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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.10.2005

Paradise Now
Karin Effing

Der pal√§stinensische Regisseur Hany Abu-Assad hat schon auf der Berlinale mit seinem Film √ľber die letzten Tage zweier Selbstmordattent√§ter begeistert. Sehenswertes Werk, das nachdenklich macht.



Die Freunde Khaled und Sa√Įd jobben im Westjordanland in einer Autowerkstatt. Die beiden Pal√§stinenser sind seit ihrer Kindheit befreundet. Sie rauchen √ľber der Stadt gemeinsam ihre Wasserpfeife, genie√üen die Aussicht und schweigen einvernehmlich.
W√§hrend die beiden Freunde entspannt auf ihrem Aussichtspunkt sitzen, zieht Khaled Sa√Įd sanft damit auf, dass Suha ihn anscheinend m√∂ge. Er trifft damit den Nerv, denn sein Freund hat sich l√§ngst in die Tochter eines von seinen Landsleuten als M√§rtyrer gepriesenen und im Kampf gegen die Israelis gefallenen Freiheitsk√§mpfers verliebt. Sie hat lange Zeit in Frankreich gelebt und ist erst k√ľrzlich zur√ľck in ihre Geburtsstadt gekommen.
Suhas √úbergang am israelisch-pal√§stinensischen Checkpoint stellt den Auftakt des sch√∂n fotografierten Filmes dar. Feindselige Augen starren sich in dieser Szene an, Menschen, die sich hassen, die voll Misstrauen sind und vom schlimmsten ausgehen. W√§hrend der israelische Soldat die Kleidung im Koffer untersucht, richtet ein anderer Soldat das Maschinengewehr auf die junge Frau. Ein Koffer ist nicht mehr einfach nur ein Koffer, sondern auch ein Gep√§ckst√ľck, in dem sich Sprengstoff befinden kann.
Die beiden jungen M√§nner wurden daf√ľr bestimmt, sich als Selbstmordattent√§ter in Tel Aviv in die Luft zu sprengen, jetzt ist ihre Stunde gekommen. Die voraussichtlich letzte Nacht ihres Lebens d√ľrfen sie noch einmal im Kreise ihrer Familien in Nablus verbringen. Selbstverst√§ndlich aber muss ihr Vorhaben streng geheim bleiben, so dass ihnen ein wirklicher Abschied von ihren Angeh√∂rigen verwehrt ist. Am n√§chsten Morgen werden sie an die israelisch-pal√§stinensische Grenze gebracht. Die Bomben sind von au√üen unsichtbar an ihren K√∂rpern befestigt. Sie schl√ľpfen durch ein Loch im Zaun auf die israelische Seite, werden dann jedoch entdeckt und fliehen zur√ľck √ľber die Grenze. Sa√Įd verliert dabei den Anschluss und irrt, den Sprengstoff am Leib, umher. Khaled sucht ihn verzweifelt...

Die Dreharbeiten in Nablus, im Westjordanland und Tel Aviv dauerten von April bis Juni 2004 und fanden unter erschwerten Bedingungen statt, wie der Regisseur beschreibt:
"Es war eine kranke Vorstellung, einen Film dort drehen zu wollen. Jeden Tag wurden wir dort mit anderen Problemen konfrontiert. Beide, Israelis wie Pal√§stinenser, waren angehalten, zahlreiche Mitarbeiter zu besch√§ftigen. Aber mit einer solchen Entourage kann man nicht gleichzeitig drehen und weglaufen. Nicht mit 70 Leuten am Set und mit 30 Lastwagen! Einige pal√§stinensische Hardliner hatten sogar die Vorstellung, dass wir einen Film gegen die Pal√§stinenser drehen w√ľrden.
Wie auch immer, andere Gruppierungen und Splittergruppen unterst√ľtzten unseren Film, da sie davon √ľberzeugt waren, dass wir uns f√ľr Freiheit und Demokratie stark machten. Trotzdem erschien eines Tages eine Fraktion, die der Meinung war, wir w√ľrden die Selbstmordattent√§ter in keinem guten Licht erscheinen lassen, und rief uns mit vorgehaltenen Waffen zur Beendigung der Dreharbeiten auf. Da uns aber wieder andere K√§mpfer den R√ľcken freihielten, konnten wir weitermachen."


