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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.02.2003

Take a seat! - Bitte Platz zu nehmen, aber ohne zu ber√ľhren! Ausstellung im Vitra Design Museum
Gaby Miericke-Rubbert

Die Ausstellung "Take a seat" im Vitra Design Museum zeigt eine Auswahl von 224 Sitzm√∂beln von 1800 bis heute. Filme, Fotos, Brosch√ľren und Zeichnungen dokumentieren die historischen Begebenheiten



Bitte nehmen Sie Platz, aber ohne das Sitzm√∂bel zu ber√ľhren? Dabei ist man beim Streifzug durch Hunderte von St√ľhlen und Sesseln schon des √∂fteren versucht, √ľber die die eine oder andere Sitzfl√§che zu streichen, Materialien oder Funktionen auszuprobieren oder den Komfort zu testen. Aber wie sollte es anders sein, wir befinden uns in einem Museum, wo immer wieder kleine Schilder die taktile Kontaktaufnahme zwischen Besucher und Kunstobjekt verhindern sollen.

Mit der neuen Ausstellung "Take a seat!" pr√§sentiert das Vitra Design Museum √ľber 200 Sitzm√∂bel aus zwei Jahrhunderten - erstmals in Berlin. Das Museum verf√ľgt √ľber eine der international bedeutsamsten Sammlungen des industriellen M√∂beldesigns, die normalerweise f√ľr die √Ėffentlichkeit nicht zug√§nglich ist. Die chronologische Anordnung der Sitzobjekte zeigt eine umfangreiche Auswahl aller Stile, Pers√∂nlichkeiten, Hersteller und Materialien, die das M√∂beldesign seit 1800 gepr√§gt haben.

Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Auswahl von Dokumenten, zu denen Möbelprospekte aus dem 19. Jahrhundert, Originalpatente der 20er Jahre sowie historische Fotografien und Poster ebenso zählen, wie Originalzeichnungen etwa von Ron Arad oder Alessandro Mendini.

Sitzm√∂bel und die damit verbundene -haltung - ebenso wie die Kleidung - sind gewisserma√üen Zeitzeugen der kulturellen und sozialen Entwicklung, so der Direktor der Vitra Design Museen Alexander von Vegesack bei der Er√∂ffnung der Ausstellung. St√ľhle und Sessel geben Auskunft dar√ľber, wie in vergangenen Zeiten gesessen, gelebt und gearbeitet wurde.

So entwarf Le Corbusier z.B. um 1930 f√ľr die Pariser Gesellschaft extravagante und luxuri√∂se Sitzm√∂bel als Ausdruck von gehobener Lebensqualit√§t und Komfort.
Etwa zur gleichen Zeit entschied sich der finnische Architekt Alvar Aalto zusammen mit seiner Frau Aino gegen die Verwendung der neuen Bauhaus-Stahlrohrm√∂bel und konstruierte stattdessen f√ľr die Innenausstattung eines Krankenhauses St√ľhle aus Holz. Das Architektenehepaar hielt das w√§rmere und schmiegsamere Material geeigneter f√ľr die Genesung von Kranken.

Der Tischler Michael Thonet erkannte die M√∂glichkeit, die industrielle Fertigung auch auf den M√∂belbau anzuwenden. Er machte 1836 die bahnbrechende und erfolgreiche Erfindung der Formbarkeit von massivem Holz √ľber Dampf. Bereits 1930 waren mehr als 50 Millionen Thonet-St√ľhle verkauft worden und in modifizierter Form wird der Stuhl bis heute produziert und geh√∂rt zum typischen Interieur nicht nur eines Wiener Caf√©hauses.

Die Ausstellung macht deutlich, mit welchem Ideenreichtum und Experimentierwillen die K√ľnstler und Gestalter seit dem 19. Jahrhundert bem√ľht waren, mit verschiedenen Materialien und Formen spielerisch umzugehen, um innovative L√∂sungen f√ľr die Einheit von Form und Funktion zu realisieren. Dabei ging es darum, den Gebrauchskomfort stetig zu erh√∂hen, im Sinne von r√ľckenschonend und entspannend, variable Sitz- oder Liegehaltungen zu erm√∂glichen, was man heutzutage unter dem Schlagwort "aktives Sitzen" wiederfindet. Und andererseits sollte die Herstellung serienm√§√üig industriell erfolgen, mit leicht zu verarbeitenden und kosteng√ľnstigen Materialien und den kulturellen Zeitgeist aufnehmen.

Ob gesessen, gearbeitet, geschaukelt, geschwungen, gelegen oder relaxt wird, St√ľhle oder Sessel begleiten Menschen lebensl√§nglich: Sitzgelegenheiten aus Bugholz, Sperrholz, Stahlrohr, Aluminium, Fiberglas, Papier, Kunststoff oder Carbonfaser, mit oder ohne Lehne, mit Beinen oder ohne. Sie werden hier alles M√∂gliche und Unm√∂gliche finden, aber Sie k√∂nnen sicher sein, eine Sitzfl√§che haben die M√∂bel immer. Und das ist doch schon mal beruhigend bei der beeindruckend phantasievollen Vielfalt an Formen, Farben und Materialien.

Im Caf√© des Museums d√ľrfen Sie Ihren Latte Macchiatto sogar auf 25 verschiedenen Modellen der ausgestellten guten St√ľcke genie√üen, also "Take a seat, please!", bei manchen Objekten aber vielleicht besser mit Sicherheitsgurt.



Vitra Design Museum Berlin
Kopenhagener Str. 58,
10437 Berlin/Prenzlauer Berg
√Ėffnungszeiten: 25. Januar - 22. Juni 2003
Dienstag bis Sonntag 11 bis 20 Uhr
Freitag 11 bis 22 Uhr
Telefon 030/47 37 77 0
www.design-museum-berlin.de

Kultur Beitrag vom 01.02.2003 AVIVA-Redaktion 





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