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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.10.2010

In ihren Augen
Tatjana Zilg

Der argentinische Film "El Secreto Ojos de Sus" wurde 2010 mit dem Oscar fĂŒr den "Best Foreign Language Film" ausgezeichnet und ĂŒberzeugt durch die raffinierte Steigerung eines anfĂ€nglich ...



... nĂŒchtern gehaltenen, soziozynischen Krimis zu einem hochemotionalen Mix aus Thriller, Film Noir, zeitgeschichtlichem Drama und zarter Liebesgeschichte.

Der Blick zwischen zwei Jugendlichen auf einem alten Foto liefert einen entscheidenden Hinweis fĂŒr die ÜberfĂŒhrung eines Sexualmörders. Der Fall gestaltet sich fĂŒr den aufklĂ€renden Justizangestellten vor allem deshalb kompliziert, da seine Behörde nur ein geringes Interesse daran erkennen lĂ€sst, den tatsĂ€chlichen TĂ€ter zu finden.

Blicke spielen in dem Meisterwerk des Regisseurs Juan JosĂ© Campanella auf vielen Ebenen eine tragende Rolle: So wird an dieser Stelle ein Blick zum VerrĂ€ter des inneren psychopathischen Begehrens auf eine unerreichbare Frau. An anderer Stelle wird einem Todeskommando der Blick auf die Fotos des besten Freundes verwehrt, um diesen bis zur Selbstaufgabe zu schĂŒtzen. Und wieder andere Blicke spiegeln die Konflikte zwischen der inneren Welt des Individuums und Ă€ußeren Begrenzungen in einem restriktiver und korrupter werdenden Gesellschaftssystem. Ursprungspunkt fĂŒr die Handlung ist das Argentinien Anfang der 1970er Jahre kurz vor dem MilitĂ€rputsch.

Dies deutet auf die Vielschichtigkeit eines Films hin, der auf leise Art seine ZuschauerInnen empfĂ€ngt, indem er den Hauptprotagonisten Benjamin EspĂłsito (Ricardo DarĂ­n) wĂ€hrend seines Alltags am Gericht in Buenos Aires beobachtet, seinen treuen und chaotischen Freund und langjĂ€hrigen Kollegen Pablo Sandoval (Guillermo Francella) einfĂŒhrt und den Beiden ihre neue Chefin Irene MenĂ©ndez Hastings (Soldedad Villamil) vorstellt.
Schnell ist ersichtlich, dass Espósito sich in die StaatsanwÀltin verliebt hat, aber keine Mittel findet, ihr dies adÀquat zu zeigen.

Dilettantischer Mut

UnspektakulĂ€r leitet der Film daraufhin ĂŒber in die eigentliche Kriminalgeschichte, als in dem Distrikt ein Sexualmord geschieht und die polizeilichen Untersuchungen beginnen. Nach einer schnellen, aber falschen Festnahme zweier auslĂ€ndischer Handwerker gerĂ€t die AufklĂ€rung ins Stocken. EspĂłsito fĂŒhrt GesprĂ€che mit Ricardo Morales, dem Ehemann der Ermordeten, und blĂ€ttert mit ihm gemeinsam alte Fotoalben durch. Einen Bekannten aus der Jugendzeit nimmt er schĂ€rfer ins Visier, da dieser das spĂ€tere Opfer mit einem dĂŒster-begehrlichen Blick betrachtet. UnterstĂŒtzung von seiner Behörde erhĂ€lt er nicht, so dass er in einer Don Quichotte-Aktionskette eine DienstĂŒberschreitung nach der anderen begeht bis es ihm gelingt, den verdĂ€chtigen TĂ€ter verhören zu können. Mit einigen Psychotricks gelingt es ihm gemeinsam mit seiner Chefin tatsĂ€chlich, das GestĂ€ndnis aus dem TĂ€ter hervorzulocken.

Ängstliche Resignation oder innerer Wille zur aktiven VerĂ€nderung?

