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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.09.2006

WATER. Ein Film von Deepa Mehta
Kirsten Böttcher

Die Regisseurin bleibt der Sozialkritik treu: F√ľr den neuen Teil ihrer "Elemente-Trilogie", der das Schicksal indischer Witwen um 1930 thematisiert, erhielt sie Lob und Todesdrohungen.



Das Leben schreibt ja die spannendsten Geschichten. Ein Film ist da nur blasse Staffage im Verhältnis zur Realität jenseits den Kinos. Wie viele Diskussionen, Drohungen, Hungerstreiks und Proteste gab es vor dem Kinostart von Howards "The Da Vinci Code" - und was kann ein solch durchschnittlicher US-Popcornthriller wirklich leisten?

Versch(r)obene Weltbilder

Die indisch-kanadische Filmemacherin Deepa Mehta wollte mit ihrer sogenannten Elemente-Trilogie, den drei Filmen FIRE (1998), EARTH (1999) und dem nun startenden Finalfilm WATER (2005), weder die gesamte Religionsgeschichte aus den Angeln heben, noch riesigen Profit aus einem schlecht geschriebenen Verschw√∂rungsplot ziehen. Sie visualisiert allerdings beharrlich in ihren Arbeiten gesellschaftlich fragw√ľrdige Zust√§nde in ihrem Heimatland Indien und hat sich dadurch m√§chtige Feinde gemacht: Allen voran den Anf√ľhrer der fundamentalistischen Hindu-Partei Shiv Sena Bal Thackeray, der sich eine hinduistische Kriegerherrschaft des 17. Jahrhunderts zur√ľckw√ľnscht und bei dem illegale Gewaltaktionen gegen Gesetzesneuerungen, gegen Angeh√∂rige anderer Religionen oder gegen seiner Ansicht nach westlich orientierte Wandlungen zur politischen Ideologie geh√∂ren.
Die in Kanada lebende Filmemacherin problematisiert in WATER den Status der indischen Witwen und musste daf√ľr Todesdrohungen und zu Beginn der Dreharbeiten (2000) heftige Krawalle in der indischen Stadt Varanasi einstecken, so dass der Film vier Jahre lang auf Eis lag. Bis neues Geld aufgetrieben, indische Geb√§ude nachgebaut worden waren und endlich 2004 der komplette Film unter einem Decknamen in Sri Lanka gedreht werden konnte. Eine unglaubliche Energie gegen einen Film, der f√ľr meine Augen so gar nichts Neues offenbart.

Tod und Freiheit im Wasser vereint

WATER spielt 1938, zu einer Zeit also, als Mahatma Gandhi bereits sein Konzept des zivilen Ungehorsams gegen die britische Kolonialregierung praktizierte. Sein Name schwebt wie ein guter Geist durch den gesamten Film, auf ihn konzentriert sich die Hoffnung der Bev√∂lkerung. Auch unter den 14 Witwen, die in einem am heiligen Ganges gelegenen Ashram ihre Lebenszeit im wahrsten Sinne des Wortes absitzen, sorgt Gandhis gelebte Utopie f√ľr Gespr√§chsstoff. Ein weiterer Katalysator der Ereignisse ist die achtj√§hrige Chuyia (Sarala, ein M√§dchen, das hier seine erste Rolle spielt), frisch verwitwet und √ľberhaupt nicht gewappnet f√ľr das Leben, das sie nun zu f√ľhren hat. Die Kamera starrt geradezu auf das ritualisierte Abrasieren ihres Kopfhaars, auf das Schaben des Messers und Chuyias duldendem Warten auf das Ende der Prozedur.
Nach den "Gesetzen des Manu", einer √ľber 2000 Jahre alten Art religi√∂ser Gebots- und Gesetzessammlung der Hindus, folgt die ideale Gattin ihrem verstorbenen Mann in den Himmel. W√§hlt die Frau nicht die damals offiziell bereits verbotene Witwenverbrennung, f√ľhrt sie das Leben einer bettelnden, keuschen Asketin, die von der Gesellschaft als gef√§hrlich angesehen wird, da sie andere M√§nner in Versuchung f√ľhren oder das Karma des verstorbenen Gatten besch√§digen k√∂nnte.
Chuyias Anpassung an das Witwenleben f√ľhrt uns vor, was es de facto bedeuten konnte, in einem Kloster √§hnlichem Ashram zu leben, in dem hierarchische (ungerechte) Strukturen regieren und in diesem Fall die sch√∂nste Witwe die h√§rteste B√ľrde tragen darf: Kalyani (Lisa Ray) sorgt f√ľr die Finanzen, indem sie den reichen Brahmanen auf der anderen Seite des Flusses zur Verf√ľgung steht. Als sich der ebenso attraktive und reiche Gandhi-Fan Narayan (Model und Bollywood-Star John Abraham) in Kalyani verliebt und sie auch gegen die gesellschaftliche Praxis heiraten will, legt sich der unm√∂glich erf√ľllbare Tugendanspruch an die Witwen zwischen das Paar und l√§sst die gegenw√§rtigen Machtverh√§ltnisse offensichtlich werden. Dadurch l√∂st sich eine der gebildeteren Witwen, Shakuntala (Seema Biswas) aus ihrer apathischen Demutsstarre und setzt die junge Chuyia in den Zug Richtung Unabh√§ngigkeit, in Gandhis gute Gesellschaft.

Eine filmische Träne in nostalgischer Pracht

Der Film stellt vorsichtig Fragen nach dem Sinn von religi√∂sen Gebr√§uchen, die die Gesellschaft zu einer abf√§lligen Behandlung der Witwen zu berechtigen scheinen. Deepa Mehta √ľbersch√ľttet uns mit einer √ľppigen, farbenpr√§chtigen Bildsprache, die so m√§chtig und eindeutig ist, das man sich die (eigentlich auch unwichtigen) Dialoge fast h√§tte schenken k√∂nnen - ein filmischer Toast auf die eigentliche Sch√∂nheit des Landes, seiner Feste und Menschen und eine filmische Tr√§ne f√ľr die 34 Millionen heutigen Witwen, die immer noch mit Diskriminierungen k√§mpfen m√ľssen.

AVIVA-Tipp: Hollywood-Bollywood-Melodram aus einem verkitschten Nostalgia-Indien, aber mit religiös-politischer Brisanz.

Lesen Sie auch das Interview mit Deepa Mehta.


WATER
Buch und Regie: Deepa Mehta
Darstellende: Seema Biswas, Lisa Ray, John Abraham u.a.
Produktion: David Hamilton Produktion
Verleih: Universum Film
Deutschland (FSK): Freigegeben ab 12 Jahren
Länge:118 Minuten
Filmstart: 7. September 2006
www.water-derfilm.de

Kultur Beitrag vom 13.09.2006 AVIVA-Redaktion 





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