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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.04.2005

Being Julia
Danielle Daum

Istv├ín Szab├│, einer der kreativsten und k├╝nstlerisch einflussreichsten Regisseure Europas, inszeniert nach Somerset Maughams Roman eine bissige Kom├Âdie in 3 Akten - Leidenschaft, Betrug und Rache.



Die erste Leinwandversion von Maughams Roman "Theatre" von 1937 war ein franz├Âsischer Film unter dem Titel "Julia, du bist zauberhaft" (1962), doch der dramatisch verflachte Film schleppt sich lediglich durch die Ereignisse des Buchs, s├Ąmtliche Figuren wirken matt und leblos.

In Istv├ín Szab├│s Adaption "Being Julia" spielt Annette Bening die sch├Âne und in ganz England bekannte Theater-Schauspielerin Julia Lambert. Seit Jahren ist sie gl├╝cklich mit ihrem Ehemann, dem Theaterdirektor und Regisseur Michael Gosselyn (Jeremy Irons), verheiratet. Doch unterhalb des Gl├╝cks tun sich Zweifel auf. Julia hat gro├če Angst vor dem ├älterwerden und beobachtet mit Sorge ihre schwindende Sch├Ânheit. Als sie den charmanten, jungen Amerikaner Tom (Shaun Evans) trifft, sp├╝rt sie, da├č ihre Ehe schon lange nicht mehr ihren W├╝nschen und Bed├╝rfnissen entspricht. Tom erweist sich als ihr gl├╝hendster Verehrer, und sie beginnt eine leidenschaftliche Aff├Ąre mit ihm, die ihr neuen Elan verleiht. Doch schon bald nimmt sie sich dieses Abenteuer mehr zu Herzen, als sie sollte und als Tom sich f├╝r die h├╝bsche, gut zwanzig Jahre j├╝ngere Schauspielerin Avice (Lucy Punch) entscheidet, scheint das dem├╝tigende Ende f├╝r Julia unabwendbar.

Der Film basiert ganz wesentlich auf Julias faszinierendem, unberechenbarem Charakter und ihren vielschichtigen Beziehungen zu ihrem Ehemann, ihrem Geliebten, ihrem Sohn, ihren homosexuellen Bewunderern und (durch einen Kunstgriff des Films) zu ihrem alten, bereits verstorbenen Schauspiellehrer Jimmy (Michael Gambon), der als Julias moralische Richtlinie und Stimme ihres Gewissens fungiert. Die NebendarstellerInnen sind, genau wie in einem Theaterensemble, reich ausgestaltete Figuren mit Tiefe: Ihr attraktiver Ehemann Michael, der Julia zwingt, in einem seit langem laufenden, profitablem St├╝ck weiterzuspielen, welches sie mittlerweile ha├čt. Ihre lesbische G├Ânnerin Dolly de Vries (Miriam Margolyes), der es gelingt, immer gerade dann aufzutauchen, wenn Julia halbnackt ist und ihr freches Hausm├Ądchen Evie (Juliet Stevenson), das vergeblich versucht, die Diva auf den Boden der Tatsachen zur├╝ckzuholen und die immer gr├Â├čer werdende Kluft zwischen Fantasie und Realit├Ąt zu ├╝berbr├╝cken.

W├Ąhrend "Being Julia" auf die eine Art ein Film ├╝ber alternde SchauspielerInnen im Speziellen ist, ist er auf die andere Art ein Film ├╝ber SchauspielerInnen im Allgemeinen. Der Film zeigt eine Schauspielerin, die so sehr in ihrer Profession aufgeht, da├č f├╝r sie selbst und f├╝r ihre Umwelt irgendwann nicht mehr zu unterscheiden ist, wann sie eine Rolle spielt und wann sie sie selbst ist. Julia ist so routiniert, dass sie sogar ihren besten FreundInnen st├Ąndig dieselben Vorstellungen gibt und sich schlie├člich von ihrem eigenen Sohn sagen lassen mu├č, dass sich ihre privaten Gespr├Ąche anh├Âren, wie aus einem St├╝ck zitiert. Doch obwohl Julia Lambert oberfl├Ąchlich und selbsts├╝chtig ist, bringt uns Annette Bening mit ihrer Darstellung immer wieder dazu, mit der Titelfigur mitzuf├╝hlen und sie ins Herz zu schlie├čen.

Zum Regisseur:
István Szabó
ist 1938 in Ungarn geboren. Er hat sein Regiestudium 1956, im Jahr des ungarischen Aufstands, in Budapest begonnen und bereits 1963 f├╝r seinen Kurzfilm "Konzert" internationale Auszeichnungen erhalten. Sein erster Spielfilm, "Das Alter der Tr├Ąumereien", folgt 1964. Seitdem geh├Ârt er zu den bedeutendsten Autorenfilmern in Europa. In seinen fr├╝hen Filmen spiegelt sich das politische Trauma des niedergeschlagenen ungarischen Aufstandes in einer poetisch und melancholisch gef├Ąrbten Bildsprache wieder. In den 80er Jahren begann mit "Mephisto" (1981) seine europ├Ąische Karriere. Er f├╝hrt seine Lebensthemen, das Verh├Ąltnis von K├╝nstlerInnen und politischer Macht und die Besch├Ądigung des Individuums durch die gesellschaftlichen Umst├Ąnde, bis heute fort. Zuletzt lief auf der Berlinale 2002 sein gr├Â├čtenteils im Studio Babelsberg entstander Film "Taking Sides - Der Fall Furtw├Ąngler".

AVIVA-Tipp:
Istv├ín Szab├│ hat mit "Being Julia" eine sorgf├Ąltige, gutgelaunte Hommage ans Theater inszeniert. Es ist ihm gelungen, die Romanvorlage von Somerset Maugham mit den ihm zur Verf├╝gung stehenden M├Âglichkeiten auszusch├Âpfen: phantastische Regie und ausgezeichnete SchauspielerInnen. Der Film behandelt gro├če Gef├╝hle, Werte, Schw├Ąchen und ├ängste der Menschen. Vielleicht ist "Being Julia" manchmal ein wenig zu vorhersehbar und nicht ganz so tiefgr├╝ndig wie beabsichtigt, doch vermittelt der Film unter der Regie von Istv├ín Szab├│, mit dem Drehbuch von Ronald Harwood und der herausragenden Darstellung von Annette Bening, einen lebhaften Eindruck der Dynamik des Theaterlebens.


Being Julia
Regie: István Szabó
DarstellerInnen: Bruce Greenwood, Annette Bening, Jeremy Irons u.a.
Kanada/USA/Ungarn/UK 2004
Genre: Drama/Kom├Âdie
Verleih: Concorde Film
Dauer: 105 Min.
Kinostart: 07.04.2005
Deutschland (FSK): Beantragt ab 6 Jahren



Kultur Beitrag vom 03.04.2005 AVIVA-Redaktion 





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