Doch dann die Erkenntnis: Die offizielle Justiz hat kein Interesse daran, den TĂ€ter angemessen zu bestrafen und dem Hinterbliebenen Vergeltung zu gewĂ€hren. Stattdessen ist der TĂ€ter nach kurzer Zeit wieder auf freiem Fuß, da er eine Funktion innerhalb des herrschenden politischen System einnimmt. Als EspĂłsito das hinterfragt, muss er bald erkennen, dass er sich dadurch hochgradig selbst und zugleich seinen besten Freund gefĂ€hrdet. Er trifft eine Entscheidung, die er 25 Jahre spĂ€ter aus dem Ruhestand heraus neu hinterfragt, als er einen Roman ĂŒber den Fall Morales beginnt.

Der emotional tiefergehende Teil des Filmes beginnt, als EspĂłsito die verbleibenden Spuren der damaligen Ereignisse in der Gegenwart neu aufnimmt. FĂŒr die Handlung erhĂ€lt die Bedeutung der Erinnerung nun ein wesentliches Gewicht und der Fokus richtet sich auf die Nachverfolgung des inneren Wandlungsprozesses von EspĂłsito. Erst nach der langjĂ€hrigen Erfahrung des RĂŒckzugs findet er zu seinen ureigenen Werten zurĂŒck und handelt nun aktiv und effektiv. Cineastisch besonders gelungen ist hierbei, dass viele ZusammenhĂ€nge lange Zeit verschwommen, unklar und verborgen erscheinen bis sie umso facettenreicher in einer Art "Ende ohne Ende" aufgedeckt und seziert werden. Der klar durchstrukturierte, klassische Szenenaufbau wird dafĂŒr durchbrochen mit einer bewegenden Szenencollage, die surrealistisch wirkt und dennoch alle Bestandteile der Ereignisse in eindringlicher Logik zueinander fĂŒhrt.

AVIVA-Tipp Der Film entfaltet seine StÀrke allmÀhlich, bis er seine GrandiositÀt in voller Spannbreite offenbart.
Über all dem liegen universelle und aktuelle Fragen: Was geschieht, wenn die Vergangenheit zur bestimmenden Kraft der Zukunft wird und das Individuum in einer rigiden Gesellschaftsstruktur den Glauben daran verliert, die Dinge selbst entscheidend verĂ€ndern zu können? Auf welche Art wird es versuchen, entgegen der inneren Zerrissenheit die innere Balance wiederzuerlangen?
Die Grenze zwischen gescheitertem Lösungsentwurf und gelungener ZurĂŒckgewinnung der Handlungsmacht kann hier dicht beieinander liegen, wie es sich in den unterschiedlichen Wegen von EspĂłsito und Morales andeutet.

Zum Regisseur: Juan José Campanella 1959 in Buenos Aires geboren. 1979 begann er ein Filmstudium an der Universidad de Avellaneda bevor er 1983 auf die New York University wechselte, wo er 1988 sein Film- und Fernsehstudium abschloss.
Seine Filme gewannen Preise auf vielen internationalen Festivals. Er gilt als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Regisseure Argentiniens.
Neben dem Oscar wurde "El Secreto Ojos de Sus" bei den Goya Awards als Bester Film und Soledad Villamil als Beste Nachwuchs-Darstellerin ausgezeichnet.
Die Deutsche Film- und Medienbewertung vergab das FBW-PrÀdikat "besonders wertvoll".

In ihren Augen
El Secreto Ojos de Sus

Argentinien/Spanien 2009
Regie: Juan José Campanell
Drehbuch: Eduardo Sacheri, Juan José Campanell
DarstellerInnen: Ricardo Darín, Soledad Villamil, Pablo Rago, Javier Godino, Guillermo Francella, José Luis Gioia
LauflÀnge: 129 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 28. Oktober 2010

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.inihrenaugen-film.de



Kultur Beitrag vom 18.10.2010 AVIVA-Redaktion 





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