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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 20.04.2006

Gro├čes Kino
Karin Effing

Der neue Film "Die Zeit die bleibt" des Regisseurs von "8 Frauen", Fran├žois Ozon, f├╝hrt seine "Triologie ├╝ber die Trauer" fort. Ein junger Mann erf├Ąhrt, dass er nur noch kurz zu leben hat.



Romain (Melvil Poupaud) mit seiner Gro├čmutter (Jeanne Moreau)
Die Geschichte eines Menschen, der erf├Ąhrt, dass ihm nur noch wenig Lebenszeit zur Verf├╝gung steht, wird im Kino gerne mit tr├Ąnenreichen Auseinandersetzungen und Wandlung zum Guten geschildert. In seinem achten abendf├╝llenden Spielfilm "Die Zeit die bleibt" zeigt Fran├žois Ozon eine m├Ąnnliche Hauptfigur, die sich weigert, sich seinen Angeh├Ârigen mitzuteilen.

Romain (Melvil Poupaud) ist ein erfolgreicher Modefotograf Anfang der Drei├čiger. Doch w├Ąhrend eines Shootings kippt der attraktive Mann um und muss erfahren, dass er einen Hirntumor hat, der sich nur zu 5 Prozent heilen l├Ąsst. Er entscheidet sich gegen eine Behandlung. Ein paar Monate bleiben ihm noch, genau kann ihm das der Arzt jedoch nicht sagen. Romain nutzt die Zeit, um sich auf seine ganz eigene Weise auf seinen Tod vorzubereiten. Er wirft seinen jungen Liebhaber (Christian Sengewald) aus der Wohnung, nachdem er ihm ein fast sadistisches Liebesspiel geliefert hat, streitet sich mit seiner Schwester (Louise-Anne Hippeau) und fl├╝chtet vor der Enge der spie├čigen Eltern. Allein mit dem Vater (Daniel Duval) versucht er indirekt und mit Anwandlungen von Z├Ąrtlichkeit eine Auseinandersetzung und nimmt vielleicht auch Abschied von ihm. Sp├Ąter n├Ąhert er sich der Schwester mit einer halbherzigen Vers├Âhnung an. Von seinem nahenden Tod teilt er jedoch niemandem etwas mit - au├čer seiner Gro├čmutter (Jeanne Moreau). "Warum hast du mir das alles erz├Ąhlt?" fragt sie ihn und er antwortet: "Weil du so wie ich bist - du stirbst auch bald." Zwischen beiden findet eine kurze und vertraute Begegnung statt, bevor sich Romain wieder auf seinen selbstbezogenen verbleibenden Weg begibt, der ihn auf einer Rastst├Ątte zu einer Kellnerin (Valeria Bruni-Tedeschi) f├╝hrt, die ihn darum bittet f├╝r ihren zeugungsunf├Ąhigen Mann einzuspringen...

ÔÇ×Vielleicht ist die romantische Vorstellung vom Tod, durch den man gel├Ąutert wird, zu entmystifizieren. [ÔÇŽ] [Romain] sorgt sich mehr um das, was er hinterlassen wird, als um das Verlangen, mit seinen Mitmenschen in Frieden zu leben. Romain ist eine recht egozentrische und grausame Figur. Sein Hinscheiden wird bei den Menschen seiner Umgebung einen umso gewaltigeren Schmerz ausl├Âsen, als sie nicht darauf vorbereitet sind. Aber sollte Romain am Ende denn nicht das Recht haben, sich selbst aussuchen zu k├Ânnen, wie er sterben m├Âchte?" beschreibt Fran├žois Ozon seine m├Ąnnliche Hauptfigur.

Der Regisseur des heiteren Krimimusicals "8 Frauen" (2001) stellte bisher immer wieder weibliche Figuren ins Zentrum seiner Filme, so zum Beispiel in Swimming Pool (2003) und in Unter dem Sand (2000), dem ersten Teil seiner Triologie der Trauer, dessen zweiter Teil Die Zeit die bleibt darstellt. Eine Ausnahme bildet sein fr├╝herer und etwas h├Âlzern daherkommender Film Tropfen auf hei├če Steine (1999), auf der Grundlage eines unverfilmten Drehbuchs von Rainer Werner Fassbinder. Er schildert die Dreiecksbeziehung eines jungen Mannes, der zwischen seinem ├Ąlteren Liebhaber und seiner Freundin steht. Nun also wendet sich Fran├žois Ozon wieder einer m├Ąnnlichen Figur zu und entwickelt dabei eine gro├če und eigenartige Z├Ąrtlichkeit, die sich mit Distanz und Gnadenlosigkeit paart. Darin ist der Film dem Erz├Ąhlgestus in Mon fr├ęre von Patrice Ch├ęreau vergleichbar.

In Bilder umgesetzt hat die besondere Sichtweise die Kamerafrau Jeanne Lapoirie, mit der Fran├žois Ozon schon in Tropfen auf hei├če Steine und 8 Frauen zusammenarbeitete. Die Zeit die bleibt wurde im Cinemascope-Format gedreht und setzt damit konsequent die ├ästhetik des Films zwischen respektvoller N├Ąhe und empfindsamer Ann├Ąherung auf gro├čer Leinwand.

AVIVA-Tipp: Die Zeit die bleibt von Fran├žois Ozon ist ein ergreifender und feinf├╝hliger Film ├╝ber die letzten Tage im Leben eines jungen Modefotografen, der sich vor den Menschen seiner Umgebung verschlie├čt, um die Zeit, die ihm noch zur Verf├╝gung steht, ganz f├╝r sich und auf seine eigene Weise zu nutzen. Sehr beeindruckend, sehr traurig und sehr sch├Ân.

Die Zeit die bleibt
Le temps qui reste

Frankreich 2005, 86 min
Regie: Fran├žois Ozon
Drehbuch: Fran├žois Ozon
Produktion: Olivier Delbosc, Marc Missonnier
Kamera: Jeanne Lapoirie
DarstellerInnen: Melvil Poupaud, Jeanne Moreau, Valeria Bruni-Tedeschi, Daniel Duval, Marie Rivi├Ęre, Christian Sengewald, Louise-Anne Hippeau, Henri de Lorme, Walter Pagano, Ugo Soussan Trabelsi
FSK: 12 Jahre
Kinostart: 20.04.20006

Der Film im Netz unter www.die-zeit-die-bleibt.de

Kultur Beitrag vom 20.04.2006 AVIVA-Redaktion 





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