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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 12.03.2004

Sarah Khan im Gespr├Ąch mit AVIVA-Berlin
Sabine Grunwald

Die deutsch-pakistanische Schriftstellerin stellte im Februar 2004 ihren dritten Roman "Eine romantische Ma├čnahme" im Buchh├Ąndlerkeller/Charlottenburg vor



AVIVA-Berlin:
Ihr neues Buch handelt von einem amerikanischen Studenten in Heidelberg, der sich f├╝r nationalsozialistische Geschichte und Devotionalien interessiert. In welcher Situation/mit welcher Intention haben Sie es geschrieben? Gab es einen "Ausl├Âser" daf├╝r? (Haben Sie einen pers├Ânlichen Bezug zu dem Thema?)
Sarah Khan:
Zuerst hatte ich die Figuren im Kopf, also die Porzellanh├Ąndlerin Ines Kochenrath, die Schauspielerin Maxine und den amerikanischen Studenten William, dann suchte ich einen Ort f├╝r die Handlung. Es sollte d├╝ster und romantisch sein. Was w├Ąre da angemessener als Heidelberg, die im 2. Weltkrieg unzerst├Ârte, verschonte Stadt mit der romantischen Schlossruine?! Ich war Anfang der 90er Jahre oft in Heidelberg, machte am Theater ein Praktikum, hatte eine sehr extrovertierte Tante, die dort lebte und die selbst viele andere extrovertierte Menschen kannte. Damals war ich noch keine Schriftstellerin und nahm alles staunend und naiv wahr. Die Altstadt, die amerikanische Besatzung, den Neckar und die vielen Studenten. Etwa zehn Jahre sp├Ąter, nach meinem 2. Roman, erinnerte ich mich an diese Zeit und fuhr wieder hin, um zu pr├╝fen, ob diese der Ort der Handlung sein k├Ânnte. Dann pl├Âtzlich schenkte mir das Schicksal bzw. diese Stadt so viele Erlebnisse und Eindr├╝cke, dass ich nicht mehr anders konnte. Zum Beispiel die Burschenschaften. Normalerweise sind die total abgeriegelt f├╝r Au├čenstehende, besonders als Frau ist das eine no-go-area. Ich aber hatte das Gl├╝ck, den Altherren-Schatzwart einer Verbindung kennen zu lernen, der mir die gesamte Burschenschaft zeigte und mir alle Zimmer ├Âffnete. Und weil viele Burschen noch Schulden bei ihm hatten, beschwerte sich keiner, dass ich mich so genau umguckte, Gespr├Ąche f├╝hrte, Fotos machte. Au├čerdem kann dir jeder, der mal in der Heidelberger Altstadt gewohnt hat, mindestens eine Geschichte zum Thema Burschen erz├Ąhlen. Wo sie kotzen, wie sie singen, was sie feiern, warum sie so drauf sind. Ich musste nur fragen.

AVIVA-Berlin:
Warum spielt Ihr Roman gerade im Wendejahr 1989, haben Sie selbst den Fall der Mauer miterlebt? Wenn ja, wie beurteilen Sie die damit verbundenen Ver├Ąnderungen f├╝r Berlin?
Sarah Khan:
Der Zeitpunkt der Handlung - 1989/1990 - hatte erstmal ganz praktische Gr├╝nde: Anfang der 90 er war es noch m├Âglich, mit Altnazis direkten Kontakt zu haben. Die lebten noch, theoretisch zumindest. Eine Konstellation junger Mann / alte Nazis, die ich beschrieben habe, ist gerade noch m├Âglich. Au├čerdem waren sich die Deutschen damals selbst noch wahnsinnig unheimlich. Die Angst vor der Wiedervereinigung fasste diese Selbst-Angst ein allerletztes mal zusammen. Dass die deutsche Bestie wieder ausbricht, sobald das Gebiet gr├Â├čer ist. Was historisch verst├Ąndlich ist, aber im nachhinein auch eine totale Anma├čung und Selbst├╝bersch├Ątzung war.

Und wie ich den Mauerfall erlebte? Erstaunlich distanziert, als w├╝rde ich eine Nachricht von der anderen Seite der Halbkugel bekommen. Irgendwie haben wir jungen Menschen im Westen doch alle totale Nebelsicht gehabt, als es passierte. Einzig die Ostdeutschen hatten totale physische und psychische Reaktionen, und auch die ├älteren im Westen, die Generationen von Willy Brandt bis Helmut Kohl, also die "Augenzeugen" und Gelittenen, bis die mit dem Sto├čseufzer der so genannten "Gnade der sp├Ąten Geburt". Aber ich war damals, 1989, gerade 18 Jahre alt und hatte andere Sorgen: Liebeskummer und Abitur.

