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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 12.03.2009

Hilde
Tatjana Zilg

Ihr Name ist bis heute unvergessen, doch wer war Hildegard Knef jenseits ihres grĂ¶ĂŸten Hits "FĂŒr mich sollÂŽs rote Rosen regnen"? Der Film von Kai Wessel gibt leider entgegen den Erwartungen ...



... keine ausreichende Antwort.

Heike Makatsch gelingt es zwar, "den ersten deutschen Nachkriegsstar" perfekt zu verkörpern: Gestik, Mimik, die prĂ€gnante Artikulation, das aufbrausende Temperament, die unglaubliche Ausstrahlung - dies alles springt im ersten Moment ĂŒber, in dem die beliebte Schauspielerin aus dem deutschen Film der Gegenwart als Hildegard Knef auf der Leinwand erscheint. Aber wer hofft zu erfahren, wie es zu dem großen Ruhm der 1925 geborenen UFA-Schauspielerin, Hollywood-Karrieristin, Broadway-Akteurin, SchlagersĂ€ngerin und Schriftstellerin kam, wird das Kino am Ende enttĂ€uscht verlassen. Der Film wirft weitaus mehr Fragen auf, als er beantwortet. Seine Schwerpunktsetzung liegt auf Ă€ußeren Gegebenheiten und auf der Beziehungsdynamik zu Hildes jeweiligen Partnern, wogegen ihre kĂŒnstlerische Arbeit wenig gezeigt wird. Das Drehbuch basiert vor allem auf der Autobiografie "Der geschenkte Gaul", die 1970 erschien und die romanhafte ZĂŒge trĂ€gt. Dennoch umfasst der Film "Hilde" nur deren Leben von 1943 bis 1966, wodurch der Schreibprozess an der Autobiografie kaum thematisiert wird, obwohl der Wahrheitsgehalt nach der Veröffentlichung besonders in Bezug auf die Ereignisse in Nazideutschland angezweifelt wurde.

Die Dramaturgie des Filmes nutzt als Ausgangs- und Endpunkt das ausverkaufte Konzert in der Berliner Philharmonie 1966: Die umjubelte Ankunft am Flughafen Tempelhof und das Lampenfieber in der KĂŒnstlergarderobe werden eindringlich inszeniert.
Das weckt die Neugierde und lĂ€sst gespannt sein auf den weiteren Verlauf des Biopics, das nun ins Jahr 1943 zurĂŒckblendet: Die junge Hilde bewirbt sich an der Schauspielschule in Babelsberg - gegen den Willen ihrer Mutter Frieda Knef (Johanna Gastdorf), die ohnehin vor allem mit der bevorstehenden Evakuierung der Familie beschĂ€ftigt ist. Die UFA-Lehrerin Else Bongers (Monica Bleibtreu) ĂŒberzeugt die Mutter zur Einwilligung in die Ausbildung der Tochter mit dem Hinweis, dass Göbbels persönlich Hilde fĂŒr Film und Theater im Dritten Reich gewinnen möchte und sie als "deutsches MĂ€dchen in Reinkultur" bezeichnet habe. Die leichtgĂ€ngige Darstellung dieser Ereignisse in Kai Wessels Biopic löst erste Skepsis und Unbehagen aus.

Leider folgt nun kein Einblick in die Arbeit an der UFA-Schule zu dieser Zeit. Das Drehbuch des Films interessiert sich vielmehr dafĂŒr, wie sich Hilde in eine bis zum Kriegsende andauernde AffĂ€re mit dem Nazi-Film-Dramaturgen Ewald von Demandowsky (Anian Zollner) stĂŒrzt, der unter anderem fĂŒr die Filmzensur zustĂ€ndig war. Die SchauspielschĂŒlerin beginnt ihre Beziehung mit dem verheirateten Mann, nachdem sie Zeugin wurde, wie er einen Film von Hans Albers aufgrund seiner angeblichen demoralisierenden Wirkung auf den Index setzte. Der Film "Hilde" reißt Themen an, die von hoher KomplexitĂ€t sind, handelt sie dann verkĂŒrzt ab und lĂ€sst die Knef plötzlich nach einer Kriegsfilm-Episode, wo sie als Soldatenjunge kĂ€mpft, im zerbombten Nachkriegs-Berlin auftauchen. Sie findet relativ schnell zurĂŒck zum Theater und glĂ€nzt bald in einer Hauptrolle. Der neu eingesetzte UFA-Chef Erich Pommer (Hanns Zischler) wird auf sie aufmerksam und ĂŒberzeugt sie, bei der ersten großen Nachkriegs-Produktion "Die Mörder sind unter uns" mitzuwirken. Die Verhöre zu ihrer Position an der Seite von Demandowsky werden angeschnitten, jedoch in fast nur einem Satz abgehandelt: "Wir haben nie ĂŒber Politik geredet, nur ĂŒber Kunst." Wie solche GesprĂ€che im Kontext eines totalitĂ€ren Regimes, das den Begriff der "entarteten Kunst" verwandt hat, ausgesehen haben könnten, bleibt der ImaginationsfĂ€higkeit der KinogĂ€ngerInnen ĂŒberlassen. Dabei hĂ€tte die Autobiografie durchaus mehr Material geboten, um der Frage nachzugehen, wie der Alltag gegen Ende des Dritten Reichs aussah und wie sich die UFA danach weiterentwickelt hat. Allein das Melodram "Die Mörder sind unter uns" (1946) hĂ€tte Antworten aufweisen können. Aber dessen Inhalt bleibt in "Hilde" verborgen. Stattdessen folgt dem Trailer direkt die Exekution von Demandowsky durch das russische MilitĂ€r, was zu einer zweifelhaften filmischen Suggestion fĂŒhrt.

