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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 20.10.2005

Ausgelesen - Interview mit Hatice Aky├╝n
Sharon Adler

Die Journalistin und Autorin von "Einmal Hans mit scharfer So├če" erz├Ąhlt ├╝ber das Leben in zwei Welten und wie sie als T├╝rkin mit deutschem Pass lustvoll aus den Reicht├╝mern beider Kulturen sch├Âpft



AVIVA-Berlin: "Einmal Hans mit scharfer So├če" behandelt das Leben in zwei Welten, den Spagat zwischen Berlin und dem Bosporus. Welches sind die Rosinen, die Sie aus beiden Kulturen herausgepickt haben?
Hatice Aky├╝n: "Rosinen herauspicken" klingt ein wenig negativ, sogar egoistisch. Ich bin gerne T├╝rkin und Deutsche gleichzeitig und sch├Âpfe lustvoll aus den Reicht├╝mern beider Kulturen. Manche meiner t├╝rkischen Eigenschaften konnte ich mir nicht aussuchen, weil sie Teil meines Charakters und meiner t├╝rkisch-traditionellen Erziehung sind. Zum Beispiel mein Temperament, mein ausgepr├Ągter Sinn f├╝r die Familie und mein Faible f├╝r Sch├Ânheitsrituale wie Augenbrauen zupfen, Oliven├Âlhaarpackungen oder Ganzk├Ârperwarmwachsentfernung.
Einige deutsche Tugenden, wie zum Beispiel P├╝nktlichkeit, Zuverl├Ąssigkeit und Ehrgeiz habe ich im Laufe der Jahre zu sch├Ątzen gelernt. Die T├╝rken sagen "Zeit ist immer da, warum also sich hetzen". Es ist schrecklich, st├Ąndig vor verschlossenen T├╝ren zu stehen, weil meine Familie P├╝nktlichkeit nicht ernst nimmt.
Am T├╝rkischsein gef├Ąllt mir die Kunst des Essens, Feierns und Liebens. T├╝rken haben einen ausgepr├Ągten Sinn f├╝r Lebensqualit├Ąt, Deutsche hingegen g├Ânnen sich selten etwas, kasteien sich oft und bekommen ein schlechtes Gewissen, wenn sie es sich mal gut gehen lassen.

AVIVA-Berlin: In welcher Situation/mit welcher Intention haben Sie Ihr Buch geschrieben? Gab es einen "Ausl├Âser" daf├╝r? Oder haben Sie das Thema schon l├Ąnger mit sich herumgetragen?
Hatice Aky├╝n: Es gab tats├Ąchlich einen Ausl├Âser. Und zwar, als meine langj├Ąhrige deutsche Freundin mich nach der Spiegel-Titelgeschichte "Allahs rechtlose T├Âchter", die ich verfasst habe, fragte, ob meine Eltern mich auch zwangsverheiraten wollten. Ich war sehr ├╝berrascht ├╝ber diese Frage, weil sie meine Familie doch gut kennt. Ich habe gemerkt, dass die Deutschen oftmals ein falsches Bild von T├╝rken in Deutschland haben. Nicht alle t├╝rkischen Frauen fristen ein freudloses Dasein. Nat├╝rlich gibt es t├╝rkische Frauen, die zwangsverheiratet werden oder von Familienangeh├Ârigen get├Âtet werden, das leugne ich nicht. Aber das ist f├╝r mich nicht t├╝rkisch, sondern unmenschlich. Ein Ehrenmord ist eine Straftat und f├╝r uns T├╝rken ebenfalls eine Trag├Âdie wie auch f├╝r die Deutschen. Tausende t├╝rkischer Frauen leben in Deutschland ein ganz normales, sogar langweiliges Leben, ohne Ehrenmorde, Unterdr├╝ckung und Kopftuch. Und genau dieses Leben einer t├╝rkischen Frau und ihrer Familie wollte ich beschreiben.

AVIVA-Berlin: Wie reagieren Sie auf die Floskel: "Sie sprechen aber gut Deutsch"?
Hatice Aky├╝n: Fr├╝her bedankte ich mich, weil ich dachte, dass es ein Kompliment ist. Sp├Ąter wurde ich w├╝tend, weil die Floskel mich daran erinnerte, dass ich niemals "dazugeh├Âren" w├╝rde, egal wie angepasst ich bin und wie gut ich die Sprache spreche. Heute lache ich dar├╝ber und antworte: "Sie aber auch" oder "Wahnsinn, was das deutsche Bildungssystem doch alles hervorbringt." Aber ich kann nur deshalb so unbeschwert damit umgehen, weil ich l├Ąngst angekommen bin, egal ob es die Deutschen wollen oder nicht. Ich bin ein Teil dieses Landes.

AVIVA-Berlin: Sie tragen kein Kopftuch - wie empfanden Sie die Diskussion um das Kopftuch und was sagt es f├╝r Sie aus?
Hatice Aky├╝n: Ich werde sehr oft von meinen deutschen Freunden gefragt, was ich ├╝ber das Kopftuch denke. Ich antworte ihnen, dass meine Mutter und meine ├Ąlteste Schwester Kopftuch tragen, dass ich Gegner und Bef├╝rworter des Kopftuches bin, also beide Positionen gut verstehe. Deshalb kann ich mich nicht klar auf die eine oder andere Seite stellen. Ich kann nur f├╝r mich pers├Ânlich entscheiden, und ich habe beschlossen, dass ich kein Tuch tragen will. Meine Mutter tr├Ągt es, weil sie es nach ├╝ber sechzig Jahren auf ihrem Kopf nicht einfach abstreifen kann. Es geh├Ârt zu ihrem Leben. Meine gro├če Schwester tr├Ągt es, weil sie eine Muslime ist, die ihren Glauben praktiziert. Ich bin eine T├╝rkin, die fr├╝her Kopftuch getragen hat und es ablegte, weil sie sich damit nicht wohl f├╝hlte.

