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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 20.02.2006

Die Preistr├ĄgerInnen der 56. Berlinale
Tatjana Zilg

Elf nachdenklich-cineastische, aufregende und glamour├Âse Tage sind vorbei: Fast 400 Filme wurden gezeigt. Den Goldenen B├Ąren erhielt das bosnische Drama "Grbavica" von Jasmila Zbanic.



Noch einmal liefen die RegisseurInnen, ProduzentInnen, SchauspielerInnen und alle weiteren Mitwirkenden, die dem Publikum ├╝ber das ganze Jahr spannende, melancholische, r├╝hrende und bewegende Kinoabende bescheren, ├╝ber den roten Teppich.
Besonders J├╝rgen Vogel posierte gutgelaunt vor den FotografInnen, nachdem "Der freie Wille" besser aufgenommen wurde als f├╝r ein derma├čen einseitiges Vergewaltigungsdrama zu erwarten war. Der Film erz├Ąhlt in 163 langen Minuten die Geschichte von Theo (J├╝rgen Vogel), der nach 9 Jahren aus dem Ma├čregelvollzug entlassen wird, wo er wegen Vergewaltigung inhaftiert war. Nichts hat sich f├╝r ihn innerlich ver├Ąndert und so muss er gegen seine inneren Triebe, Frauen zu erniedrigen, weiter ank├Ąmpfen. Eine kleine Wende ergibt sich, als er Nettie (Sabine Timoteo) kennenlernt und die beiden sich verlieben. Doch die Beziehung hat keine gro├če Chancen. Ob es dramaturgisch besonders klug ist, die Freundin eines Triebt├Ąters Nettie zu nennen, ist genauso fragw├╝rdig wie die meisten der Statements, die Regisseur Matthias Glasner und J├╝rgen Vogel auf der Pressekonferenz verlauten lie├čen. Nach dem Zweck befragt, sagte Matthias Glasner beispielsweise eine "Entd├Ąmonifizierung" der T├Ąter bewirken zu wollen. Ob das dadurch gelingt, indem man ein Opfer zur T├Ąterin werden l├Ąsst - Nettie wird von einem der ehemaligen Opfer Theos aus Rache vergewaltigt, als sie diese zu einem Kl├Ąrungsgespr├Ąch aufsucht - ist anzuzweifeln.
Tats├Ąchlich erhielt J├╝rgen Vogel einen Silbernen B├Ąren f├╝r eine herausragende k├╝nstlerische Leistung. Er wirkte an dem Film auch als Drehbuchautor und Co-Produzent mit.

Viel erfreulicher ist die Auszeichnung des bosnischen Dramas "Grbavica" mit dem Goldenen B├Ąren.
"Als Teenager war ich haupts├Ąchlich an Sex interessiert, oder mehr noch am Reden ├╝ber Sex, am Tr├Ąumen von Sex als gr├Â├čte Erf├╝llung der Liebe. Aber 1992 war pl├Âtzlich alles anders und ich begriff auf einmal, dass ich mich in einem Krieg befand, in dem Sex als Kriegsstrategie benutzt wurde, um Frauen zu erniedrigen und damit die Vernichtung einer ethnischen Gruppe herbeizuf├╝hren! W├Ąhrend des Krieges wurden in Bosnien 20.000 Frauen systematisch vergewaltigt", erz├Ąhlt die Regisseurin Jasmila Zbanic, die auch das Drehbuch schrieb, ├╝ber ihre Motivation, einen Film ├╝ber das schwierige Thema zu machen, wie eine betroffene Frau versucht, sich und ihrer Tochter ein Leben jenseits des Traumas zu erm├Âglichen. "Als ich mein Kind auf die Welt brachte, ein Kind der Liebe, hat die Mutterschaft in mir ein Gef├╝hlschaos verursacht, das mich sehr schockiert hat. Ich habe mich gefragt, was f├╝r eine emotionale Bedeutung das f├╝r eine Frau haben muss, die ihr Kind im Hass empfangen hat."
Sie schrieb die Geschichte der allein erziehenden Esma, die ihrer 12-j├Ąhrigen Tochter Sara die ersehnte Teilnahme an einer Klassenfahrt erm├Âglichen will. Mit einem Nachweis, der best├Ątigt, dass Saras Vater ein Kriegsheld (shaheed) war, w├╝rde sie eine Erm├Ą├čigung bekommen. Aber Esma wehrt Saras Fragen nach der Bescheinigung ab. Sie versucht, das ganze Geld f├╝r den Ausflug ihrer Tochter aufzutreiben. Sie ist davon ├╝berzeugt, dass sie das Geheimnis um den Vater von Sara bewahren muss, um ihre Tochter und nicht zuletzt auch sich selbst zu sch├╝tzen.

Den Silbernen B├Ąren teilen sich "En Soap" von Pernille Fischer Christensen - eine d├Ąnische Kom├Âdie ├╝ber die turbulente Beziehung zwischen Charlotte, der Besitzerin einer Sch├Ânheitsklinik, und ihrer transsexuellen Nachbarn Veronica - und das iranische Sozidrama "Offside" von Jafar Panahi. Anhand von dem Schicksal einiger Frauen, denen der Eintritt als Zuschauerinnen zum WM-Qualifikationsspiel Iran gegen Bahrain verwehrt wird, reflektiert er die Situation von Frauen im Iran.
Der Silberne B├Ąr f├╝r die beste Regie ging an Michael Winterbottom und Mat Whitecross f├╝r "The Road to Guantanamo" ├╝ber drei britische Muslime, die aufgrund einer Verwechslung im Gefangenlager Guantanamo Bay inhaftiert waren.