Trotz der schwierigen Umstände entschied sich Hany Abu-Assad bewusst, den Film mit 35-mm-Material zu drehen, obwohl es sicherlich einfacher gewesen wäre, das Projekt mit einer handlicheren Digitalkamera zu verwirklichen. Er habe einen Film machen wollen, der sich von den Bildern in den Nachrichten unterscheide, betont der Regisseur.
Sch√∂ne und eindr√ľckliche Bilder zeichnen den Film denn auch tats√§chlich aus. Sie zeigen Menschen mit ihren unterschiedlichen Motiven und ihrem Alltag. Und sie zeigen die Landschaft, den umk√§mpften Boden und die belebten und bedrohten St√§dte. Die Kamera schweift √ľber das H√§usermeer von Tel Aviv, wenn die beiden lebenden Bomben im Auto an ihren Bestimmungsort gefahren werden, und √ľber die H√ľgel des Westjordanlandes. Es sind diese Bilder, die nachdenklich machen und in der Zuschauerin einen neuen Ort schaffen, an dem frische und eindr√ľckliche Bilder m√∂glich sind. Stille Bilder, die menschlich sind und noch nicht abgestumpft und einseitig wie die Nachrichtenbilder.

Es war der Blick zwischen Menschen mit dem der Film begonnen hat und mit dem er enden wird. Dann jedoch ist es der Blick zwischen ZuschauerIn und dem Gegen√ľber auf der Leinwand.
Blicke finden zwischen Menschen statt. Der Film versucht, den menschlichen Blick auf die Selbstmordattentäter zu initialisieren.
"Ich wurde gewahr, dass wir niemals die Sichtweise und Hintergr√ľnde der T√§ter mitbekommen. Wie konnten sie diesen Schritt vor ihren Familien und vor allem vor sich selbst rechtfertigen? Wie auch immer man √ľber sie urteilen mag, sie haben ihre eigene, ihre ganz rationale Geschichte." teilt der Regisseur Hany Abu-Assad in einem Interview mit.

Der Film gewann in Berlin auf den 55. Internationalen Filmfestspielen den Publikumspreis sowie den Blauen Engel f√ľr den besten europ√§ischen Film.
"Paradise Now ist eine kleine Geschichte √ľber einen gro√üen Konflikt - moralisch, aber nicht moralisierend, ber√ľhrend, aber nicht sentimental. Ein Film, der zum Nachdenken zwingt, ohne belehrend zu sein. Ein Pl√§doyer daf√ľr, dass jeder Einzelne einen Unterschied machen kann." begr√ľndete die Jury die Auszeichnung mit dem Friedenspreis von Amnesty International.
Paradise Now geht f√ľr Pal√§stina ins Oskar¬ģ-Rennen 2005.

AVIVA-Tipp: Paradise Now von Hany Abu-Assad ist ein bewegender Film, der durch seine Menschlichkeit und seine sch√∂nen Bilder beeindruckt. Er vermeidet jede Polarisierung und wendet sich den Personen und ihren Geschichten zu und zeigt, dass Pers√∂nliches im Politischen nicht √ľbersehen werden darf.

Paradise Now
Regie: Hany Abu-Assad
Buch: Hany Abu-Asad, Bero Beyer
DarstellerInnen: Kais Nashef, Ali Suliman, Lubna Azabal
ProduzentInnen: Hengameh Panahi, Amir Harel, Gerhard Meixner, Roman Paul, Bero Beyer
Kamera: Antoine Heberlé
Schnitt: Sander Vos
90 Minuten
Verleih: Konstantin Film
Kinostart: 29. September 2005

Weitere Infos im Netz: www.paradise-now.film.de

Bei der Bundeszentrale f√ľr Politische Bildung gibt es Unterrichtsmaterial zum Downloaden


Kultur Beitrag vom 04.10.2005 AVIVA-Redaktion 





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