AVIVA-Berlin:
Was hat Sie nach bewogen, von Hamburg nach Berlin zu ziehen?
Sarah Khan:
In Berlin kann man als Schriftsteller wirklich so leben, das man glaubt, es ist ein normaler Beruf. Billige Mieten, viele Leidensgenossen, Agenten, Verlage, Ger├╝chte, freie Buffets und Partys helfen dabei. Aber es gibt auch viele M├Âglichkeiten, dem aus dem Weg zu gehen. In Hamburg sah ich irgendwann keine Perspektive f├╝r mich. Ich wurde dort geboren und kannte zwar jeden Baum, aber ich konnte mich irgendwann nicht mal mehr verlieben. Ich musste weg!! Noch vor dem 30.Geburtstag. In Berlin habe ich dann sehr bald ein Leben gefunden. Ich habe jetzt ein Kind, einen Mann, bin gl├╝cklich. Viele Hamburger sind jetzt beunruhigt, weil t├Ąglich wieder ein paar K├╝nstler und Tagediebe mehr nach Berlin ziehen. Aber in Hamburg wird der Wohnraum noch lange knapp und teuer bleiben und au├čerdem war Hamburg noch nie ein tolles Pflaster f├╝r K├╝nstler und solche, die es werden wollen.

AVIVA-Berlin:
Sie sind in Hamburg mit einem pakistanischen Vater und einer deutschen Mutter aufgewachsen. Wie leben Sie Ihr "kulturelles Erbe" heute?
Sarah Khan:
Ich liebe das indisch-pakistanische Essen. Erstaunlicherweise mag mein 1 j├Ąhriger Sohn es auch. Ansonsten ist das Verh├Ąltnis zu der pakistanischen Familie mittlerweile sehr problematisch bzw. gebrochen. Ich bin unverheiratet, habe ein Kind, lebe in wilder Ehe. Mein Vater hat den Kontakt abgebrochen, als er erfuhr, dass ich schwanger bin. Das Verhalten hat kulturelle Gr├╝nde. Es ist Hartherzigkeit und ein schauderhafter Stolz, der nur funktioniert, wenn man die weiblichen Mitglieder der Familie kontrolliert. Ansonsten gibt es Sanktionen und Kontaktabbruch. Diese Mentalit├Ąt funktioniert im Westen nicht, sie erzeugt viel Kummer und es wird einige Generationen dauern, bis sie mit ihren m├Ąnnlichen Protagonisten ausgestorben sein wird.

Sarah KhanAVIVA-Berlin:
Was lesen Sie zur Zeit und warum?
Sarah Khan:
Ich lese Literatur zum Thema Tod - aus Gr├╝nden der Recherche f├╝r einen Filmstoff.
Dann lese ich zu Unterhaltungszwecken die neuen ├ťbersetzungen der Romane von P.G. Wodehouse um den intelligenten Butler Jeeves und seinen leicht ├╝berkandidelten und unterbelichteten Master Bertie Wooster. Die ├ťbersetzungen sind in der verdienstvollen Edition Epoca erschienen.
Au├čerdem lese ich den neuen Roman "Fall Jane Eyre" von Jasper Fforde. Ich habe vor einigen Jahren das Wohnhaus der Familie Bront├ź besucht und bin nachhaltig beeindruckt von diesem schaurigen, gichtigen, morastigen Ort in Nordengland, der in Englands Bewusstsein total verkitscht und m├Ąrchenhaft empfunden wird. Die Bront├ź-Schwestern hatten aber ein unglaublich tragisches, krankes, kurzes Leben, und jeder Winkelzug des Hauses, mit dem umliegenden Friedhof, bezeugt dies. In Ffordes Roman geht es um die Kunstfigur Jane Eyre, aber ziemlich abgedreht.

AVIVA-Berlin:
Auf welche Neuerscheinung sind Sie gespannt?
Sarah Khan:
Komische Frage. Es gibt viele B├╝cher, die ich lesen m├Âchte. Meist reicht die Zeit nicht. Ich habe ein kleines Kind, das ist ein Zeitfresser. Maeve Brennan m├Âchte ich lesen, habe von unbestechlichen Freunden diesen Tipp bekommen. Ihr Buch "Die Besucherin" ist sch├Ân kurz, ich glaube, das schaffe ich fix.

