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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.03.2011

Wer wenn nicht wir
Tatjana Zilg

Die "Urgeschichte" des deutschen Terrorismus zu erzÀhlen, nahm sich Regisseur Andres Veiel mit seinem ersten Spielfilm vor. Als Dokumentarfilmemacher ("Black Box BRD") hatte er sich zuvor einen ...



... angesehenen Namen gemacht.

Im Wettbewerb der 61. Berlinale feierte er die Premiere seines hinter die familiĂ€ren Kulissen des Schriftstellers Bernward Vesper und der spĂ€teren RAF-Aktivistin Gudrun Ennslin blickenden Films. Das Thema fand im Vorfeld und am Premierentag viel Beachtung, dennoch ĂŒberraschte es, als der Film beim BĂ€ren-Gala-Abend den Alfred-Bauer-Preis erhielt, mit dem Filme ausgezeichnet werden, die neue Perspektiven in der Filmkunst eröffnen. Denn zunĂ€chst wirkt die Machart eher konventionell: Sorgsame Recherche, psychologisch durchdrungene Hauptcharaktere, bewegende Beziehungsdynamiken, chronologische ErzĂ€hlweise und die Durchspickung mit zeitgeschichtlichem Doku-Material sind nichts neues mehr im Arthouse-Metier.

Die Zeit vor 1968

LĂ€sst frau den Film jedoch lĂ€nger auf sich wirken, entfaltet er nachhaltige QualitĂ€ten: Es geht hier nicht um schnelle RĂŒckschlĂŒsse und die Verfestigung von Klischeebildern. Andres Veiel ermöglicht, tiefer in das PhĂ€nomen des Terrorismus einzudringen, der seinen Anfang wĂ€hrend der StudentInnenunruhen 1968 genommen und innerhalb weniger Jahre erschĂŒtternde Ausmaße angenommen hatte. Bei der Pressekonferenz benannte Andres Veiel es als sein Anliegen, dass die ZuschauerInnen durch den Film zu ihren eigenen Fragen gefĂŒhrt werden sollen, ohne dass er als Regisseur den Anspruch habe, diese vollstĂ€ndig zu beantworten.
Dies wĂ€re auch kaum realisierbar, bedenkt frau die genaueren UmstĂ€nde und den Tod vieler der HauptakteurInnen in den 1970ern. So nimmt Veiel in vielen Momenten eine beobachtende Haltung ein, auch wenn die Ereignisse verdichtet sind, wie es der dramaturgische Aufbau fĂŒr einen Spielfilm erfordert. Dennoch steht nicht nur deshalb die Liebesgeschichte zwischen Bernward Vesper (August Diehl) und Gudrun Ennslin (Lena Lauzemis) im Vordergrund. Zu untersuchen, wie das Private und das Politische ineinander fließen, ist ein weiteres wichtiges Anliegen des Films, wobei dies gegen Ende leider ĂŒberhand nimmt, wenn Ennslins Radikalisierung zu eng mit einer angedeuteten Hörigkeit gegenĂŒber Andreas Baader (Alexander Fehling) in Verbindung gesetzt wird. Dies steht im Widerspruch zum vorigen Verlauf, in welchem Ennslin als hochintelligente, aber auch temperamentvolle und sensible Frau erlebbar wird.

Enge Erwartungen der Eltern

Im ersten Teil des Films liegt ein Fokus auf der Erziehungsmethodik der damaligen Zeit, die sich bei Vesper und Ennslin Ă€ußerlich unterschiedlich konstruiert, aber in ihrem restriktiv-bevormundenden Kern Ă€hnlich ist.
Die allererste Szene, in der der kindliche Vesper mit einem strengen, distanziert-unheimlichen, dennoch liebevollen Vater und dessen rigidem Handeln gegenĂŒber der Hauskatze konfrontiert ist, transferiert eine jeden freud- und lustvollen Gedanken im Keim erstickende AtmosphĂ€re.