AVIVA-Berlin: Was lesen Sie zur Zeit - und warum?
Hatice Aky├╝n: Ich lese "Im Sinkflug" vom jungen Berliner Autor Alexander Schimmelbusch. Das Buch habe ich zuf├Ąllig in die H├Ąnde bekommen und bin total begeistert. Der junge Ich-Erz├Ąhler in Schimmelbuschs Deb├╝troman ist an seinem Ende angekommen. Er ist ein erfolgreicher, deutscher Investmentbanker, der von Erfolgsdeutschen in New York. Wodkak├╝ssen, Schlaflosigkeit in klimatisierten Hotelsuiten berichtet. Trotz Erfolg und Reichtum, findet er nur Zuflucht in der K├Ąlte des Rationalen. Alexander Schimmelbuschs Buch k├Ąmpft gegen die Verdr├Ąngung, Selbstbetrug und Oberfl├Ąchlichkeit in einer erfolgsbestimmten Zeit. Das Buch verwirrt, irritiert und fasziniert zugleich. Schimmelbusch selbst hat mit Mitte zwanzig seine erste Million als Investmentbanker verdient, verbrachte f├╝nf Jahre als Berater bei Fusionen und ├ťbernahmen im Dienste einer Investmentbank und versank in einem Sumpf aus Sex, Alkohol und Drogen. Er wei├č also, wovon er schreibt.

AVIVA-Berlin: Auf welche Neuerscheinung sind Sie gespannt?
Hatice Aky├╝n: Ich freue mich auf Arno Geigers Familienroman "Es geht uns gut".

AVIVA-Berlin: Welches Buch w├╝rden Sie niemals verborgen?
Hatice Aky├╝n: "Der F├Ąnger im Roggen" von JD Salinger. Aber nur, weil ich Anmerkungen und Notizen in meine Ausgabe geschrieben und Lieblingss├Ątze unterstrichen habe.
"Und ich fragte mich, wer nun verr├╝ckt geworden war. Ich oder die Welt? Und ich tippte auf die Welt! Und nat├╝rlich hatte ich Recht!".

AVIVA-Berlin: Stellen Sie sich vor, Sie bek├Ąmen heute 1 Million Euro f├╝r Berlin. Welches Projekt w├╝rden Sie sofort retten oder ins Leben rufen?
Hatice Aky├╝n: Ich w├╝rde Integration anschaulicher machen. Zum Beispiel ein Projekt ins Leben rufen, das den Namen tragen k├Ânnte: "Deutsch-t├╝rkische Liebenswertigkeiten". In kleinen Gruppen k├Ânnten Deutsche und T├╝rken sich gegenseitig die sch├Ânen Seiten ihrer jeweiligen Kultur aufzeigen und sich n├Ąher kennen lernen. Und als Begleiterscheinung w├╝rde das Deutsch vieler T├╝rken verbessert werden.

AVIVA-Berlin: Wen halten Sie f├╝r untersch├Ątzt?
Hatice Aky├╝n: Ich halte die Leistung meines Vaters von den Deutschen f├╝r untersch├Ątzt, dass er vor ├╝ber 30 Jahren seine Schafherde in Anatolien f├╝r ein Bahnticket nach Deutschland verkaufte, um seiner Familie ein besseres Leben zu erm├Âglichen, ohne jedoch zu wissen, ob es ihm auch gelingen w├╝rde.

AVIVA-Berlin: Wenn morgen Ihr erster Tag als Bundeskanzlerin w├Ąre - welches Gesetz w├╝rden Sie sofort erlassen oder abschaffen?
Hatice Aky├╝n: Pflichtschuljahr f├╝r t├╝rkische Kinder, bevor sie in die erste Klasse eingeschult werden.

AVIVA-Berlin: Ihr n├Ąchstes Projekt?
Hatice Aky├╝n: Ich m├Âchte nach Afghanistan reisen, um jene Frauen wieder zu treffen, die ich vor zwei Jahren f├╝r eine Reportage ├╝ber die neu gewonnene Freiheit der afghanischen Frauen interviewt habe. Ich m├Âchte wissen, was aus ihnen geworden ist.

AVIVA-Berlin: Ihre Visionen und Ziele?
Hatice Aky├╝n: Dass ich nicht mehr gefragt werde, wo meine Wurzeln liegen, dass ich irgendwann ganz selbstverst├Ąndlich sagen kann, dass ich Deutsche bin, ohne die Bemerkung: "Aber deutsch siehst du nun wirklich nicht aus", dass Deutsche und T├╝rken sich problemlos in der deutschen Sprache verst├Ąndigen k├Ânnen.

AVIVA-Berlin: Dankesch├Ân und alles Gute f├╝r Sie und Hans!

Lesen Sie auch die Rezension zu "Einmal Hans mit scharfer So├če".

Kultur Beitrag vom 20.10.2005 Sharon Adler 





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