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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.03.2004

Juden. B├╝rger. Berliner. Eine Ausstellung im M├Ąrkischen Museum
Sabine Grunwald

Das Stadtmuseum Berlin gibt vom 18.03.-27.06.2004 Einblick in das Leben der j├╝dischen Familie Beer - Meyerbeer - Richter. 200 Jahre bereicherte sie das gesellschaftliche Leben Berlins



Die gezeigte Sammlung ist eine Schenkung der "Hans-und-Luise-Richter-Stiftung". Damit wird jenen 1955 und 1978 verstorbenen Nachfahren gedacht, die auf Grund ihrer j├╝dischen Herkunft von den Rassengesetzen der Nazizeit bedroht wurden. Sie konnten dennoch die wichtigsten Teile des Nachlasses verstecken und damit der Nachwelt erhalten.

Die Familie Beer-Meyerbeer-Richter spielte im geistigen und wirtschaftlichen Leben Berlins seit dem 17. Jahrhundert eine ganz entscheidende Rolle. Ihre Vorfahren geh├Ârten zu jenen Juden, die 1670 aus Wien vertrieben wurden. Der Gro├če Kurf├╝rst siedelte sie in Brandenburg aus wirtschaftlichen Gr├╝nden an. Der Zugang war auf Juden und J├╝dinnen beschr├Ąnkt, die sehr verm├Âgend waren.

Der historische R├╝ckblick beginnt mit Liepmann Meyer Wulff, der als reichster Jude Berlins galt und Traditionalist innerhalb der j├╝dischen Gemeinde war. Seine Tochter Amalie erhielt eine gute musische und sprachliche Ausbildung. Sie f├╝hrte in der ersten H├Ąlfte des 19. Jahrhunderts einen erfolgreichen musikalischen Salon und war Mitglied in der Berliner S├Ąngerakademie. Das Ehepaar Beer zog in eine zuvor nicht von Juden bewohnte Gegend am Tiergarten, und symbolisierte damit Emanzipation und Assimilation in die Berliner nicht-j├╝dische Gesellschaft.

"Heldin der Wohlt├Ątigkeit"
Amalie
und Jacob Herz Beer setzten ihren Reichtum vielfach f├╝r kulturelle und caritative Zwecke ein. Amalie engagierte sich mit Geldsammlungen f├╝r die Pflege verwundeter Soldaten des Befreiungskrieges gegen Napoleon. Daf├╝r erhielt sie als erste J├╝din ├╝berhaupt den Luisenorden, mit dem Frauen aller Schichten geehrt wurden. Allerdings konnte sich Friedrich Wilhelm der III. nicht zu einer vollst├Ąndigen Gleichbehandlung durchringen und verlieh ihr eine Sonderform des Ordens. In ihrem Haus befand sich auch die erste Berliner Reformsynagoge, in der Gottesdienste abgehalten wurde, die sich am christlichen Vorbild orientierten.
Die Familie verleugnete ihr Judenturm nicht und war modernen Str├Âmungen ihrer nicht-j├╝dischen Umgebung gegen├╝ber aufgeschlossen.

K├╝nstler in der Familie
Ihr ├Ąltester Sohn Jakob Meyer Beer, sp├Ąter Giacomo Meyerbeer feierte seine gr├Â├čten Erfolge in Paris als Opernkomponist. Wilhelm Beer brachte es zu bemerkenswerten Leistungen in der Astronomie, und Michael Beer wurde Theaterschriftsteller.

Die "Salondame" Cornelie Richter
Die Kinder Giacomo Meyerbeers f├╝hlten sich dem Judentum nicht mehr verbunden. Cornelie Richter trat bereits im Alter von 16 Jahren zum evangelischen Glauben ├╝ber. Sie hinterl├Ąsst einen umfangreichen Briefwechsel mit ber├╝hmten Pers├Ânlichkeiten ihrer Zeit und f├╝hrte einen Salon, der in der k├╝nstlerischen Aufbruchstimmung Berlins eine bedeutende Rolle innehatte. So stellte hier der Belgier Henry Van der Velde, Avantgardist des Kunstgewerbes und der Architektur, erstmals seine neuen Gestaltungsideen vor.