Die Sehnsucht nach dem Ausbruch wird dadurch plausibel und auch die Wucht, mit der diese circa zwanzig Jahre spĂ€ter durch den Umzug ins Berlin der APO-Zeit zelebriert wird. Eine lange Phase der Ablösung und des Versuches, einen Kompromiss mit der Vergangenheit zu finden, stand dem bevor. Beide beginnen ihr Studium in TĂŒbingen, welches ein kleines Maß an Freiheit verspricht, aber doch nah genug an den Elternorten liegt, um eine psychische Folgsamkeit aufrechtzuerhalten. So ist es keinesfalls ein Schritt der Emanzipation, als das Paar, gerade frisch verliebt, einen Verlag grĂŒndet, um bereits im Studium Geld zu verdienen. Vespers Motivation liegt im Sterbewunsch des Vaters begrĂŒndet, seine von den Nazis hochgelobten Gedichte neu aufzulegen und fĂŒr sie eine neue Öffentlichkeit zu schaffen. Zu wenig gelingt es Vesper, sich mit Anfang zwanzig einzugestehen, dass sein Vater im Nazideutschland eine TĂ€terrolle innehatte und diese vorbehaltlos zu hinterfragen. Treu wie ein kleines Kind setzt er gegenĂŒber Ennslin dessen Wunsch durch und schreckt auch nicht davor zurĂŒck, mit rechtskonservativen Kreisen fĂŒr die Verbreitung des Gedichtbands zusammenzuarbeiten.
Die Eltern von Ennslin, einem Pfarrehepaar mit insgesamt sieben Kindern, setzen dem ein vorlÀufiges Ende, als sie der Tochter befehlen, an einer PÀdagogischen Hochschule weiterzustudieren und sich als Lehrerin ausbilden zu lassen.

Freiheit durch Umzug nach Berlin

Nach einem seelischen Zusammenbruch Ennslins geben sie nach und lassen sie mit Vesper nach Berlin ziehen, wo sie eine Promotion in Literaturwissenschaft beginnt. Dort gelingt es ihnen, zu innerer Freiheit zu finden und sie schließen sich den damaligen linken Kreisen an. Durch deren rascher Stigmatisierung in der Öffentlichkeit tritt vorrangig bei Ennslin eine zunehmende Bereitschaft zur Radikalisierung ein, bis sie Andreas Baader begegnet und in dessen Sog zu den ersten gewaltsamen Taten bereit ist. Vesper verkraftet den Schlussstrich seiner wechselhaften Beziehung zu Ennslin nicht, mit der er mittlerweile auch einen Sohn hat, und wird drogensĂŒchtig. Seine Zerrissenheit, SehnsĂŒchte und Verzweiflung packt er in die Wortströme des Romans "Die Reise", den sein Verleger zu Lebzeiten ablehnt, der aber spĂ€ter zu einem Erfolgs- und Kultroman wird. Vesper begeht 1971 Selbstmord, Ennslin 1977 wĂ€hrend der "Todesnacht" im HochsicherheitsgefĂ€ngnis Stammheim.

AVIVA-Tipp: NĂ€he und Distanz, zwischen diesen Polen schien die Beziehung von Vesper und Ennslin zu glĂŒhen, bis sie nach der Loslösung vom hartnĂ€ckigen Netz familiĂ€rer Vergangenheit nach einem letzten leidenschaftlichen Aufflackern erlosch.
Der Film erlaubt es den ZuschauerInnen, sich den beiden HauptakteurInnen in gleicher Weise mal nah, mal entfernt zu fĂŒhlen und lĂ€sst so genĂŒgend Freiraum, um zu einer eigenen Haltung zu diesem Kapitel deutscher Zeitgeschichte zu finden als auch weitere BezĂŒge herzustellen. Andreas Baader bekommt dabei eine eher einseitige Rolle zugewiesen: als rabaukenhaftes Trennungskind, sein Handeln im Zuge einer wĂŒtenden Gewaltbereitschaft kaum reflektierend.

Wer wenn nicht wir
Deutschland 2011
Buch und Regie: Andres Veiel
nach der Vorlage von Gerd Koenens "Vesper, Ensslin, Baader – Urszenen des deutschen Terrorismus"
Kamera: Judith Kaufmann
Schnitt: Hansjörg Weißbrich
DarstellerInnen: August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling, Thomas Thieme, Imogen Kogge, Michael Wittenborn, Susanne Lothar, Maria-Victoria Dragus
LauflÀnge: 124 Minuten
FSK ab 12 freigegeben
Verleih: Senator Films
Kinostart. 10.03.2011

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.werwennnichtwir-film.de/



Kultur Beitrag vom 10.03.2011 AVIVA-Redaktion 





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