Zwei deutsche Schauspielerinnen erhielten die Silbernen B├Ąren f├╝r die besten DarstellerInnen: Sandra H├╝ller f├╝r die Hauptrolle in "Requiem" von Hans-Christian Schmid, mit dem sie ihr Kinodeb├╝t gab, und der immer wieder gern auf der Leinwand gesehene Moritz Bleibtreu, der in der Adaption des Michel Houellebecq - Romans "Elementarteilchen" von Regisseur Oskar R├Âhler ("Der alte Affe Angst") den Bruno Klement spielt.

Aber es wurden neben den Beitr├Ągen des Wettbewerbs mindestens ebenso sehenswerte Filme im Panorama, Forum und der Perspektive Deutsches Kino gezeigt, f├╝r die viele unabh├Ąngige Organisationen kleine und gro├če Preise vergaben, teils mit Gelddotierungen.

Am bekanntesten d├╝rfte der Panorama-Publikumspreis sein, ├╝ber den die Berlinaleg├ĄngerInnen im Anschluss an die Vorstellungen mit Einwurfkarten abstimmen k├Ânnen. Dieses Jahr bewies sich erneut, dass die ZuschauerInnen Wert legen auf sehenswerte Dokumentationen mit ernsten Themen, die kurzweilig und humorvoll pr├Ąsentiert werden. Den ersten Preis bekam "Paper Dolls" aus Israel von Tomer Heymann. Er gab einer Gruppe philippinischer Transvestiten, die in Israel als Betreuer von alten Menschen arbeiten, eine filmische B├╝hne und sorgte zugleich f├╝r ├Âffentliche Aufmerksamkeit f├╝r den unsicheren Rechtsstatus der liebenswerten Hilfsaltenpfleger. "Paper Dolls" wurde auch von der Siegess├Ąule-LeserInnen-Jury ausgezeichnet. Den zweiten Platz beim Panorama-Publikumspreis konnte "Estrellas De La L├şnea" von Chema Rodr├şguez einnehmen. Die Hintergrundsreportage berichtet ├╝ber die Frauenfu├čballmannschaft "The Railroad All-Stars", die von Prostituierten aus Guatemala gegr├╝ndet wurde, um den Alltag durch Sport und der Teilnahme an Laien-Turnieren zu entfliehen und zugleich auf ihre erschwerten Lebensbedingungen aufmerksam zu machen. Auf dem dritten Platz r├╝ckte der Spielfilm "Breakfast On Pluto" von Neil Jordan. Die Adaption einer Novelle von Patrick McCabe ist eine bitters├╝├če, sehr lustige und sehr nachdenkliche stimmende Tragikom├Âdie ├╝ber einen jungen Transvestiten, der in Irland aufw├Ąchst und nach einer Liebschaft mit einem IRA-aktiven Glamrockstar nach London geht, in der Hoffnung dort seine Mutter, die er nie kennenlernen dufte, zu treffen.

Der Teddy Award ging dieses Jahr an einem Film, der ├╝berraschenderweise im Kinderfilmfest lief. "Ang Pagdadalaga ni Maximo Olivieros" von Auraeus Solito erz├Ąhlt, wie der zw├Âlfj├Ąhrige Maxi hin- und hergerissen ist zwischen der Solidarit├Ąt zu seiner kriminellen Familie und der Schw├Ąrmerei f├╝r einen jungen Polizisten. Erstaunlich ist, dass es f├╝r Maxi bereits v├Âllig klar ist, homosexuell zu sein. In sexy Shorts flaniert er durch seine Gasse und trifft sich mit gleichaltrigen Freunden, um Transvestiten-Modenschauen zu spielen. Das wird von der Umgebung und von seiner Familie liebevoll toleriert, gro├če Probleme entstehen durch den Handel seines Vaters und seinen gro├čen Br├╝dern mit gestohlenen Handys. Maxi muss sich entscheiden, wo er selbst steht, was er aus seinen eigenen Leben machen m├Âchte.
"Au-Del├á De La Haine" von Olivier Meyrou erhielt den Dokumentarfilm-Teddy f├╝r die detailgetreue Darstellung und als tiefgr├╝ndiges Beispiel menschlicher Gerechtigkeit im Angesicht antischwuler Gewalt. Der Kurzfilm-Teddy ging an "El Dia Que Mor├ş" von Maryam Keshavarz f├╝r die komplexe und subtile Erz├Ąhlweise der Geschichte eines jungen M├Ądchens, das zum ersten Mal Liebe und Liebeskummer erf├Ąhrt.

Den Femina-Film-Preis des des Verbandes der Filmarbeiterinnen e.V. erhielten Yasmin Kahlifa und Carola Gauster f├╝r das Szenenbild in "Bye Bye Berlusconi!" von Jan Henrik Stahlberg. "Wenn die Absurdit├Ąt der Wirklichkeit die Fiktion ├╝bertrifft, ist Trash die richtige Antwort. Dabei entsteht ein humorvolles Vexierspiel zwischen verschiedenen Ebenen - Reality-TV, Werbeclip, Traum, Thriller, Porno, Gangsterfilm und Bauerntheater. Gemeinsam mit Drehbuch und Regie pr├Ągt die spielerische und phantasievolle Ausstattung den Charakter des Filmes als politische Groteske", begr├╝ndete die Jury ihre Entscheidung.

Lesen Sie auch das AVIVA-Interview mit Tomer Heymann, dem Regisseur des Dokumentarfilms "Paper Dolls", der den Panorama-Publikumspreis gewann, sowie von der Siegess├Ąule-LeserInnen-Jury ausgezeichnet wurde.

Kultur Beitrag vom 20.02.2006 AVIVA-Redaktion 





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