AVIVA-Berlin:
Welches Buch w├╝rden Sie niemals verborgen?
Sarah Khan:
Ich habe gerade von Rebecca Miller ein Buch mit Erz├Ąhlungen verborgt - es hei├čt "Als sie seine Schuhe sah, wusste sie, dass sie ihren Mann verlassen w├╝rde" - und hoffe, dass ich es wiedersehe. R.Miller ist die Tochter von Arthur Miller und Inge Morath und mit Daniel Day Lewis verheiratet. Und au├čerdem, und das macht es fast unertr├Ąglich - schreibt sie wunderbar. Das Buch ist wirklich gut, obwohl der deutsche Verlag einen irref├╝hrenden Titel und ein schlimmes Cover gew├Ąhlt haben.

AVIVA-Berlin:
Haben Sie bereits ein Thema f├╝r Ihren n├Ąchsten Roman?
Sarah Khan:
Ich habe st├Ąndig Ideen. Ich werde dieses Jahr aber keinen neuen Roman beginnen. Ich will mich nicht so hetzen und auch nicht wiederholen. Ehrlich gesagt kann ich Autoren nicht verstehen, die jedes Jahr mindestens ein Buch schreiben wollen und jeden Tag am verdammten Schreibtisch sitzen und in ihren Computer hinein faseln. Der Acker muss auch mal brach liegen, damit darauf wieder etwas Gutes wachsen kann!

AVIVA-Berlin:
Vorausgesetzt, Sie bek├Ąmen heute 1 Million Euro f├╝r Berlin. Welches Projekt w├╝rden Sie sofort retten oder ins Leben rufen?
Sarah Khan:
Eine Million ist nicht viel, angesichts der vielen Probleme, die die Stadt hat.
Ich glaube, ich w├╝rde einen Teil des Geldes der Kinderfarm geben, die hier im Stadtteil Wedding existiert und die f├╝r viele Kinder in diesem dicht besiedelten und sozial problematischen Stadtteil eine wahre Oase ist. Sie lernen hier, Tiere zu pflegen, Verantwortung zu ├╝bernehmen und zu teilen, und machen Naturerfahrungen und sp├╝ren Liebe. Au├čerdem w├╝rde ich die Stadtteilbibliothek in Mitte aufr├╝sten. So, dass auch Familien mit kleinen Kindern und Babys dort Aufenthalts-, Treff- und Spielr├Ąume bekommen. Damit M├╝tter lesen, w├Ąhrend Kinder miteinander spielen. Ohne Kommerzdruck.

AVIVA-Berlin:
Wer ist f├╝r Sie der absolute Shooting-Star (im Kulturleben, weltweit) und wen halten Sie f├╝r untersch├Ątzt?
Sarah Khan:
Mein Lieblingsschauspieler ist Al Pacino, dicht gefolgt von Jeff Bridges.
Ansonsten bin ich ein ziemlich untreuer Fan - heute mag ich dieses, morgen jenes.

AVIVA-Berlin:
Stellen Sie sich vor, morgen w├Ąre Ihr erster Tag als Bundeskanzlerin. Welches Gesetz w├╝rden Sie sofort erlassen oder abschaffen?
Sarah Khan:
Was Sie da vorschlagen, klingt eher nach Despotismus oder Diktatur, als nach einer Demokratie mit einem bockigen Bundesrat und ungewissen Parlamentsabstimmungen.
Aber gehen wir mal davon aus, es w├Ąre so einfach: Ich w├╝rde eine verbindliche Quotierung f├╝r alle Berufe in der ├Âffentlichen Sph├Ąre vorschreiben, also M├Ąnner und Frauen haben in Unis, Verwaltung, Krankenhaus, Lehrerschaft, Beamtenstatus etc. ein Verh├Ąltnis von fifty-fifty. Bis hinauf zu den F├╝hrungsetagen. Und wenn es Not tut, dann muss man eben auch "die Hunde zum Jagen tragen" - also den Frauen auf dem Weg nach oben die Steigb├╝gel halten.

Mehr zu "Eine romantische Ma├čnahme" hier


Kultur Beitrag vom 12.03.2004 Sabine Grunwald 





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