Beruf und Repressionen
Ihr Mann, Gustav Richter, war einer der gefragtesten Portrait- und Orientmaler seiner Zeit. Die vier S├Âhne wuchsen in einer Welt auf, die sich Gr├╝nderzeit nannte. Der ├älteste, Gustav, wurde Maler. Raoul unterrichtete an der Leipziger Universit├Ąt Philosophie und widmete sich Nietzsches Werk. 1908 editierte er dessen "Ecce Homo". Sein Bild von Nietzsche befremdet, weil es von einer starken Faszination durch die Rassentheorie der Zeit gepr├Ągt war. Reinhold und Hans wurden Juristen. Ersterer schlug eine h├Âchst erfolgreiche Karriere im Reichsjustizministerium ein, bis diese aufgrund seiner j├╝dischen Herkunft m├╝tterlicherseits in der NS-Zeit unm├Âglich gemacht wurde. Hans Richter arbeitete als Anwalt und Notar in Wannsee, bis auch er seine Arbeitsm├Âglichkeiten verlor. Nach Kriegsende wurde er als Verfolgter der nationalsozialistischen Gesetzgebung anerkannt.

Die Ausstellung umfasst mehrere hundert Einzelobjekte, darunter ein umfangreiches Briefkonvolut, Tageb├╝cher, kunstgewerbliche Gegenst├Ąnde, M├Âbel, Gem├Ąlde, Portraitgraphik, Plastiken, Photographien, Dokumente und pers├Ânliche Gegenst├Ąnde.
Im ersten Teil der Schau wird ein gro├čer Teil des Nachlasses in einem eigens daf├╝r konzipierten Setzkasten in der Haupthalle des M├Ąrkischen Museums ausgestellt. Die Objekte, geordnet nach den einzelnen Familienmitgliedern, betonen den biographischen Ansatz der Ausstellung. Im zweiten Teil der Sonderausstellung wurden die Ausstellungsst├╝cke in die Best├Ąnde der Sammlungen der Stiftung Stadtmuseum Berlin integriert. Hier erf├Ąhrt die Besucherin mehr ├╝ber den Beitrag der Familie zur Stadtgeschichte.

Ein Begleitband zur Ausstellung setzt den familienhistorischen Ansatz der Ausstellung konsequent fort. Im ersten Teil werden die Familienmitglieder in biographischen Essays vorgestellt. Ihre Verbindung zur deutschen Kulturgeschichte hergestellt und die Thematik der Assimilation beleuchtet. Der zweite Teil enth├Ąlt einen ausf├╝hrlichen wissenschaftlichen Anhang, mit einem Verzeichnis des Nachlasses.

Begleitprogramm zur Ausstellung:
"Gro├če Oper ganz klein"

Konzertabende mit Concerto Berlin
Kompositionen von Giacomo Meyerbeer
21. M├Ąrz, 18. April und 16. Mai 2004

Ort:
M├Ąrkisches Museum

Am K├Âllnischen Park 5
10179 Berlin-Mitte
Di-So 10-18. 00 Uhr
Eintritt: 4/erm. 2 Euro, mittwochs frei
Dauer:
18. M├Ąrz - 27. Juni 2004

Weitere Informationen im Netz erhalten Sie unter:
www.stadtmuseum.de

Juden B├╝rger Berliner
Das Ged├Ąchtnis der Familie Beer - Meyerbeer - Richter

Henschel Verlag
19,90 Euro/ i. Buchhandel 24,90 Euro
ISBN 3-89487-476-7
Einband: Geb. 272 S. Illustrationen: 90 tls. farb. Abb.200279442075"


Kultur Beitrag vom 19.03.2004 Sabine Grunwald 





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