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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.10.2009

Die Päpstin
Tatjana Zilg

Die deutsche Film-Riege behauptet erneut ihren Platz auf dem Weltmarkt. S√∂nke Wortmann f√ľhrte Regie bei der internationalen Gro√üproduktion, f√ľr die der Millionenbestseller von Donna W. Cross ...



... adaptiert wurde. Der historische Roman um eine au√üergew√∂hnliche Frauenpers√∂nlichkeit, die nach einem bewegten Lebensweg in Rom des Jahres 843 im M√§nnergewand zur P√§pstin gew√§hlt wurde, sorgte f√ľr hei√üe Diskussionen um den Realit√§tsgehalt.

Ob es im dunklen Mittelalter eine P√§pstin gab oder nicht, wird wohl nie vollends gekl√§rt werden k√∂nnen. Denn so wie es die amerikanische Autorin beschreibt und recherchierte, wurden die Spuren schnellstens verwischt. Das leuchtet ein. Wenn es in einer patriarchalen Zeit, in der Frauen keinerlei Rechte hatten, eine Frau zur P√§pstin gebracht hat, muss das Interesse gro√ü gewesen sein, dass dieser vermeintliche Fauxpas rasch wieder vergessen und f√ľr die Nachwelt aus der Geschichte gestrichen wurde.

So endet auch die Verfilmung mit Szenen von der Erstellung der Papst-Chroniken: Ein ehemaliger Erzfeind der P√§pstin schreibt mit gro√üer Genugtuung die letzten Seiten der offiziellen Version, in der Johannes Anglicus aka Johanna von Ingelheim vollkommen unerw√§hnt bleibt und die weltweite Verbreitung finden wird. Nur eine einzige Gegenversion soll es gegeben haben, verfasst von der Gelehrten Arndeta, die als junges M√§dchen der zuk√ľnftigen P√§pstin begegnet war und die sich sp√§ter ebenfalls als Mann ausgab, um an Bildung und Wissenschaft teilhaben zu k√∂nnen.
Die Realit√§t best√§tigt dies: HistorikerInnen sehen nur wenig Indizien daf√ľr, dass ein solch ungew√∂hnliches Ereignis wie die Inthronisation einer Frau als Papst stattgefunden haben k√∂nnte.

Aber im Grunde ist es nicht so wichtig, ob die Geschichte um die P√§pstin der Wahrheit entspricht. Die Imagination "Was w√§re, wenn" ist interessant genug. Wer sich mit der Weltgeschichte besch√§ftigt, st√∂√üt sp√§testens im 19. Jahrhundert darauf, dass die Pers√∂nlichkeiten, die als weltver√§ndernd in die Geschichtsb√ľcher eingingen, fast immer m√§nnlich sind. Der Gedanke, dass eine Frau sich w√§hrend des Fr√ľhmittelalters - allen sozialen Fesseln zum Trotz - einen Platz ganz oben in der Machthierarchie erobert haben k√∂nnte, macht das Genre des Historienfilms auf neue Art reizvoll.

Das Filmteam unter der Regie von S√∂nke Wortmann ("Der bewegte Mann", "Das Wunder von Bern", "Kleine Haie") bedient sich gekonnt der klassischen Stilmittel eines abendf√ľllenden Historienfilms. Das High-Budget-Projekt ist detailreich ausgestattet und wurde im burgenreichen Sachsen-Anhalt, in der Eifel und im marokkanischen Ouarzazate (f√ľr einen Gro√üteil der Rom-Szenen) gedreht.

Inmitten eines internationalen Casts spielt Johanna Wokalek ("Barfuss", "Der Baader Meinhof Komplex") die Hauptrolle, f√ľr die sie sich nicht nur ins Mittelalter versetzen musste, sondern auch in m√§nnliches Auftreten. Johanna von Ingelheim w√§chst als Tochter eines angels√§chsischen Dorfpriesters (Iain Glen) und einer heidnischen Mutter (J√∂rdis Triebel) in √§rmlicher Umgebung auf. Fr√ľh keimt in ihr eine gro√üe Wissbegierde auf, die jedoch vom Vater rabiat zur√ľckgewiesen wird. W√§hrend ihre beiden Br√ľder Schreiben und Lesen lernen d√ľrfen, gilt dies f√ľr ein M√§dchen als unnat√ľrlich. Fast wird sie von ihrem Vater zur Strafe f√ľr ihren Bildungsdurst zu Tode gepr√ľgelt. Ein griechischer Gelehrter (Edward Petherbridge als Aesculapius) unterrichtet die Kinder und so dringt ihre Hochbegabung bis zum Bischof vor, der sie auf die Domschule berufen m√∂chte. Gegen den Willen des Vaters tritt sie gemeinsam mit ihrem Bruder Johannes die Reise an.