Auch im weiteren Verlauf des Films wird nicht erkennbar, worin die große Wirkung von Hildegard Knef bestand. An der Seite ihres ersten Ehemanns, dem jĂŒdisch-amerikanischen Offizier Kurt Hirsch (Trystan PĂŒtter), reist sie bald nach der Premiere von "Die Mörder sind unter uns" nach Amerika aus. Dort erhĂ€lt sie trotz Hollywood-Vertrag nur wenige Nebenrollen und entschließt sich deshalb nach Deutschland zurĂŒckzukehren, wo sie ihre skandalumrankte Hauptrolle in "Die SĂŒnderin" (1951) annimmt. Leider erfĂ€hrt man wieder nur wenig ĂŒber den Film an sich, außer dass durch die Nacktszene die Moralvorstellungen der 1950er Jahre stark ĂŒberfordert wurden. Es wird keine Möglichkeit gegeben, den Film in seiner Vorreiterposition im Aufbruch von filmischen Tabus zu verstehen. Stattdessen wird chronologisch das weitere Ă€ußere Auf und Ab ihrer Karriere nachverfolgt: Der große Durchbruch in Amerika, der langjĂ€hrige Erfolg am Broadway, die erste kĂŒnstlerische Krise mit dem Wunsch nach anspruchsvolleren Rollen, die Auszeichnung mit dem Deutschen Filmpreis, der Beginn ihrer Liebe zu ihrem spĂ€teren zweiten Ehemann David Cameron (Dan Stevens), die verbale Hetzjagd durch die Boulevard-Presse, die Entdeckung ihres Talents als Chanson-SĂ€ngerin und -Texterin.

AVIVA-Fazit: Das Filmteam gehört einer anderen Generation an als diejenigen, die Wirkung und Weltruhm der Knef ohnehin sofort aufgrund des eigenen Miterlebens einordnen können. Kai Wessel und sein Cast erklĂ€ren in Interviews, dass sie sich durch die filmische Arbeit dem "ersten deutschen Nachkriegsstar" um einiges nĂ€hergekommen fĂŒhlen - fraglich ist, ob sich dies auf das Kinopublikum ĂŒbertragen wird.

Die Autobiografie "Der geschenkte Gaul" erscheint neu in einer von Heike Makatsch gelesenen Hörbuch-Version:
Hildegard Knef - Der geschenkte Gaul
AuszĂŒge - Gelesen von Heike Makatsch

ISBN: 978 - 3 - 941378 - 19 - 3
Edel-Verlag, VÖ Februar 2009, 4 CDs, 19,90 Euro

Das Album zum Film:
Heike Makatsch singt Hildegard Knef

Sieben Titel aus der Original-Filmversion plus sieben weitere Knef-Songs
Musikalische Begleitung: WDR Big Band
Label: Warner Bros, VÖ Februar 2009

Hilde
Deutschland 2009
Verleih: Warner Bros
Regie: Kai Wessel
Drehbuch: Maria von Heland
DarstellerInnen: Heike Makatsch, Dan Stevens, Monica Bleibtreu, Michael Gwisdek, Hanns Zischler, Anian Zollner, Trystan PĂŒtter, Johanna Gastdorf, Silvester Groth, Roger Cicero
LauflÀnge: 136 Minuten
Kinostart: 12. MĂ€rz 2009

Der Film im Netz: wwws.warnerbros.de/hilde


Kultur Beitrag vom 12.03.2009 AVIVA-Redaktion 





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