├Ąchen und exklusivem Theaterspiel und Tanz zu zweit folgen, bis die Ereignisse in einem hochtragischen Showdown enden. In dessen Verlauf wird auch das Grauen der Anfangsszenen aus einem differenzierteren Blickwinkel neu aufgew├╝hlt und Gef├╝hle der Trauer, Wut, ├ärger und Rebellion gegen diesen verachtenden Umgang mit Menschen transzendieren von der Leinwand in die Seele des Kinopublikums. Denn Chris Kraus und seinem hervorragenden Filmteam gelang es jede Sekunde glaubhaft, intensiv und tiefgr├╝ndig, zugleich unterhaltsam und spannend zu gestalten.

"Subjektive Genauigkeit" als Qualit├Ątsmerkmal f├╝r den historischen Film

Der Regisseur selbst spricht von einer "subjektiven Genauigkeit", gefragt nach der Bedeutung von Detailtreue bei der Produktion historischer Filme: "Ganz banal gesagt: So genau wie m├Âglich. Aber Genauigkeit hat beim Film sehr viel mit Subjektivit├Ąt zu tun. Wer einen historischen Film macht, mu├č zumindest die Zeit ernst nehmen, in der dieser Film spielt. Die Zeit mu├č glaubhaft, in sich konsistent sein. Daf├╝r brauche ich Genauigkeit. Gar nicht mal objektive Genauigkeit, subjektive Genauigkeit reicht. ... Niemand wei├č, wie es damals wirklich gewesen ist. Du hast Kost├╝me, Gesten, Bauten, die du alle nicht mehr an der Gegenwart pr├╝fen kannst, du hast eine k├╝nstliche Spielfilmhandlung, der sich die Fakten an irgendwelchen Stellen unterwerfen m├╝ssen. Also mu├č man, um kein Karnevalsgef├╝hl aufkommen zu lassen, ganz subjektiv Behauptungen aufstellen, wo man erkl├Ąrt: Ab hier, ab diesem Punkt, ziehen wir eine Linie. Ab hier gilt das Gesetz der totalen Penibilit├Ąt." (Quelle: Presseinfo Piffl Medien)

Dieses Konzept geht gut auf, frau f├╝hlt sich unmittelbar versetzt in eine Zeit, die fast hundert Jahre zur├╝ckliegt, jedoch ohne den Aufbau einer inneren Distanz. Vielmehr f├Ąllt die Identifikation mit den Charakteren leicht und das mit dem Bayerischen Filmpreis 2010 pr├Ąmierte Szenenbild von Silke Buhr entwickelt schnell eine Sogwirkung, die Zeitbegrenzungen vergessen l├Ąsst.

Die Horrorfilm-angehauchte Geschichte um den Vater mit seinem verdeckt grausamen Beruf und die tragische Intensit├Ąt der Begegnung mit dem Anarchisten verwundern, solange frau davon ausgeht, dass es sich um tats├Ąchliche Erlebnisse aus der Biografie von Oda Schaefer handelt.
Bei genauerem Erkunden ist zu erfahren, dass auch hier subjektive Verfremdungen vorgenommen wurden: Der Vater war ein Journalist, keinesfalls selbst forschender Rassenkundler, aber ├╝berzeugter Nationalsozialist wie auch der Gro├čteil der Familie von Oda Schaefer. Der Vater beging nach Kriegsende 1918 Selbstmord, andere Familienmitglieder waren sp├Ąter, im "Dritten Reich", regimetreu. Die wahre Oda Schaefer distanzierte sich fr├╝h von ihrer Familie, studierte Malerei, Gebrauchsgraphik und Literatur, heiratete den Maler Albert Schaefer-Ast, nach der Scheidung den Schriftsteller Horst Lange und ├╝berlebte die Nazi-Zeit in Gegnerschaft zum Regime und "innerer Emigration". Der wahre Kern der Geschichte liegt darin, dass Oda Schaefer als Teenager einige Wochen auf dem Gut Poll verbracht hat und ├╝ber die Erlebnisse dieser Zeit in ihrer Autobiografie "Auch wenn du tr├Ąumst, gehen die Uhren" geschrieben hat. Sie ist zudem eine Verwandte von Chris Kraus, von der er erst w├Ąhrend seines Geschichtsstudiums per Zufall erfuhr, da sie in der Familie als Au├čenseiterin behandelt wurde.

Chris Kraus: "Was vor allem abweicht, was absolut erfunden ist, ist eigentlich das Herz der Liebesgeschichte, also die Geschichte von Schnaps. Oda Schaefer hat in ihren Erinnerungen ├╝ber die Zeit in Poll eine Leerstelle gelassen. In dieser sehr romantisch gef├Ąrbten Autobiographie der Autorin war der Eros des Sommers 1914 nur angedeutet. Den habe ich mit der Einf├╝hrung von Schnaps vervielfacht, nat├╝rlich wurde damit auch die Dramatik des Geschehens vervielfacht. Diese Figur war zus├Ątzlich eine g├╝nstige Gelegenheit, eine Motivation f├╝r die sozialistische Weltanschauung anzubieten, f├╝r die Oda Schaefer Zeit ihres Lebens empf├Ąnglich blieb. Obwohl sie nie ein wirklich politischer Mensch war. Dazu war sie viel zu versponnen, auch zu selbstbezogen, in jeder Hinsicht eine ├ästhetin. Sie hat meines Wissens nie einen dezidiert politischen Text geschrieben." (Quelle: Presseinfo Piffl Medien)

"Poll" erhielt bereits etliche Auszeichnungen: Beim Internationalen Filmfestival Rom 2010 den Spezialpreis der Jury (Beste Regie, beste Filmmusik), drei der Bayerischen Filmpreise 2010 (Edgar Selge, Paula Beer, Schauspiel, Silke Buhr, Szenebild), beim Tallinn Black Nights Film Festival 2010 die Beste Regie und die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) vergab das Pr├Ądikat Besonders wertvoll.

AVIVA-Tipp: Der Film fesselt und l├Ąsst 133 Minuten lang die Aufmerksamkeit nicht mehr los, geschickt laufen die Handlungsf├Ąden auseinander und verflechten sich wieder. Das aufr├╝ttelnde Ende stiftet zum eindringlichen Nachdenken ├╝ber Klassenunterschiede und Klassenkampf, HeldInnentum, Wagemut und Mut an und entfacht den Gerechtigkeitssinn neu in den Herzen. Ein Nachteil ist, dass fiktive und wahre Anteile nicht klar erkennbar ineinander verflie├čen, welches teils f├╝r Verwirrung sorgt. Die Vorstellung, ein Mensch h├Ątte real genau wie Ebbo gehandelt und gearbeitet, ist allzu be├Ąngstigend.
Urspr├╝nglich plante Chris Kraus Schlussszenen, in denen Oda Schaefer im Alter auf diese Jugendphase zur├╝ckblickt, dies fiel leider beim Schnitt weg. Schade, denn so w├Ąre die wahre Person der Oda Schaefer greifbarer geworden.

Poll
Deutschland, ├ľsterreich, Estland 2010
Buch und Regie: Chris Kraus
DarstellerInnen: Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Jeanette Hain, Richy M├╝ller
Szenenbild: Silke Buhr
Kamera: Daniela Knapp
ProduzentInnen: Alexandra Kordes, Meike Kordes
Laufl├Ąnge: 133 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Filmstart: 03.02.2011

Weitere Infos finden Sie unter:
www.poll-derfilm.de


Kultur Beitrag vom 30.01.2011 AVIVA-Redaktion 





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