Als einziges M√§dchen ist sie an der Domschule viel Spott und Hohn ausgesetzt. Immer wieder wird ihr gesagt, einem M√§dchen stehe es nicht zu, Wissen zu erwerben und sich im logischen Denken zu √ľben. Doch sie findet auch F√ľrsprecher, die von ihrer Intelligenz, Wortgewandtheit und Charme begeistert sind. Der Graf Gerold (David Wenham, "Herr der Ringe") nimmt sie in seine Familie auf. Als Johanna zu einer au√üergew√∂hnlichen jungen Frau herangewachsen ist, verliebt er sich in sie, was seine Ehefrau Richild (Claudia Michelsen) zutiefst ver√§rgert. In Abwesenheit von Gerold, der sich einem Kriegszug des Kaisers (Alexander Held) gegen die Normannen angeschlossen hat, versucht sie, Johanna zwangszuverheiraten. Ein √úberfall auf die Stadt zerschl√§gt das Vorhaben.

Nur Johanna √ľberlebt. Unter der Identit√§t ihres verstorbenen Bruders sucht sie im Kloster bei Fulda Zuflucht und wird dort zu einer Heilerin ausgebildet. Die Furcht vor der Entlarvung ihrer vorgegebenen M√§nneridentit√§t bleibt ihr st√§ndiger Wegbegleiter. Nach einigen Jahren kann sie die Tarnung nicht mehr aufrechterhalten und muss allein auf sich gestellt weiterziehen. Es gelingt ihr, bis nach Rom zu pilgern, wo sie zum Leibarzt des an Gicht kr√§nkelnden Papstes Sergius (Hollywood-Ikone John Goodman) berufen wird. Bald wird sie in die Intrigen einbezogen, die in der obersten Kirche um Macht, Ansehen und Reichtum ranken. Auch der Kaiser neidet dem Papst die Macht und zieht in Rom mit seinem Heer ein. Gerold ist noch in seinen Diensten und so finden die beiden Liebenden wieder zueinander. Aber Johanna wird unerwartet nach dem Tod des Papstes das h√∂chste Amt angetragen. In der Hoffnung, die Welt ver√§ndern zu k√∂nnen, l√§sst sie sich inthronisieren. Gerold bleibt als Leibgardist an ihrer Seite, doch sie k√∂nnen dem Verh√§ngnis nicht entkommen und "Die P√§pstin" endet hochtragisch.

AVIVA-Tipp: Der Lebensweg der Johanna von Ingelheim w√ľhlt die Seele auf. Viele Zuschauerinnen, die heute in der Lebensmitte stehen, werden sich daran erinnern, dass es auch im letzten Jahrhundert nicht immer √ľberschw√§nglich aufgenommen wurde, wenn sie sich wissbegierig und leistungsstark zeigten. Der 148 min√ľtige Film belohnt die Ausdauer mit einem Kinoabend voller Identifikationsmomente, einem brennend-spannenden Handlungsverlauf, fantastisch guten Bildern und einem Verehrer, der sich mehr als sehen lassen kann und bis in der letzten Minute zur geliebten Heldin steht. Hineingehen und genie√üen! Aber Taschent√ľcher und Popcorn nicht vergessen!

Die Päpstin
Deutschland/England 2009
Regie: Sönke Wortmann
Buch: Heinrich Hadding, Sönke Wortmann, nach dem Roman von Donna Woolfolk Cross
DarstelleInnen: Johanna Wokalek, David Wenham, John Goodman, Edward Petherbridge, Iain Glen, Edward Petherbridge, Anatole Taubman, Claudia Michelsen
Länge: 148 Minuten
Verleih: Constantin Film
Kinostart: 22. Oktober 2009
FSK ab 12 Jahren

Der Film im Netz: www.paepstin.film.de


Kultur Beitrag vom 22.10.2009 AVIVA-Redaktion 





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